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Max von Schenkendorf: Gedichte - Kapitel 110
Quellenangabe
typepoem
authorMax von Schenkendorf
titleGedichte
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
editorEdgar Groß
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151005
projectid5a867da8
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Dem Andenken der verklärten Frau Henriette Gottschalk, gebornen Hay.

1.

Wag' ich endlich auszusprechen,
Was sich längst in mir bewegt?
Darf ich nun das Schweigen brechen,
Das du selbst mir aufgelegt?

Ave dir in deiner Krone,
Jüngste Heil'ge, sei gegrüßt!
Schönste Braut am Königsthrone,
Wo die Sternenblume sprießt.

Vor den Menschen will ich preisen
Dich und deine Seligkeit,
Mit den Hymnen, mit den Weisen
Aus der glaubenvollen Zeit.

Aber ach, ich kann nicht singen,
Wie ich gerne will und soll,
Mit dem Weinen muß ich ringen,
Und mein Herz ist kummervoll.

Sieh mich an in meiner Demut,
Deinen Jünger, deinen Freund,
Lindre mir die tiefe Wehmut,
Heil'ge, die mit Gott vereint.

2.

Warum willst du von uns fliehen?
Weile, weile, schöner Stern!
Ach, so schön noch im Verglühen,
Voll der Herrlichkeit des Herrn.
Labtest uns mit deinem Schimmer
Wie ein heller Ostertag,
Liebten also dich, daß nimmer
Unser Herz dich missen mag.

3.

Blüten wehen, Lieder klingen
Durch des Lenzes grüne Hallen,
Liebestrunkne Nachtigallen
Hört man von den Rosen singen.

Und auch du, o Liederseele,
Regest nun die zarten Flügel;
Ach, zu welchem Blumenhügel
Schwebet meine Philomele?

Nur in Sarons Rosendüften
Will sie künftig sich berauschen
Und auf Engelharfen lauschen,
Sanft umspielt von Himmelslüften.

Doch sie werden ihr bald lauschen,
Schweige du, mein tiefes Grämen!
Bald wird man ihr Lied vernehmen,
Wo die Lebensbäche rauschen.

4.

Dem kalten Tode war nicht Macht gegeben,
    Zu nahen sich der Lieblichen und Frommen;
    Im tiefsten Innren war ihr früh entglommen
    Ein strahlendes und wunderbares Leben.

Als ihre letzte Stunde nun gekommen,
    Sah man den Himmelsknaben niederschweben,
    Um den die süßen Frühlingsträume weben,
    Im höchsten Schmerz war höchste Lust verschwommen.

Die sel'ge Brautnacht war's, in der zur Erde
    Der Mai sich fügt mit holdem Liebesgruße.
    Zur Dulderin mit freundlicher Gebärde

Trat er und weht' sie an mit Blütenzweigen.
    Das Leben raubt' er ihr im ersten Kusse  
    Der sel'ge Geist flog auf zum Himmelsreigen.

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