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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Der Schreckenstein und der Elbstrom

Der Schreckenstein

    Was rauschest Du ewig mit junger Fluth
Von blühenden Ufern umzogen?
Was leitest Du fernhin das silberne Blut
Gethürmt in bläuliche Wogen?
Versiegt Dir nimmer die wirkende Kraft,
Die erst das Leben zum Leben schafft?
Ist nie der Geist Dir entflogen?

Elbstrom

    Wol stürz' ich vom Felsen die Thäler entlang,
Genährt von unzähligen Quellen;
Wol flüstern die Lüfte im Liebesgesang
Und küssen die tanzenden Wellen;
Doch endlich entflieht mir die wogende Macht,
Begräbt sich tief in des Meeres Nacht,
Wo die Fluthen des Ozeans schwellen.

Schreckenstein

    Doch verjüngst Du Dich ewig mit neuer Gewalt;
Noch lispelt die Welle und flimmert,
Noch glänzt Dir die jugendlich volle Gestalt,
Wie sie seit Aeonen geschimmert;
Doch ich, gemordet vom Drange der Zeit,
Ich sinke zur ew'gen Vergessenheit,
Seit mich die Zwietracht zertrümmert.

    Auch ich war einst jung; mit herrlicher Pracht
Entstiegen die Thürme der Erde.
Die Keller umarmten die ewige Nacht,
Die die Leuchte des Tages nicht klärte.
Dem Raubgrafen sollt' ich ein Schrecken sein;
Drum tauften sie mich zum Schreckenstein,
Daß ich Schutz den Bewohnern gewährte.

    Da riefen Posaunen zum lustigen Mahl,
Es eilten die Ritter zum Feste;
Es schäumte vom purpurnen Blut der Pokal,
Der die Zungen der Taumelnden näßte.
Die Sänger erwarben mit Harfenton
Für süße Gaben den süßeren Lohn,
Den Frauen die liebsten der Gäste.

    Doch endlich brach es mit wilder Gewalt
Durch die heiligen Schranken des Lebens,
Und schreckbar nahte in Schlachtengestalt
Das Ende des ewigen Strebens.
Es klirrten Schwerter, wild braus'te die Gluth,
Die Mauern düngte der Edlen Blut;
Doch die Kraft war, die Stärke vergebens.

    Das weckte mich grausend aus stolzem Traum.
Die Flamme in farbigen Säulen
Durchwogte wild der Gemächer Raum,
Und ich stürzte in Windes Heulen
Und begrub im Falle der Edlen Gebein.
Da zog der Uhu als Burgherr ein
Und mit ihm als Knappen die Eulen.

    Und in den Kammern ward's wüst und leer,
Versiegt war die menschliche Rede;
Da kamen die Weisen, die Altklugen her
Und riethen, daß man mich besä'te.
Der herrliche Saal, wo sonst Ritter gezecht,
Er schien den Herren zur Scheuer gerecht;
Sie machten den Zwinger zum Beete.

    Für zertrümmerte Größe das hohe Gefühl,
Es ist aus dem Leben verschwunden;
Der Vortheil nur ist ihr einziges Ziel,
Er hat sie mit Fesseln gebunden.
Vom eitlen Gute, von Silber und Gold,
Nicht von des Ruhmes ewigem Sold
Sind die niedrigen Herzen entzunden.

Elbstrom

    Du Armer! Doch gleicht dem Deinen mein Loos,
Das Du so herrlich gepriesen.
Wol bad' ich der Erde fruchtbaren Schooß,
Es blitzen die Wellen und fließen
Und stürzen sich über den felsichten Grund
Bis zu des Meeres unendlichem Schlund,
Um ferne Länder zu grüßen.

    Doch Sinken und Sterben ist auch mein Geschick.
Zwar rausch' ich durch blühende Lande;
Noch kehrte mir keine der Wellen zurück,
Und einst verrinn' ich im Sande,
Wenn die Himmelsthräne nicht länger schwellt.
Das Gesetz, das ewige, wahre der Welt,
Es führt mich von Strande zu Strande.

    Erst stürz' ich mich jauchzend in Knabenlust
Ueber Felsengeklüfte mit Rauschen,
Und nimmer sehnt sich die fröhliche Brust
Mit einem der Ströme zu tauschen;
Doch endlich legt sich der wilde Drang,
Das Toben, es wird zum süßen Gesang,
Daß liebende Herzen ihm lauschen.

    Und schöner fängt das Gestad' an zu blühn.
Zwar bin ich vom Fels noch umfangen;
Doch bauen sich Hütten an Ufers Grün
Und Gärten mit freundlichem Prangen.
Ich bringe der Liebe den traulichen Gruß
Und murmele lauter zum ersten Kuß,
Entflammt vom regen Verlangen.

    Und breiter und stiller entwog' ich die Bahn,
Es erheben sich Mauern und Städte,
Es stillt sich der Strand mit Geschäftigen an,
Laut hör' ich die menschliche Rede;
Doch furchtbar treibt mich mein Sehnen hinab,
Nicht acht' ich die Meerfluth, mein ewiges Grab,
Nicht acht' ich der Sterblichen Fehde.

    Denn es thürmt sich der Brücken steinerne Last
Und will im Laufe mich zügeln;
Doch stürz' ich mich durch mit gewaltiger Hast,
Mit des Sturmwinds brausenden Flügeln;
Und überströmt sich die grenzende Flur,
Ernst wind' ich mich durch die verschrobne Natur,
Es werden die Berge zu Hügeln.

    Es werden die Felsengeklüfte zu Sand,
Und die Büsche, die lieblichen, sterben.
Mit weiteren Armen umfang' ich den Strand,
Da treibt's mich, das Ziel zu erwerben;
Und stolzer rausch' ich mit ernster Pracht,
Es reißt mich hinab in des Ozeans Nacht,
Es reißt mich hinab ins Verderben.

    Du schmücktest Dich einst mit festlichem Prunk
Und hast das Ende gewonnen;
Doch meine Qual, sie wird stündlich jung
Und nährt sich im ewigen Bronnen,
Und jede Welle ruft sie zurück,
Und flüchtig wie das verhaßte Geschick
Ist die Lust und die Jugend zerronnen.

Schreckenstein.

    Wol schwang sich die Freude vom Erdengrund
Hinauf in das Reich der Gedanken.
Es bricht die Zeit den gewaltigen Bund,
Es tritt die Welt aus den Schranken;
Denn der Mensch treibt mit dem Heiligsten Spott:
Er vergißt den Glauben, vergißt den Gott,
Und die Festen der Ewigkeit wanken.

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