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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 53
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Elegie.

Götter, seid doch barmherzig, dem Dichter gebührt Euer Mitleid;
    Götter! ist dies der Dank für die Verehrung des Lieds?
Hat er Euch darum gedient und olympische Namen gefeiert,
    Auf dem zerstörten Altar treu noch sein Opfer gebracht
Und das lässige Volk zum veralteten Dienste gerufen,
    Daß Ihr den herrlichsten Traum boshaft dem Durstigen stehlt,
Und die Tantalische Qual an der Priester treustem erneuend,
    Ihm das versprochene Glück neckend vorübergeführt!
Hat er Euch darum gedient und die bunten Kränze des Lebens
    Mit dem bescheidnen Schmuck kühlenden Lorbeers vertauscht? –
Wenn der Ehrgeiz rief, wenn die Donner der Schlacht ihn geladen
    Und das wilde Gewühl rauschend den Jüngling gelockt,
Hat er nicht freudig den Trieb nach dem schäumenden Leben bezwungen?
    Blieb er nicht sinnig und treu neben dem stillen Altar?
Wenn die tobende Lust, des Genusses wechselnder Taumel
    Wild die Gesellen ergriff und in Verzückung berauscht,
Wer gehorchte so sanft der dämmernden Stimme der Ahnung,
    Die für die stillere Brust träumend den Himmel verhieß?
Wer bewahrte das Herz sich rein und der Liebe geheiligt,
    Daß die Muse sich nicht schäme des neuen Altars?
Und ich hätte umsonst gehofft und vergebens gesungen,
    Und was die Ahnung versprach, blieb' nur ein flüchtiger Traum?
Götter, das lass't mir nicht zu, stürzt nicht in der glühenden Seele,
    Wo Euer Wort noch gilt, selbst die Altäre Euch um.
Ihr gebietet der Zeit, o begünstigt die Sehnsucht des Dichters,
    Flechtet die Stunde geschickt, daß ihr das Glück nicht entflieht!
Der Gelegenheit winke, Kronion, der lieblichsten Tochter,
    Mit ihrer flüchtigen Huld löse die Wünsche der Brust,
Daß die Stunde nicht wieder, die schönste, vergebens dahinwelkt,
    Wo das glühende Herz liebend auf Liebe gehofft,
Und vom heiligen Wort des segnenden Vaters umsäuselt,
    Gern ein verbundenes Paar küssend die Seelen getauscht. –
Stumm und in Träumen vertieft, saß ich in elysischer Nähe,
    Drückte das glühende Wort tief in den Busen zurück,
Mußte in nüchternem Witz und fadem Gespräch mich verlieren,
    Wie der stürmende Rhein traurig im Sande versiegt.
Nur ein einziges Glück, ein bescheidenes, blühte mir freundlich:
    Deines schwellenden Arms heimlich berührender Kuß.
Bis in die Fingerspitze herab stieg die glühende Seele
    Und begegnete sanft Deinem verwandten Gefühl;
War mir's doch, als zuckte ein Strahl des ewigen Tages
    Wie ein verklärter Traum durch das geängstigte Herz,
Wenn mir die liebe Hand auf dem bebenden Finger gezittert,
    Wenn ich den heimlichen Druck tief in der Seele empfand.
Wunderbar zweigen die Nerven in zahllos verschlungenen Gängen
    Durch den geheimen Bau menschlichen Lebens hindurch;
Wo der Gedanke entspringt und keck sich zur Sonne hinausdrängt,
    Wo das stille Gefühl heimlich zur Blüthe gereift
Und der krystallene Stern des Auges die Bilder verkündet,
    Die sich dem spiegelnden Blick treu und mit Klarheit vertraut,
Da versammeln die Fäden des Lebens ihr Ahnen und Hoffen,
    Und durch der Zweige Geflecht webt der alllebende Geist;
Bis zu der Spitze des Fingers schickt er die Boten der Seele,
    In der Berührung der Hand, Mädchen, begrüßt Dich sein Hauch.
Darum durchzückt es das Herz wie Ahnungsschauer, die Seelen
    Sind sich begegnet, ein Kuß hat die Vermählten durchglüht.
So des bescheidenen Glücks und des Augenblicks Gunst mich erfreuend,
    Saß ich bei Dir und verbiß, was mir die Sehnsucht gebot.
Gern hätt' ich mich getaucht in schweigender Träume Verzückung,
    Hätte Erinnerung gern still in die Seele geschlürft;
Aber da sollt' ich reden und all das erbärmliche Leben
    In die entfesselte Brust nüchtern herüber mir ziehn.
Reden mag wol der Mensch, der kalt in die Tage hineinstarrt,
    Aber nichtig verhallt doch in die Winde sein Wort;
Denn nur die Liebe versteht des Gespräches seligen Einklang,
    Und der verstummende Mund ist der beredte zugleich.
Manchmal gelang es uns wol, den tieferen Sinn, den verborgnen,
    Nur dem Geweihten bekannt, nur von der Liebe gelöst,
In den nüchternen Klang des leeren Gesprächs zu verweben,
    Und es ergetzte der Geist sich an der heimlichen List!
Süßes Spiel, das die Liebe in süßeren Stunden ersonnen,
    Wie so innig erquickst Du das verschmachtende Herz!
Magisch ziehst Du den Kreis um die Liebenden, jedes Geheimniß
    Wird ein blühender Ring, der an die Kette sich reiht,
Wird ein verborgener Platz, wo ihre Seelen sich finden,
    Wird ein stummes Gespräch, wird der Empfindungen Tausch. –
Endlich ergriff's Dich, mit Liedern geweckt, Du sangst, und ich horchte,
    Und es küßte der Blick Dir von der Lippe das Wort.
Flötend schwebte der Ton im Silber der liebenden Stimme,
    Auf dem rosigen Mund blühte der Frühling des Lieds.
Friedlich begeistert schloß sich das Auge, Du senktest die Wimper
    Ueber den heimlichen Stern all meiner Liebe hinab.
Was Du sangest, das frage mich nicht; ich hörte nicht Worte,
    Hörte den Einklang allein, wie er im Liede verschmolz.
Liebe! Liebe! so träumt' ich, so klangen die Töne herüber,
    Und in der stürmenden Brust brach sich unendlich der Schall.
Wie die Lippen sich hold zum melodischen Lächeln verzogen,
    Wie der schwellende Klang zärtlich dem Munde entfloh!
Die begeisterte Luft trank durstig die warmen Gefühle
    Und den lebendigen Hauch selig im Kusse hinweg;
Ach, wie beneidete ich die glückliche, die so vertraulich
    Auge, Lippe und Brust schwesterlich flüsternd umschlang! –
Da verstummte das Lied, es griff die nüchterne Prosa
    Kalt und erbarmungslos mir an das glühende Herz.
Die Erscheinung verschwand, die mich in den Himmel getragen,
    Und die irdische Welt warf ihre Kette nach mir.
Aber es sträubte der Geist, der göttlich gewohnte, sich muthig,
    Und er rettete kühn sich in die Töne des Lieds. –
Hör' ich die Stimme nicht mehr, die mir den Frühling gezaubert,
    Fühl' ich den seligen Druck nicht mehr in bebender Hand,
Flüstert kein Augenkrystall die ewigen Strahlen der Liebe,
    Was die Seele genoß, lebt mit der Liebe mir fort.
Jugend verwelkt, und die Zeit bezwinget sich selbst, die Erinnrung
    Taucht in den kühlenden Quell, Tod und Vergessenheit siegt.
Aber die Liebe besteht, und im ewigen Frühling der Seele,
    Tod und Vergessenheit wagt sich an kein liebendes Paar.

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