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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 52
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb7b1768e
modified20170915
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Bei Sonnenuntergang.

Träumend sitz' ich hier oben, in schwärmende Sehnsucht versunken,
    Denk' an die Liebe entzückt, denke begeistert an Dich.
Süße heilige Braut! vergieb! sieh, wenn ich Dich denke,
    Fühl' ich noch immer den Kuß heiß auf der Lippe mir glühn,
Sehe noch immer verschämt die Wange des Mädchens erröthen,
    Träume mir glücklich den Arm, wie er mich liebend umschlingt.
Heilige Liebe, vergieb, ich will Dir ja gerne gehorchen;
    Aber die Seligkeit löscht nichts in der Seele mir aus.
Denken doch darf ich daran, an die köstlichste Stunde des Lebens,
    Wo der Liebe Vertraun göttlich die Kette zerbrach,
Die die eiskalte Welt um Herz und Begeistrung geworfen,
    Wo ein liebendes Paar küssend die Seelen getauscht.
Nüchtern will uns die Welt, die Liebe will uns begeistert,
    Und die glühende Brust greift nach der glücklichen Wahl.
Aber Du willst die Welt, die gebietende, ungern verhöhnen,
    Wandelst die eigene Bahn sinnvoll zum Ziele hinauf.
Freundlich winkst Du mir zu; ich folge Dir, aber ich schaudre;
    Denn das glühende Herz bebt vor dem kalten Gesicht.
Schilt mich, Geliebte, drum nicht! zu voll ist die Seele des Jünglings,
    Und der Verwegene ruft gern sein Jahrhundert zum Kampf.
Aber den Frauen geziemt der Friede mit Leben und Sitte,
    Und ihr kindlich Gemüth spricht sich das stille Gesetz.
Toni, ich ehr' es, bei Gott, ich beneide Dich um diese Stärke,
    Nach der mein männliches Herz jetzt nur vergebens gesucht,
Bittend lag der Geliebte vor Dir, die Flamme der Liebe
    Warf den gewaltigen Sturm glühender Rede ihm zu;
Aber Du widerstandst, dem stillen Gesetze gehorchend,
    Und Dein Entschluß galt Dir mehr als dieser selige Rausch.
Toni, ich ehre Dich drum, ich beneide Dich! – Nein, nein, vergieb mir,
    Ich beneide Dich nicht, sieh, ich bekenn' es Dir frei.
Keine Gewalt kenn' ich mehr, die über die Seele gebietet,
    Nur die Liebe allein herrscht in der glücklichen Brust.
Sterben will ich für sie, und Tod und Verdammnis; verhöhnen,
    Aber ihr nicht widerstehn kann ich, nicht scheiden von ihr.
Und wenn sie selbst es gebeut, ich kann nicht, vergieb mir, Geliebte,
    Stelle den Tod mir dazu, Toni, ich kann nicht, vergieb!
Doch kein Wort halt' ich hoch, sei meine Sehnsucht Dir lästig,
    Keine Klage soll je mir aus dem Herzen entfliehn.
Nur das Eine vergönne, daß mir in sel'ger Erinnrung
    Still im Traum noch das Glück freundlich die Seele beschleicht,
Daß ich den Kuß auf der Wange, ach, Deinen Kuß mir noch träume,
    Und mich Dein lieblicher Arm noch in Gedanken umschlingt.

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