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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 201
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20170915
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Am 21. April 1812,

in der Augustiner-Kirche zu Wien.

Ich stand Dir gegenüber,
        In Sehnsucht aufgelöst.
Viel' Träume ziehn vorüber,
Nach Dir schau' ich hinüber –
        Und wo Du bist und stehst,
Da webt ein klarer Himmel
    Um Dich den lichten Schein,
Und in dem bunten Getümmel
        Bin ich mit Dir allein. –

Horch, da saust die Orgel nieder,
Todesklagen, Siegeslieder;
        Dies irae! stürmt der Chor.
Die Posaunen hör' ich blasen,
Und melod'sche Donner rasen
        Aus dem Chaos wild hervor. –

    Da ergreift mich der Geist,
    In dunkle Gesichte
    Taucht er das zuckende
    Sterbliche Auge;
    Und Erden splittern,
    Und Sonnen fallen,
    Und Vernichtung durchschreitet
    Die Meere der Welten
    Und donnert Entsetzen,
    Des jüngsten Gerichts
    Zermalmende Ahnung
    Ins zitternde Grab. –

Und es öffnet seine Schlünde,
Speit das Laster, speit die Sünde
    Aechzend aus der langen Nacht.
Was die laute Welt vergöttert,
Jede Größe liegt zerschmettert,
    Und im Staube kriecht die Macht.
Die Verzweiflung auf der Lippe
    Steht der Menschheit Geißel da,
Der Geopferten Gerippe
    Grinsen, ihrem Mörder nah.
Und die Welt verglüht im Brande,
    Reißt sich aus der Angel los,
Und die Erde schleudert ihre Schande
    Aus dem blutbefleckten Schooß. –

    Und durch donnernde Lüfte
    Und leuchtende Blitz
    Schreitet der Richter
    Zum Tag des Gerichts.
    Er sendet die Boten
    Der ewigen Liebe;
    Er sendet die Boten
    Der flammenden Rache
    Hinunter, hinunter,
    In alle vier Winde;
    Die führen die Seelen
    Zum Throne des Herrn.

        Und Zittern seh' ich
    Und bleiche Verzweiflung
    Auf jeder Stirne;
    Und Boten der Rache
    Ergreifen die Sünder
    Und treiben die Schaaren
    Mit flammenden Schwertern
    Zum Richter hinauf.

Aber unbekannt mit diesem Beben
    Stehn wir Beide, Arm in Arm geschlungen.
Das Gefühl, so ewig fort zu leben,
    Mit den Blüthen der Erinnerungen
Eine ew'ge Liebe zu verweben,
    Hat des Herzens Bangigkeit bezwungen.
Schuldlos sind wir, denn wir konnten lieben;
Fehlerlos ist ja kein Mensch geblieben.

Und zwei Engel seh' ich dort erscheinen,
    Lichte Knaben, winken mit der Hand,
Und wir folgen den verklärten Kleinen,
    Unsre Augen still hinauf gewandt.
Tiefe Rührung löst sich jetzt im Weinen;
    Wir erkennen unser Vaterland.
Fester halten wir uns nun umschlungen,
Und ein lichter Strahl hat uns durchdrungen.

Und auf einem Thron von klaren Sonnen
    Sitzt der Herr und lächelt uns entgegen:
»Dunkel hat das Streben zwar begonnen,
    »Doch die Liebe ging auf Euren Wegen.
»Wandert ein zum Reiche meiner Wonnen,
    »Mit der Liebe blüht und reift der Segen!« –
So der Herr; die Pforten schlugen auf,
Und die Seelen jubelten hinauf.

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