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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 194
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb7b1768e
modified20170915
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An Goethe,

als ich den Faust gelesen hatte.

    Fleug auf, mein Lied, fleug durch die Bahn der Sonnen,
Hinauf, hinauf! durch aller Himmel Raum!
Die Erde sinkt, das Dunkel ist zerronnen,
Ich bade mich im Urquell aller Wonnen;
Der Wahn entflieht, zur Wahrheit wird der Traum.
Im Frühlingshauche fühl' ich mich begeistert,
Mir flammt die Welt im nie gesehnen Brand,
Der Sänger, der den Sonnenlenker meistert,
Er reißt dem Gott die Zügel aus der Hand.

    Es flammt die neue Leuchte durch die Ferne,
Er zündet sie mit ewigjunger Gluth,
Und rauscht harmonisch durch das Reich der Sterne.
Starr bleibt der Gott, daß er die Bahn erlerne;
Denn nimmer taucht der Wagen in die Fluth.
Der Sänger lenkt ihn durch des Aethers Freie,
Sein Ruf gebeut dem göttlichen Gespann,
Er strebt, gesalbt von seines Liedes Weihe,
Zum Urquell ew'ger Lebensgluth hinan.

    Du hast die Zeit, den Weltendruck bezwungen,
Frei schwillt das hohe Herz in Sphärenpracht.
Durch aller Zonen Weite ist's erklungen,
Es jauchzen Dir harmonisch alle Zungen,
Das Todte ist zum Leben angefacht.
Was nie das junge Herz zu ahnen wagte,
Du sprichst es aus mit ungeheurer Kraft.
O! Heil der Sonne, die der Menschheit tagte,
Die sich die Welt zum Feuertempel schafft.

    Des Lebens höchstes Streben klingt im Liede,
Die Töne rauschen fern im Adlerschwung,
Zur höchsten Pracht entfaltet sich die Blüthe,
In Flammengluth verklärt, wie der Alcide,
Löst rosenroth der Tag die Dämmerung.
Und lieblich mit des zarten Frühlings Schnelle
Verjüngt sich die verödete Natur;
Gebadet in des Aethers heitrer Welle,
Tritt Faust hervor auf der erloschnen Spur.

    Es neigen sich die Himmel, Sterne zittern,
Die Welt entrinnt des Meisters hoher Hand.
Und wie im Strom von tausend Ungewittern
Die Eichen stürzen, greise Fichten splittern,
Und das Gesetz sich löst im ew'gen Brand,
Die Sonne doch zuletzt mit stolzem Prangen
Die Wolken bricht im ew'gen Siegerlauf:
So rauscht das Lied und will das All umfangen
Und löst den Blick in Wonnethränen auf.

    Es lebt in melodienvoller Stille
Hoch über Sonnenreichen der Gesang.
Heil Dir, Gewaltiger! mit Jugendfülle
Zerreißst Du kühn des Lebens finstre Hülle,
In goldner Luft wogt Deiner Stimme Klang.
O! selig, die des Liedes Nektar trinken,
Es trägt sie zu den Himmlischen hinauf.
Wenn einst die Welten, wenn die Sonnen sinken,
Blüht Dein Gebild im ew'gen Frühling auf.

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