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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 19
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150218
projectidb7b1768e
modified20170915
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Phantasie

Was schwelgt im Jubellied der Saiten?
Was überfliegt vergangne Zeiten
    Im Wechselsturm der Harmonie? –
Der Nachklang aus verwelkten Tagen,
Die uns ins bessre Land getragen,
    Heißt Phantasie!

Und was der Dichter still gegeben,
Wer zauberte sein Lied ins Leben?
    Wer schenkt den Worten Melodie?
Das nie Belebte wie das Todte,
Es athmet doch im Morgenrothe
    Der Phantasie.

Wo sich die Muse Tempel baute,
Ist sie die einzige Vertraute,
    Verlischt die heil'ge Flamme nie.
Es herrscht im Schmerz von Melpomenen
Wie in Thaliens heitern Tönen
    Nur Phantasie.

Was wär' der Jugend Frühlingsfülle,
Was wär des Herbstes reife Stille,
    Was Kunst und Leben ohne sie?
Hoch in des Glaubens Lichtgestalten,
Und wo der Liebe Zauber walten,
    Blüht Phantasie.

Am Schönsten reist das Kind der Musen
In edler Frauen edlem Busen,
    Im Sonnenstrahl der Poesie.
Der Frauen zartbesaitet Leben,
Ihr Lieben, Glauben, Hoffen, Streben
    Ist Phantasie. –

Und Deine Lippe dürft' es sagen:
Dich hätte nie ihr Flug getragen,
    Ihr Zaubergeist ergriff Dich nie?
Kann sich der Mai vom Frühling trennen?
Dein Liebling will Dich nicht erkennen:
    O weine, Phantasie!

Der Augen seelenvolle Klarheit,
Der Worte frühlingsheitre Wahrheit,
    Des ganzen Wesens Harmonie,
Das Seraphslied in Deinen Tönen, –
Wo fehlt' in diesem Kreis des Schönen
    Je Phantasie? –

Und steh' ich Dir so gegenüber,
Mit Liebesfülle weht's herüber,
    Und jedes Wort wird Melodie,
Und in des Lebens finstre Schranke
Tritt wunderhell der Traumgedanke
    Der Phantasie.

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