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Gutenberg > Theodor Körner >

Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 171
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
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Wallhaide

Wo dort die alten Gemäuer stehn
    Und licht im Abendroth schimmern,
Erhob sich ein Schloß auf waldigen Höhn;
    Nun liegt's versunken in Trümmern,
            Nun pfeift der Sturm
            In Saal und Thurm,
Nachts wandeln durch Thüren und Fenster
                Gespenster!

Da hauste ein Graf vor langer Zeit,
    Wol Sieger in manchem Strauße,
Gar wild und furchtbar in Kampf und Streit
    Und streng und ernst auch zu Hause;
            Doch, sein Töchterlein war
            Wie Sonne so klar
Und so mild und voll Lieb' und Freude,
                Wallhaide.

Sie webte still im häuslichen Kreis,
    Und trat gar selten ins Leben;
Doch ein Ritter liebte sie glühend und heiß,
    Ihr ewig zu eigen gegeben.
            Vom nahen Schloß
            Auf flinkem Roß
Flog Rudolf zur Süßen, zur Lieben
                Dort drüben.

Und eh' die Sonne noch untergeht,
    Harrt er still am einsamen Orte;
Und leiser schleicht, als der Zephyr weht,
    Wallhaide durch Hof und Pforte
            In stiller Lust
            An Buhlens Brust,
Und er hält sie mit treuem Verlangen
                Umfangen.

Sie träumen, sie hätten im Himmel gelebt
    Zwei kurze schöne Minuten;
Denn er scheidet, wenn Dämmrung niederschwebt,
    Wenn die letzten Strahlen vergluthen.
            Noch Kuß auf Kuß
            Zum Abschiedsgruß;
Dann eilt sie mit Thränen im Blicke
                Zurücke.

Und wie sie den Sommer so scheiden sahn,
    Fing Sehnsucht an sie zu quälen;
Und also trat Rudolf den Grafen an:
    »Herr, ich mag's nicht länger verhehlen:
            »Ich liebe Wallhaid;
            »Drum gebt mir die Maid,
»Auf daß sie treueigen mir bleibe,
                »Zum Weibe!« –

Da zog der Graf ein finster Gesicht:
    »Was ziemt Dir solch kecke Minne?
»Mein Mädel, Rudolf, bekommst Du nicht,
    »Das schlag' Dir nur frisch aus dem Sinne;
            »Ein reicher Baron
            »Führt morgen schon
»Die Braut, trotz Thränen und Jammer,
                »Zur Kammer.« –

Das fuhr dem Rudolf durch Mark und Bein;
    Er warf sich wild auf den Dänen
Und jagte in Wald und Forst hinein.
    Das Auge hatte nicht Thränen;
            Ein kalter Schmerz
            Zerriß ihm das Herz,
Als müßt' er in grausamen Wehen
                Vergehen.

Da durchbebt's ihn auf einmal mit stiller Gewalt,
    Er fühlt sich wie neugeboren,
Und Ahnungen werden zur lichten Gestalt,
    Als wär' noch nicht Alles verloren.
            »Bin ich doch frei,
            »Und Wallhaide treu;
»Gott hilft, sie aus Vaters Ketten
                »Zu retten!« –

Und eh' die Sonne noch untergeht,
    Harrt er still am einsamen Orte;
Und leiser schleicht, als der Zephyr weht,
    Wallhaide durch Hof und Pforte
            In stiller Lust
            An Buhlens Brust,
Und er hielt sie mit treuem Verlangen
                Umfangen.

Sprach Rudolf endlich: – »Um Mitternacht,
    »Wenn Alles längst ruht im Schlosse,
»Kein Verrätherauge die Liebe bewacht,
    »Dann komm' ich mit flüchtigem Rosse.
            »Du schwingst Dich hinauf,
            »Und freudig im Lauf
»Jag' ich mit der herrlichen Beute
                Ins Weite!« –

Da sank sie glühend an seine Brust
    Und kos't ihn mit zärtlichem Worte;
Doch schnell erwacht sie aus ihrer Lust:
    »Wie komm' ich, Freund, durch die Pforte?
            »Denn streng in der Nacht
            »Wird die Mauer bewacht;
»Wie mag ich der Knechte Reigen
                »Durchschleichen?

»Zwar so – wenn mich nimmer die Hoffnung betrog –
    »So käm' ich durch Pforten und Thüren;
»'s ist freilich für Mädchenmuth zu hoch –
    »Doch Lieb' soll mich leiten und führen!
            »Wer ihr vertraut,
            »Hat wohl gebaut,
»Und wenn er im Kerker auch wäre;
                »Drum höre:

»Als Wundebold noch, unsers Hauses Ahn,
    »Auf dieser Burg residirte,
»Da wuchs ihm ein Töchterlein herrlich heran,
    »Des ganzen Hauses Zierde,
            »Hieß auch Wallhaid,
            »Hatt' frühre Zeit
»Einen Buhlen in glücklichen Stunden
            »Gefunden.

»Dem wollte sie ewig treueigen sein
    »Im Leben und Leiden und Freuden;
»Doch der harte, trotzige Vater sprach: Nein! –
    »Da wollte sie nicht von ihm scheiden,
            »Und kühn bedacht
            »Um Mitternacht
»Zur Liebe aus Vaters Ketten
                »Sich retten.

»Doch dem Grafen sagt's ein Verräther an,
    »Der zerstörte blutig ihr Hoffen.
»Ihr Buhle blieb auf nächtlicher Bahn,
    »Von meuchelnden Schwertern getroffen.
            »Sie harrte noch sein:
            »Trat der Vater herein,
»Stieß den Dolch ins Herz der Armen
                »Ohn' Erbarmen.

»Nun hat ihr Geist im Grabe nicht Ruh,
    »'S ist alle Rast ihm genommen;
»Sie wandelt oft nächtlich der Pforte zu,
    »Ob wol der Buhle möcht' kommen,
            »Und harret sein
            »Bis Morgenschein;
»Der Buhle soll einst, wie sie meinen,
                »Erscheinen!

»So lange wandert sie ohne Rast
    »In weißem blutigen Kleide,
»Ist Allen ein stiller, befreundeter Gast,
    »That Keinem je was zu Leide;
            »Still geht ihre Bahn
            »Zur Pforte hinan;
»Die Wächter lassen sie schleichen
                »Und weichen.

»Und wie sie ihr Leben der Liebe geweiht,
    »Wird sie todt auch zur Liebe sich neigen:
»Sie borge heut' Nacht mir ihr blutiges Kleid,
    »Die Wächter sollen mir weichen;
            »Die Geisterbahn
            »Hält keiner an, –
»Frei lenk ich so durch ihre Mitte
                »Die Schritte.

»Drum harr' an der Pforte! – Wenn's Zwölfe schlägt,
    »Kommt Wallhaide langsam gegangen;
»Ein blutiger Schleier, vom Winde bewegt,
    »Hält die Geistergestalt umfangen.
            »In Deinem Arm
            »Da wird sie erst warm,
»Dann schnell auf den Gaul und reite
                »Ins Weite!« –

»O herrlich!« – fiel Rudolf ihr freudig ins Wort,
    »Fahrt hin nun, Zweifel und Sorgen!
»Und sind wir erst aus dem Schlosse fort,
    »So ist auch die Liebe geborgen;
            »Wenn der Morgen graut,
            »Grüß' ich Dich als Braut.
»Ade, fein's Liebchen, ich scheide
                Zur Freude!« –

Und lange noch glüht auf der Lippe der Kuß;
    Da sprengt er muthig bergunter,
Und scheidend wirft sie den letzten Gruß
    Dem Liebsten ins Thal hinunter:
            »Lieb Rudolf! bist mein!
            »Lieb Rudolf! bin Dein!
»Nicht Himmel und Hölle scheide
                »Uns Beide!« –

Und wie die Nacht auf die Thäler sinkt,
    Sitzt der Ritter gerüstet zu Pferde;
Manch bleiches Sternlein am Himmel blinkt,
    Tief dunkel liegt's auf der Erde.
            Er spornt das Roß
            Aufs Grafen Schloß
Und kömmt, nach Liebchens Worte,
                Zur Pforte.

Und wie es vom Thurme Zwölfe schlägt,
    Kommt Wallhaid langsam gegangen;
Ein blutiger Schleier, vom Winde bewegt,
    Hält die Geistergestalt umfangen.
            Da sprengt er hervor
            Und hebt sie empor
Und jagt mit der zitternden Beute
                Ins Weite.

Und reitet lange, – und Liebchen schweigt;
    Er wiegt die Braut auf dem Knie:
»Fein's Liebchen, wie bist Du so federleicht!
    »Machst dem Reiter nicht Arbeit und Mühe.«
            »»Mein Gewand ist so fein,
            »»Das mag's wol sein;
»»Mein Gewand ist wie Nebel so duftig
                »»Und luftig!««

Und den Ritter umfaßt die zarte Gestalt,
    Da schauert ihm Frost durch die Glieder:
»Fein's Liebchen, wie bist Du so eisig, so kalt!
    »Erwärmt Dich die Liebe nicht wieder?« –
            »»In Deinem Arm
            »»Da ist's wol warm;
»»Doch mein Bette war kalt, Gefährte,
                »»Wie Erde!«« –

Und sie reiten weiter durch Flur und Wald,
    Bleich flimmert der Sterne Schimmer:
»Und bist auch von außen so frostig und kalt –
    »Dein Herzchen glüht doch noch immer?« –
            »»Lieb Rudolf! Bist mein!
            »»Lieb Rudolf! bin Dein!
»»Nicht Himmel und Hölle scheide
                »»Uns Beide!«« –

Und sie reiten rastlos immer zu,
    Und nächtlich schleichen die Stunden:
»»Nun bin ich erlöst, nun komm' ich zur Ruh,
    »»Nun habt ich den Liebsten gefunden.
            »»Bist ewig mein,
            »»Bin ewig Dein!
»»Nicht Himmel, nicht Hölle scheide
                »»Uns Beide!««

Der Morgen allmälig dämmert und graut,
    Noch geht's durch Fluren und Felder;
Doch immer stiller wird die Braut
    Und immer kälter und kälter.
            Da kräht der Hahn:
            Schnell hält sie an
Und zieht den Liebsten vom Pferde
                Zur Erde.

»»Husch! wie die kalte Morgenluft weht
    »»Mit dem nächtlichen Sturm um die Wette;
»»Es graut der Tag, der Hahn hat gekräht.
    »»Lieb Buhle, die Braut will zu Bette!
            »»Komm' h'rein, komm' h'rein!
            »»Bist mein, bin Dein!
»»Nicht Himmel, nicht Hölle scheide
                »»Uns Beide!«« –

Und eiskalte Lippen drücken den Kuß
    Auf seine zitternden Wangen,
Und Leichenduft und Todtengruß
    Umweht ihn und hält ihn umfangen;
            Da sinkt er zurück,
            Es bricht der Blick. –
Und die Braut hat den Liebsten gefunden
                Dort unten!

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