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Gutenberg > Theodor Körner >

Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 168
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Die Monatssteine

1810.

Nach arabischer Mythe.

Ein schöner Glaube blühte sonst dem Herzen
Auf stiller, wunderbarer Spur,
Und Jeder knüpfte Freuden so wie Schmerzen
An dunkle Räthsel der Natur.
Er fand geheimes Wort in Baum und Blüthe,
Geheimes Wort in lichter Steine Glanz,
Und oben, wo das Heer der Sterne glühte,
Schloß sich der wunderheil'ge Kranz.

Was auch das Herz auf dunklen Wegen strebte,
Das Auge blickte hoffend himmelan,
Und wie die nahe Stunde sich verwebte,
Verborgen lag's in der Planeten Bahn;
Nicht blos um unsre Nächte zu erhellen,
Das Sternenlicht sich durch die Lüfte goß,
Nein, in des Menschenlebens tiefsten Quellen
Stand ihrer Kräfte zartes Zauberschloß. –

Die Erde war aus Sternenhöh' gesunken,
Gefallen von der Götter Brust,
Nur in der Steine Sonnenfunken
Da lebte noch der Sterne Lust.
Sie hüteten in tiefen Höhlen
Die Lieblinge so treu und süß
Und hauchten in die klaren Seelen
Ein lichtes Strahlenparadies. –

Und hoher Wirkung heil'ge Worte
Durchflammten ihren fremden Glanz,
Und so aus tiefer Erdenpforte
Entblühte ihr geheimer Kranz
Und wand sich um den Flug der Zeiten
Nach hoher, räthselvoller Wahl
Und trat mit sinnigem Bedeuten
Still wirkend in der Monden Zahl,

Und mit geheimnißvollen Zeichen
Erfreute sie des Meisters Hand; –
Doch plötzlich ward aus Lebens Reichen
Der Sternenglaube streng verbannt.
Der schönste Traum ward uns entrissen,
Seit man die Geisterwelt verwarf,
Seit man nur kalten Weisheitsschlüssen
Und nicht dem Herzen glauben darf. –

Es spricht sich in den lichten Steinen
So klar der Farben Räthsel aus;
Wie ew'ge Blüthen sie erscheinen
In ihrer Mutter dunklem Haus.
Drum, wem noch in dem treuen Herzen
Die leise Ahnung freundlich glüht,
Wie süßer Trost in tiefen Schmerzen,
Der horche still dem Geisterlied.

            Im Januar
        Beginnt das Jahr
        So kalt und klar,
        Aller Freuden bar;
        Drum hat ihm Natur tiefglühend Leben
        Im Hyacinthe beigegeben,
        Der das Auge mit Flammenroth begrüßt
        Und tiefes Wirken in sich schließt.
        Er wärmt das Herz,
        Bei kaltem Schmerz,
        Besiegelt die Freundschaft
        Mit fröhlicher Lust
        Und treibt die Feindschaft
        Aus tiefer Brust.
        Du sollst ihn tragen als heilige Last,
        Am Halse, im reinsten Golde gefaßt.

            Im Februar
        Nimmt schon die Welt
        Verjüngtes Leben wahr;
        Drum hat Natur so licht und klar
        Den Amethyst ihm zugesellt.
        Er knüpft das Rothe mit dem Blauen
        In seiner Farben Lieb' und Treu';
        Magst Du der stillen Wirkung trauen,
        Er macht die Seele frisch und frei,
        Besänftigt das empörte Blut
        Und zähmt den trunknen Uebermuth;
        Und wird er an dem Haupte prangen,
        So magst Du Fürstengunst erlangen.

            Der März
        Richtet schon des Lebens Keime
        Himmelwärts;
        Doch durch seine dunkeln Träume
        Schlägt noch kein Herz.
        Nur wenig Lebensfunken
        Der künft'gen Liebeswelt
        Sind blutigroth gesunken
        Ins grüne Hoffnungsfeld;
        Denn also ist des Steines Art,
        Der sich im jungen März bewahrt.
        Der Heliotrop, von der Natur erkoren,
        Ward vom Saturnus kalt geboren;
        Doch ist er nicht aller Wirkung bar:
        Er macht die trübe Stirne klar
        Und schützt vor des Giftes heimlicher Pein;
        In der Herzgrube will er getragen sein.

            Der April
        Läßt das junge Leben
        Mit freudigem Beben
        Nicht länger still.
        Er springt aus dem kalten Grab,
        Streift sich die Hülle ab
        Und will mit stürmischem Walten
        Sich neu gestalten.
        Ihm ward dafür
        Der klare Saphir.
        Er ist ein heitres Sternenkind,
        Wie alle Joviskinder sind,
        Blickt das Leben so freundlich an,
        Man meint, er hätt' uns was Liebes gethan.
        Mit leichten Scherzen
        Versöhnt er die Herzen,
        In glühenden Schmerzen
        Kühlt er die Herzen;
        Drum sorgenfrei,
        Fest und treu
        Trag' ihn am Herzen.

            Im Mai
        Treten des Frühlings frühe Keime
        Still, aber frei,
        Aus dem lieblichen Reich der Träume.
        Mit tausend Farben prangt die Flur,
        Und tausend Blüthen blühn;
        Aber der schönste Schmuck der Natur
        Bleibt das lebendige Grün.
        Drum war der Smaragd
        Strahlenbeseelt
        Und der Frühlingspracht
        Des Mai's vermählt.
        Er bringt dem Menschen dauerndes Glück,
        Erfreut das Auge und stärkt den Blick;
        Und wie Alles, was so edel schaut,
        Sich vor dem Gemeinen und Schlechten graut,
        So wirft er auch nur den Strahlenschein,
        Wo Liebe treu ist und engelrein;
        Doch an falscher Hand behagt es ihm nicht,
        Und so wie die Treue, der Stein zerbricht.

            Im Junius
        Winkt die Liebe den ersten Gruß;
        Es kos't der Zephyr auf rosigen Spuren,
        Es erwacht die Sehnsucht in der Welt,
        Und auf den vollblühenden Fluren
        Neu üppiges Leben schwellt.
        Drum hat Natur des Chalcedons Kraft,
        Die still bescheidne, freundlich geschafft,
        Daß er mit wechselndem Farbenspiele
        Erfreue des Herzens dunkle Gefühle.
        Denn freundlich ist er wie lichter Morgen
        Und bringt dem Menschen ein freundliches Glück;
        Er treibt aus der Brust die quälenden Sorgen
        Und läßt nur die Sorgen der Liebe zurück!

            Der Julius
        Drückt auf die Welt den Bräutigamskuß;
        Da flammt die Lieb' auf allen Zweigen,
        Da flammt die Lieb' aus jeder Brust,
        Und in der Gefühle berauschten Reigen
        Webt sich die höchste geistige Lust.
        Drum ward ihm der Karneol erkoren,
        Ein feuerlebendiger Venus-Sohn,
        Der in guten glücklichen Stunden geboren,
        Hellglühend wie heißer Minne Lohn;
        Er kräftigt das Herz und stärkt das Gemüth,
        Daß es neu im Leben und Lieben glüht.

            Der August
        Glüht in versöhnter Liebeslust,
        Und wie lebendig das Herz auch schlägt,
        Keine Unruhe mehr die Seele bewegt.
        So ward ihm denn zum freudigen Leben
        Der doppeltgefärbte Onyx gegeben,
        Den Zeus zugleich und Merkur gezeugt,
        Und dem kein Stein auf der Erde gleicht.
        Drum stellt er auch zwiefache Wirkung dar;
        Denn er macht den Geist lebendig und klar,
        Doch stärkt er das Herz auch zu kühnem Wagen;
        Drum mögen ihn die Gewaltigen tragen.

            Zu Septembers Frist
        Die reifere Kraft das Leben begrüßt,
        Die Natur hat die ernste Weihe empfangen;
        Da gilt nicht mehr das eitle Prangen,
        Gediegner Werth und stiller Schein
        Tritt mit bescheidner Klarheit herein.
        Drum ward der Chrysolith erwählt,
        Der solches Treiben in sich vermählt.
        Er ist so klar, so mild, so hold
        Wie goldnes Grün, wie grünes Gold;
        Und wie des Mannes reife Kraft
        Den Frieden in tobender Brust erschafft,
        So läßt auch er mit sanftem Walten
        Den Zorn im Herzen sich nicht gestalten
        Und schützt mit seiner stillen Pracht
        Vor bösen Träumen die friedliche Nacht.

            Mit Oktobers Beginn
        Reift des Spätjahrs ruhiger Sinn.
        Die Luft wird wieder kühl und klar
        Und stellt sich friedlich den Blicken dar.
        Jetzt siehst Du in der Tage Verblühn
        Gleich Tropfen des Thaues den Aquamarin
        Mit grünlichen Strahlen wie Meereswelle,
        Aber unendlich klar und helle.
        Er ist für das Auge ein lichtes Bad
        Und schützt vor Feindes List und Verrath;
        Doch ist er nicht aller Leute Lust,
        Und Eifersucht weckt er in mancher Brust,
        Trägt man in stillen Mondennächten
        Beim einsamen Wandeln ihn an der Rechten.

            Novembers Zeit
        Tritt in die Welt mit dem Winterkleid.
        Die Früchte fallen, die Blätter ab,
        Und die Natur wird ein weites Grab.
        Aber hellglühend wie goldner Wein,
        Wie sonnenflammendes Glas
        Glänzt der Topas
        Ins kalte Leben lebendig herein.
        An der linken Hand als freundliche Zierde
        Stillt er des Herzens wilde Begierde,
        Macht die Seele des Zornes frei
        Und zügelt die glühende Phantasei.

            In Dezembers Wuth
        Starrt all der Natur lebendig's Blut;
        Es birgt sich die Erde im Nebelkranze,
        Es deckt sich die Flur mit des Schnees Glanze;
        Nur in des Chrysopras lichtem Blick
        Kehrt des Lebens Farbe zurück.
        Und wie er im abgestorbnen Greis
        Das künftige Leben verkündet leis
        Und so die Hoffnung nicht sinken läßt,
        So hält er im Herzen die Hoffnung fest.
        Trag' ihn voll Glauben, wenn Du bangst,
        Er bezwingt des Herzens quälende Angst,
        Macht die Seele freudig in Gefahr
        Und schließt im heiligen Kreise das Jahr!

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