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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 167
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20170915
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Amphiaraos

    Vor Theben's siebenfach gähnenden Thoren
Lag im furchtbaren Brüderstreit
Das Heer der Fürsten zum Schlagen bereit,
Im heiligen Eide zum Morde verschworen.
Und mit des Panzers blendendem Licht
Gerüstet, als gält' es, die Welt zu betrügen,
Träumen sie jauchzend von Kämpfen und Siegen, –
Nur Amphiaraos, der Herrliche, nicht.

    Denn er liest in dem ewigen Kreise der Sterne,
Wen die kommenden Stunden feindlich bedrohn;
Des Sonnenlenkers gewaltiger Sohn
Sieht klar in der Zukunft nebelnde Ferne,
Er kennt des Schicksals verderblichen Bund,
Er weiß, wie die Würfel, die eisernen, fallen,
Er sieht die Moira mit blutigen Krallen;
Doch die Helden verschmähen den heiligen Mund.

    Er sah des Mordes gewaltsame Thaten,
Er wußte, was ihm die Parze ersann.
So ging er zum Kampf, ein verlorener Mann,
Von dem eignen Weibe schmählich verrathen.
Er war sich der himmlischen Flamme bewußt,
Die heiß die kräftige Seele durchglühte;
Der Stolze nannte sich Apollonide,
Es schlug ihm ein göttliches Herz in der Brust.

    »Wie? – ich, zu dem die Götter geredet,
»Den der Weisheit heilige Düfte umwehn,
»Ich soll in gemeiner Schlacht vergehn,
»Von Periklymenos' Hand getödtet?
»Verderben will ich durch eigene Macht,
»Und staunend vernehm' es die kommende Stunde
»Aus künftiger Sänger geheiligtem Munde,
»Wie ich kühn mich gestürzt in die ewige Nacht.«

    Und als der blutige Kampf begonnen,
Und die Ebne vom Mordgeschrei wiederhallt,
So ruft er verzweifelnd: »Es naht mit Gewalt,
»Was mir die untrügliche Parze gesponnen;
»Doch wogt in der Brust mir ein göttliches Blut,
»Drum will ich auch werth des Erzeugers verderben.«
Und wandte die Rosse auf Leben und Sterben,
Und jagt zu des Stromes hochbrausender Fluth.

    Wild schnauben die Hengste, laut rasselt der Wagen,
Das Stampfen der Hufe zermalmet die Bahn.
Und schneller und schneller noch stürmt er heran,
Als gält' es, die flüchtige Zeit zu erjagen.
Wie wenn er die Leuchte des Himmels geraubt,
Kommt er in Wirbeln der Windsbraut geflogen;
Erschrocken heben die Götter der Wogen
Aus schäumenden Fluthen das schilfige Haupt.

    Doch plötzlich, als wenn der Himmel erglühte,
Stürzt ein Blitz aus der heitern Luft,
Und die Erde zerreißt sich zur furchtbaren Kluft;
Da rief laut jauchzend der Apollonide:
»Dank Dir, Gewaltiger! fest steht der Bund,
»Dein Blitz ist mir der Unsterblichkeit Siegel,
»Ich folge Dir, Zeus!« – und er faßte die Zügel
Und jagte die Rosse hinab in den Schlund.

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