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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 159
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20170915
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Treuröschen

Es war ein Jäger wol keck und kühn,
    Der wußte ein schönes Röschen blühn,
    Das hielt er höher als Gut und Gold;
    Es wurd' ihm im Herzen gar licht und hold,
        Wenn er nur Treuröschen sah.
            Trala, Trala, Trala.

Und wenn der Abend die Flur bethaut',
    Da zog der Jäger zur süßen Braut;
    Er zog hinauf mit Sing und Sang,
    Mit Liederton und Hörnerklang,
        Bis er Treuröschen sah.
            Trala, Trala, Trala.

»Treuröschen, Treuröschen! hörst Du das Lied,
    Wo nur Dein Name lebt und blüht? –
    Vorüber ist das bräutliche Jahr,
    Bald führ' ich Treuröschen zum Traualtar.«
        Da spricht Treuröschen: »Ja!«
            Trala, Trala, Trala.

Und wie er vom Pferde gesprungen ist,
    So sitzt er bei Liebchen und scherzt und küßt,
    Und scherzte bis um Mitternacht
    In stiller, heitrer Liebespracht,
        Treuröschens Herzen so nah.
            Trala, Trala, Trala.

Die Sternlein verbleichen, der Morgen graut;
    Der Jäger kehrt heim von der süßen Braut
    Und jagt hinab durch Wald und Flur
    Und folgt einem Hirsch auf flüchtiger Spur,
        So schön, wie er keinen noch sah.
            Trala, Trala, Trala.

Und der Hirsch vom hohen Felsenstein
    Springt blind in das Klippenthal hinein,
    Und hinter ihm stürzt ins tiefe Grab
    Das wüthende Pferd mit dem Reiter hinab;
        Kein Auge ihn wiedersah! –
            Trala, Trala, Trala.

Und wie der Abend den Thau geweint,
    So harrt Treuröschen auf ihren Freund
    Und harrt und hofft auf Sing und Sang,
    Auf Liederton und Hörnerklang;
        Den Buhlen nicht kommen sah.
            Trala, Trala, Trala.

Und als es kam um Mitternacht,
    Treuröschen noch traurig im Bette wacht;
    Sie weinte sich die Aeuglein roth:
    »Was läßt Du mich harren in Angst und Noth? –
        »Lieb Buhle, bist noch nicht da!«
            Trala, Trala, Trala.

Und auf einmal hört sie Hörnerklang,
    Und es flüstert ihr leise wie Geistersang:
    »Komm, Liebchen, bist mir angetraut,
    »Das Bett ist bereitet; komm, rosige Braut,
        »Der Buhle ist längst schon da!«
            Trala, Trala, Trala.

Da faßt sie ein Schauer so eisig und kalt,
    Und sie fühlt sich umarmt von Geistergewalt,
    Und heimlich durchweht es ihr bebendes Herz
    Wie Hochzeitlust und Todesschmerz,
        Und zitternd flüstert sie: »Ja!«
            Trala, Trala, Trala.

Da stockt das Blut in der klopfenden Brust,
    Da bricht das Herz in Todeslust;
    Und der Jäger führt heim die rosige Braut:
    Dort oben ist er ihr angetraut,
        Treuröschens Hochzeit ist da!
            Trala, Trala, Trala.

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