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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 157
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20170915
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Der Jüngling und der Bach

Es saß der Knab' an des Baches Rand
Und lauschte dem Murmeln der Wellen.
Ihm war's, als ob er ihr Flüstern verstand,
Wie den Gruß eines trauten Gesellen;
Und streiften die Brüder durch Fluren weit,
Er saß am Bache mit stiller Freud'.

Und blickte hinab in der Wogen Spiel
Und kannte nicht Kummer und Schmerzen,
Und was dem fröhlichen Muthe gefiel,
Das möcht' er gleich küssen und herzen;
So saß er wol manch liebes Jahr,
Und der Bach sein liebster Geselle war.

Doch endlich zog er traurig fort,
Es schwammen die Augen in Thränen,
Und er sprach zum Bach das scheidende Wort:
»Mich ergreift ein tieferes Sehnen,
»Nicht länger mir's in der Stille gefällt,
»Ich muß hinaus in die stürmende Welt.

»Und find' ich Dich wieder als brausenden Fluß
»Mit muthig schäumenden Wellen,
»So biet' ich Dir traulich den Freundesgruß
»Und erkenne den treuen Gesellen.
»Jetzt scheid' ich von Dir bis zur schönern Zeit!«
Und grüßt' ihn noch einmal und wanderte weit.

Und das Leben ergriff ihn mit wilder Gewalt
Und gab ihm die finstere Weihe;
Doch das rauschende Toben ließ ihn kalt,
Noch hing er am Höchsten mit Treue;
Denn tief in des Herzens Heiligthum
Gebot die Liebe, gebot der Ruhm.

Doch ach, des Ruhmes Trugbild verschwand,
Sein Himmel ward finster und trübe:
Da hielt er sich noch mit zitternder Hand
An den heiligen Glauben der Liebe;
Doch auch sie betrog sein glühendes Herz,
Und furchtbar ergreift ihn ein ewiger Schmerz.

Und er flieht hinaus, verstört und bleich,
Durch des Waldes Dunkel und Grausen;
Da wird ihm das Herz auf einmal weich,
Dumpf hört er die Wellen erbrausen:
Gott weiß, was ihn jagen und treiben mag –
Er stürmt dem Murmeln der Wellen nach.

Und plötzlich hält er still und weint;
Er steht an des Stromes Rande
Und erkennt den alten treuen Freund
Aus dem seligen Jugendlande
Und gedenkt der fröhlichen Knabenlust,
Und aufs Neue erwacht der Schmerz in der Brust.

Und er ruft: Wol versteh' ich den dumpfen Gruß,
Wol erkennen die Freunde sich wieder;
So empfange den ewigen Bundeskuß!
Und er stürzt in die Wogen sich nieder,
Und treu umarmen die Wellen den Freund,
Sein Auge bricht – er hat ausgeweint.

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