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Gedichte

Theodor Körner: Gedichte - Kapitel 156
Quellenangabe
typepoem
authorTheodor Körner
titleGedichte
publisherGustav Hempel
seriesTheodor Körner's Werke. Vollständigste Ausgabe mit mehreren bisher ungedruckten Gedichten und Briefen
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150218
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modified20170915
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Das gestörte Glück

Ich hab' ein heißes junges Blut,
    Wie Ihr wol Alle wißt,
Ich bin dem Küssen gar zu gut
    Und hab' noch nie geküßt;
Denn ist mir auch mein Liebchen hold,
's war doch, als wenn's nicht werden sollt':
    Trotz aller Müh' und aller List
    Hab' ich doch niemals noch geküßt.

Des Nachbars Röschen ist mir gut;
    Sie ging zur Wiese früh,
Ich lief ihr nach und faßte Muth,
    Und schlang den Arm um sie:
Da stach ich an dem Miederband
Mir eine Nadel in die Hand;
    Das Blut lief stark, ich sprang nach Haus,
    Und mit dem Küssen war es aus.

Jüngst ging ich so zum Zeitvertreib
    Und traf sie dort am Fluß;
Ich schlang den Arm um ihren Leib
    Und bat um einen Kuß;
Sie spitzte schon den Rosenmund,
Da kam der alte Kettenhund
    Und biß mich wüthend in das Bein.
    Da ließ ich wol das Küssen sein.

Drauf saß ich einst vor ihrer Thür
    In stiller Freud' und Lust;
Sie gab ihr liebes Händchen mir,
    Ich zog sie an die Brust;
Da sprang der Vater hinterm Thor,
Wo er uns längst belauscht', hervor;
    Und wie gewöhnlich war der Schluß:
    Ich kam auch um den dritten Kuß.

Erst gestern traf ich sie am Haus;
    Sie rief mich leis herein:
»Mein Fenster geht in'n Hof hinaus,
    »Heut Abend wart' ich Dein.«
Da kam ich denn im Liebeswahn
Und legte meine Leiter an;
    Doch unter mir brach sie entzwei,
    Und mit dem Küssen war's vorbei.

Und allemal geht mir's nun so;
    O, daß ich's leiden muß!
Mein Lebtag werd' ich nimmer froh,
    Krieg' ich nicht bald 'nen Kuß.
Das Glück sieht mich so finster an –
Was hab' ich armer Wicht gethan?
    Drum, wer es hört, erbarme sich
    Und sei so gut und küsse mich!

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