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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 86
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Gesicht

        Du sitzt auf einem Stein und schweigst und schaust . . .

Gewitterleuchtend zog die Nacht herauf.
Die Ebne, die vom Fuße des Gebirges
sich hinstreckt in den schwarzen Horizont,
sie lechzt und dürstet. Mit verhaltnem Atem
harrt sie des Wetters und der Regenfluten.

Dort links, fern im Gefilde, wallumringt,
ragt eine Stadt mit steilem Turm und Dächern.
Und sieh: herniederzüngelnd in den Turm
einbiß der Blitz. Da springt die rote Glut
des Feuers jauchzend auf und greift im Tanz
berauscht umher und faßt die spitzen Giebel,
und düster leuchtets von den Wolken wieder.

– Du wendest deine heißen Augen ab.
Da siehst du rechts, im Berge einen Spalt,
ein gähnend Loch, schwarz, tief und ohne Ende.
Aus rohen Blöcken ist ein Tisch gebildet,
ein Grubenlicht mit grünlich mattem Schein
hängt schwelend von dem feuchten Felsen nieder:
und vor dem Tisch – auf einem Stein, wie du –
sitzt ein Skelett mit gelben, nackten Knochen,
und nur im Schoße noch ein modernd Fleisch.
Nach vorn gebeugt, liest es in einem Buche,
und langsam wendets mit den Fingerknochen
die Seiten um. Schamlose Lasterbilder
bedecken, halbverbleicht, die braunen Blätter.
Und manchmal hält es an – klappt mit den Knien –
und knirscht und knackt mit lippenlosen Kiefern.

Ein Mädchenleib, geschändet und gemordet,
liegt nackt am Boden, neben dem Gerippe.
Unsicher nur beleuchtet ihn der Schein
der Grubenlampe, aber deutlich zittert
des alten Kruzifixes schräger Schatten
auf ihren Brüsten. –

                                  Eine dicke Kröte
klimmt aus dem Abgrund auf und kriecht gemach
nach vorn. Jetzt schlüpft sie auf die Mädchenleiche,
das Bein hinauf mit schleimig roter Spur.
Sie setzt auf ihrer Hüfte sich zurecht
und glotzt mit ihren großen, runden Augen
in deine Augen her . . .

                                      Da peitscht der Sturm
glühend vorbei. Nur eine Fackel noch,
leuchtet und raucht die Stadt von der Ebne her.
Vorwärts wütet der Sturm, und die dorrenden Gräser
flackern in seinem Hauche. Vorwärts, vorwärts,
auf dich wälzt sich allmächtig die Flut – vor den Augen
loht es und sprüht es – ein Meer.

Was du geschaut hast, es ertrinkt im Blut der Flammen.

 


 

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