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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 64
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Wiederkunft

        Prometheus brach jahrtausendalte Fesseln.
Er reckt die Glieder, er erhebt das Haupt,
und wie ein Morgenrot erhellt die Welt
der ungebrochne Strahl der großen Augen.
– Prometheus! Prometheus!

– Ihr Menschen, die mein Schöpfersehnen rief
hervor ans Licht der götterfrohen Sonne,
habt ihr vollendet, was ich ahnend sann?
Lebt ihr und dankt ihr mir das Leben?

Der Funke, der aus meinen Händen troff,
erhellt er eure Stirn?
Die Liebe, die mein Atem euch gehaucht
in kalte Brust, hat sie die Brust durchseelt?

Ich lag, geschmiedet in die Eisenbande,
am harten Fels. Zu meinen Füßen rauschte
das Meer, und seiner Brandung wilder, steter
Laut übertönte alles Menschliche.
Der Gischt der Fluten hüllte jede Ferne
vor meinem Blick in weiße Schleier.

                                                              Menschen!
Ich brach die Ketten neiderfüllter Götter –
ich rufe euch! Hört mich!
– Prometheus! Prometheus!

Da kroch heran das sklavische Gezücht
der Menschen. – Herr, wie sollen wir
dir dienen? – Unterwürfigkeit im Blick,
gekrümmt den Rücken und gebeugt das Knie.

Ein Mann mit einem goldnen Reif im Haar
sprach: Dein Geschenk verehren wir gebührend.
Ich beuge mich vor deiner Schöpfergröße,
und meine Untertanen sind die deinen.

Ein Mann im groben Kittel voller Schmutz
sprach: Herr, ich friste mir mit meiner Arbeit
das Leben, und mein Weib ernährt die Kinder.
Wir sind zufrieden und wir danken dir.

Und nach ihm kamen andere, ungezählt,
und alle sprachen scheu und lallten:
– Herr! Herr!

Ein Häuflein stand beiseit und blickte stumm
auf jene, die vor ihnen lagen
zu Füßen des entfesselten Gebieters.
Verachtung zuckte herb um ihre Lippen,
auf ihren Brauen lag der Trotz.

– Und ihr?

– Der Funke, der aus deinen Händen troff,
der Strom der Zeiten hat ihn ausgelöscht.
Die Liebe, die dein Atem einst gehaucht
in Menschenbrust, sie ist erstickt und tot.

Enterbt, im Staube wälzen sich Millionen
und fühlen keine Schmach.

Und andre treten auf die Menschenstirnen
und fühlen keine Scham.
Sieh dieses Volk zu deinen Füßen winseln,
das nur nach neuen Götzen noch verlangt,
und frage nicht!

Prometheus schweigt und sinnt.
Dann heftet er des Auges Glanz
auf diese, die da aufrecht vor ihm stehn,
und langsam rollen seine Worte:

– Geschaffen hab ich Menschen.
Groß war das Werk, und Stolz füllt meine Brust,
seh ich auf euch, auf meine echten Söhne.
Doch nicht umsonst war ich gefesselt!
Weit Größres wahrlich gilts noch zu vollenden:
Der Funke muß zur Flamme werden!

Da zuckt erhabner Freude lichte Glut
auf jenen düstren Stirnen auf.
Sie jauchzen:.
Prometheus! Prometheus!

 


 

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