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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gottvertraun zum Bajonette

                O Muse! – Ja: ich liebe meine Muse.
Es ist ein schönes Weib und jung an Jahren!
Nicht allegorisch und abstrakt konfuse,
sie schaut mich an mit Augen braun und klaren.
Sie redet zu den Männern in der Bluse,
wie auch zu denen, die auf Gummi fahren,
und trägt nicht blaue Strümpfe, sondern keine,
denn sie ist stolz auf ihre weißen Beine.

Und doch ist sie von altem, echtem Stamme,
echt ihr Kostüm wie eine Butzenscheibe!
Joniens Sonnenluft war ihre Amme,
die sie erzog zum sonnenschönen Weibe:
auf daß sie meine Brust zum Lied entflamme,
daß immerdar ich ihr ein Sklave bleibe,
schönheitsgebannt, erfaßt vom dunklen Sehnen
nach euch, ihr Götterhaine der Hellenen! –

Noch immer dieser Griechenschwarm von neulich
vor hundert Jahren? Endet man denn nie,
dies höchst frivole Volk zu preisen? Greulich!
Und jeder weiß doch, wie Päderastie,
Knechtschaft der Frauen, Sklaverei – abscheulich!
Sogar die Götter lebten wie das Vieh!
War da der Untergang nicht unausbleiblich?
Selbst im Olymp war die Bedienung weiblich!

Da lob ich mir Berliner Sittlichkeit,
fest garantiert von Polizeikolonnen!
Revolver tragen sie seit kurzer Zeit,
sind höflich gegen jedermann gesonnen,
die besten Christen in der Christenheit –
gar einen hab ich herzlich lieb gewonnen,
das war der Wächter, der mir morgens schloss,
und dessen Gunst ich oft und gern genoß.

Die Sozialisten und Prostituierten
behandeln sie mit stillbewegtem Fleiß,
da die den braven Bürger sonst genierten
und seinen sandgezognen Lebenskreis
durch unbequemes Toben alterierten.
Was keiner sieht, das macht auch keinen heiß,
und also regle man – das Straßenleben,
mags auch im Innern tiefere Wunden geben.

Die Sozialisten sieht man bei publiquen
Begräbnisfeiern nur in – schwarzem Kreppe . . .
Die Herrschaft hat mit ihren Domestiquen
im Haus nicht mal gemein – dieselbe Treppe . . .
Nicht zu erröten brauchen die Pudiquen,
da auf der Wilhelmstraße keine – Prostituierte.
Kurz, wie ein friedlich rieselnd Bächlein fließt
das Leben dem hin, ders mit Maß genießt.

Was wollt ihr mehr? Scheint euch das Brett nicht sicher?
Schämt euch! Habt Gottvertraun zum Bajonette!
Wer fürchtet sich vorm Käfig wilder Viecher,
wer vor der Wut des Hundes an der Kette!
Und tätet ihrs, ermutgen muß auch Kriecher
ultima ratio regis der Lafette –
drum seid getrost: euch hält das Brett noch aus,
erst hinter euch der Sündflut dunkler Graus.

Der Sündflut, die den Schwall gehäufter Sünden
vernichtend ballt in ungeheurem Ringen –
Der Sündflut, deren Hauch aus Höllenschlünden,
und deren Wogengang wie Todesschlingen –
Der Sündflut, deren Nahn die Donner künden,
die fernher an das Ohr des Lauschers dringen –
Den Horizont umlagern Wellenkämme,
im Schein der Blitze beben dumpf die Dämme!

 


 

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