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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Konfirmationskleid

I
                In Nordberlin, im Hinterhaus, vier Treppen,
wohnt ein Student. Er war nicht reich; doch arm,
blutarm war seine Wirtin, eine Witwe.
Die saß in ihrem düsteren Hinterstübchen,
und vor ihr stand bekümmert ihre Tochter,
das bleiche, hübsche, vierzehnjährge Gretchen.
Sie stand vor ihr, als wär sie schuldbewußt,
und ließ das Köpfchen hängen; ihre Mutter
schalt auf sie ein mit ihrer harten Stimme:

Ein neues Kleid? Zur Konfirmation!
Fürn lieben Gott! Was? Frag doch mal den Pastor,
wieso denn die, die nicht mal so viel Geld
bekamen, um in einem ganzen Kleide
des Sonntags in die Kirche gehn zu können,
wieso denn die an Gott noch glauben müßten!
Geh, frag ihn, aber bitt mich nicht um Geld
und Kleider . . freu dich, wenn du nicht verhungerst . . .
Und weinend wendet Gretchen sich zur Tür.
Da kommt ihr ein Gedanke. Mutter! ruft sie,
ich will den Herren Doktor bitten – Mutter!
Was lachst du? – Das ist recht! Nur zu! Nur zu!
Es muß ja doch mal kommen. Geh nur hin! –
Ich glaube, Mutter, daß ers tut. – Gewiß!
Er wäre ja ein Narr, wenn er sich zierte!
Und wieder lacht sie bitter höhnisch auf.

Ein Bangen vor der Mutter faßt das Kind.
Es geht hinaus und leise, schüchtern klopft es
an des Studenten Tür. Herein! Und zagend,
errötend überschreitet sie die Schwelle.
Sie hat noch nicht gebettelt. –

                                                    Gretchen! Du? –
So komm doch näher, Kind . . . was gibt es denn?
Was hast du denn? O sieh, du hast geweint!
Gib mir die Hand: wer hat dir was getan? –
Und freundlich faßt er ihre Hand und schaut
in ihre großen braunen Augen. Flehend,
doch ohne Scheu sind sie auf ihn gerichtet.
Und langsam sagt sie: Nächsten Sonntag schon,
am Ostersonntag . . werd ich eingesegnet . .
und alle kommen sie in schwarzen Kleidern . .
in neuen schwarzen Kleidern . . aber ich . .
ich bat die Mutter . . . Ach, wir sind so arm!
Von jähem Mitleid mit sich selbst bewältigt,
bricht sie aufs neu in heiße Tränen aus,
und, wie nach Tröstung suchend, faßt sie fester
die Hand des jungen Mannes.

                                                  Gretchen! Komm:
sei still! Und ihre linke Hand, mit der
sie ihre Tränen trocknet, zieht er sanft
herab. – Ich schenk es dir, das schwarze Kleid!

Dann aber stößt er sie fast rauh von sich:
Ich habe noch zu tun. Komm! Sei gescheit!
Laß meine Hand! Ich habe noch zu tun.

 
II
Am Ostermontag früh – es war bald Drei –
kam der Student, der heut im Kreis der Freunde
das Fest beim Gläserklang gefeiert hatte,
vergnügt und aufgeräumt nach Hause.

                                                                Tastend
sucht er das Feuerzeug auf seinem Nachttisch.
Er streicht ein Zündholz an – was?

                                                          Und sofort
läßt er es wieder fallen. Was war das? –
's ist wieder dunkel. – Bin ich denn bezecht?
Und wiederum streicht er ein Zündholz an.
Es zittert seine Hand dabei. Er sieht
nicht auf das Bett, bevor die Kerze nicht
brennt – Himmel!

                                Auf dem offnen Bette liegt
in festem Schlafe Gretchen: noch geschmückt,
wie man es Gott zu ehren tat. Das Kleid
ist aufgeknöpft – in ihrem Schoße liegt
noch der verwelkte Strauß, und heitrer Friede
ruht auf dem blassen Antlitz. Halb geöffnet
sind ihre Kinderlippen, und ein Traum
spielt wie ein Blütenduft um ihre Lippen.

Minutenlang betrachtet er dies Bild,
starr, ohne Denken. Glühend heiß fühlt er
das Blut in seinen Adern, wieder dann
spürt er ein eiskalt Schauern bis ins Mark.
Doch dann besinnt er sich und fährt sich über
die Stirne mit der Hand und sucht zu lachen.

Gretchen! Sie lächelt still im Traume. Gretchen!
Sie fährt empor. Der Friede ist gewichen,
und Schreck und Scham malt sich auf ihren Wangen.
Mein liebes Kind, wie kommst du denn hierher?
Hast du im Zimmer dich geirrt? – Sie hält verwirrt
ihr Kleid zusammen, senkt das Köpfchen. Nein,
sagt sie, die Mutter schickte mich hierher.
Ich sollte Sie erwarten . . Ihnen danken..
Sie hättens so gewünscht –

                                              Ich?! – Doch, jawohl . . .
Ich . . wollte dich noch sehn in deinem Kleide,
ich dachte nicht . . es ist so spät geworden.
Ja, und . . der Pastor gab euch jedem doch
ein Bibelwort, nicht wahr? Wie hieß denn deins?

Sie knöpft an ihrem Kleide: Selig sind,
die reines Herzens sind. Sie sitzt und knöpft
an ihrem Kleide.

                              Komm, nun geh hinüber.
Und schlafe weiter: bist gewiß recht müde.
Er führt sie an der Hand zur Tür. Da tritt
die Alte ein.

                      Sie lacht – verächtlich fast:
Sie wolln sie nicht? Auch gut. Es kommt ein andrer.
Der Andere, der immer kommt. Gut Nacht!
Wir wollten uns nicht lumpen lassen . . . Komm! –

Und hinter ihnen fällt die Tür ins Schloß.

 


 

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