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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 114
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III
Vom Baal zu Babel

1
              Vierzig Schafe und zwölf Malter Weizen
nebst drei Eimern Weines wurden täglich
am Altar des großen Baal geopfert:
und am nächsten Morgen war es alles
aufgezehrt, und gnädig und gesättigt
grinste Baal herab auf seine Knechte.

Auch der König Cyrus diente täglich
seinem Gott und ging hinab zum Tempel,
am Altar des großen Baal zu beten.

Und er sprach zu Daniel, seinem Freunde,
den er ehrlich hielt, obwohl er Jude:
Sage mir, was betest du nicht auch an
meinen Gott, den großen Baal zu Babel?

Daniel versetzte: Keine Götzen,
die von Menschenhand gemacht, verehr ich,
einzig den lebendigen Gott des Himmels,
Zebaoth, den Herren über Alles!

Sprach der König: Hältst du denn den Baal nicht
für lebendig? Siehst du nicht, wie viel er
täglich ißt und trinkt?

                                    Doch Daniel lachte:
Herr, mein König, laß dich nicht betören!
Dieser Baal ist eine tote Puppe,
draußen Erz und drinnen eine Höhle:
was der Götze frißt, verdaut der Priester!

Zornig ward der König. Rufen ließ er
seine Priester, und er sprach zu ihnen:

Wenn ihr mir nicht sagt, wer all die Opfer
täglich frißt, die wir dem Baal bereiten,
müßt ihr alle sterben. Könnt ihr aber
mir beweisen, daß sie Baal verzehre,
so muß Daniel sterben, denn er lästert
unsern Gott!

                      Und Daniel rief: Herr! König!
Es geschehe so, wie du geredet!

 
2
Siebzig Priester dienten Baal, dem Gotte.
Siebzig Priester traten mit dem König
in den Tempel, und es sprach der Ältste

Siehe, Herr, wir lassen dich gewähren.
Du, der König, mögest Trank und Speise
selber opfern und die Tür verschließen
und versiegeln mit dem eignen Ringe.
Kommst du wieder dann, am nächsten Morgen,
und du findest, daß der Baal nicht alles
aufgezehrt, so wollen gern wir sterben.
Findest du jedoch, daß Baal die Speise
und den Trank, so ihm gebührt, verzehrt hat,
so muß Daniel des Todes sterben,
wie du sagtest, weil er Gott gelästert.

Und sie gingen grollend. Cyrus aber
hieß vor seinen Augen alles häufen,
vierzig Schafe und zwölf Malter Weizen
nebst drei Eimern Weines, Baal zum Opfer.

Daniel indes befahl den Knechten,
daß sie Asche holten: diese ließ er
streun ums Opfer, durch den ganzen Tempel.
Schweigend und verwundert sahs der König.

Darnach gingen sie hinaus. Die Türe
ward verschlossen von des Königs Händen
und versiegelt mit des Königs Ringe.

 
3
Und am andern Morgen in der Frühe
stand der König auf und ging mit Daniel
vor den Tempel. Und der König fragte:
Ist das Siegel unversehrt?
                                          Das Siegel
hat kein Mensch berührt, versetzte Daniel.

Und die Tür sprang auf. Leer war der Altar.
Cyrus aber rief mit lauter Stimme:
Baal, du bist ein großer Gott! Bei dir ist
kein Betrug! Verzeih mir! Und er wollte
vorwärts eilen.

                          Halt! rief Daniel lachend:
Halt, mein König, warte nur ein wenig.
Siehe dort! Was siehst du auf dem Boden?
Wes sind diese Stapfen?

                                        Und der König
sah und sprach: Ich sehe wohl die Tritte.
Männer gingen aus und ein und Weiber,
Kinder auch . . .

                          Und siehst du auch, woher sie
alle kamen und wohin sie laufen?
In den großen Bauch des großen Baal! Dort
mündet ein geheimer Gang . . . Ja, König:
was der Götze frißt, verdaut der Priester!

Da ergrimmte Cyrus! Alle Priester
ließ er fangen. Und noch einmal mußten
sie mit Weib und Kindern durch die Höhle
in den Tempel kriechen – statt der vierzig
Schafe wurden siebzig Priester festlich
Baal geschlachtet, der gesättigt grinste.

Aber dann zerschlug das Bild des Götzen
Daniel und zerbrach des Tempels Säulen
und zerstörte seine festen Hallen.

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