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Otto Erich Hartleben: Gedichte - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
booktitleAusgewählte Werke Band 1
authorOtto Erich Hartleben
year1911
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleGedichte
pages222
created20120130
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Biblische Geschichten

I
Das Buch Ruth

1
                    In das Land der Moabiter zogen
Elimelech und sein Weib Naemi
und mit ihnen ihre beiden Söhne.
Eine Teurung, die der Herr gesendet,
trieb sie aus dem Lande ihrer Väter.

Doch in fremdem Boden kein Gedeihen
fand der Stamm, aus Judas Grund gerissen,
und es sank zu Grabe Elimelech
und es starben seine beiden Söhne.
Einsam blieb die Mutter, nur die Frauen,
die die Söhne freiten in der Fremde,
Ruth und Arpa weinten mit Naemi.

Doch Jehova wandte seinem Volke
wiederum sein Antlitz zu in Gnaden:
und die Not der Teurung war vorüber
und den Männern wieder Brot gegeben.

Da gedachte ihres Volks Naemi.
Aus der Moabiter Lande wieder
machte sie sich auf und mit ihr zogen
Ruth und Arpa. Und sie sprach zu ihnen:

Kehret um, o ihr geliebten Töchter!
Gehet, jede in das Haus der Mutter,
und es tu der Herr an euch das Gute,
das ihr tatet mir und meinen Toten.
Kann euch fürder Kinder nicht gebären,
die euch wieder Männer werden möchten.

Kehret um, o ihr geliebten Töchter!
Euer Jammer frißt an meinem Herzen:
denn des Herren Hand hat mich geschlagen,
und des Herren Hand hat euch getroffen!

Laut erhoben jene ihre Klagen,
Arpa küßte sie und wandte weinend
drauf sich um zu ihrem Gott und Volke.
Ruth blieb bei ihr und Naemi sagte:

Siehe, Ruth! So tu auch du, wie jene,
gehe nun und laß mich weiter wandern!

Aber Ruth erwiderte der Mutter:

Rede mir von gehen nicht noch lassen!
Wo du hingehst, will ich auch hingehen,
wo du bleibst, da werd ich bei dir bleiben.
Dein Volk ist das meine nun geworden,
dein Gott soll auch mein Gott fürder heißen.
Wo du stirbst, da werd auch ich begraben,
und der Herr, der unser Leben leitet,
möge dies und jenes mir verhängen –
doch der Tod muß kommen, uns zu scheiden!

 
2
Rings um Bethlehem erklang die Sichel,
denn es war die Zeit der Gerstenernte,
da Naemi und die Moabitin
wiederkehrten in das Land der Juden.

Bittre Not bedrängte beide Frauen,
und Naemi weinte laut und klagte:

Voll und reich bin ich hinausgezogen
ehmals in die Fremde – leer und ledig
hat der Herr mich wieder heimgeleitet!

Da sprach Ruth, die Moabitin, tröstend:

Laß aufs Feld mich gehn, geliebte Mutter,
laß aufs Feld mich gehn und Ähren lesen,
wo ich Gnade finde bei den Schnittern,
daß ich lindre deine Not und meine.

Und es war ein Mann mit Namen Boas,
angesehn im Volk und wohlbegütert;
viele Knaben, viele Mägde schnitten
auf den reichen Feldern seine Garben,
und auf seinem Acker las die Ähren
Ruth und beugte sich nach jedem Halme.

Doch aus Bethlehem, der Stadt, am Abend
kam hinaus auf seine Felder Boas.
Und er sprach:
                        Wes ist die fremde Dirne,
die da hingeht hinter meinen Knechten?

Und der Knabe, der die Schnitter führte,
winkte sie herbei und sprach:
                                                Die Dirne
hat Naemi aus dem Land der Heiden
mitgebracht: sie sammelt auf dem Felde
Ähren, die verloren liegen bleiben,
und sie müht sich seit dem frühen Morgen.

Auf die Knie sank die Moabitin.
Boas wandte seine milden Augen
auf des jungen Weibes tiefe Demut
und erbarmte sich und sprach voll Güte:

Gehe nicht von hinnen, meine Tochter,
gehe nicht auf einen andern Acker!
Siehe, wo sie schneiden auf dem Felde,
gehe ihnen nach, und wenn dich dürstet,
gehe hin, wo meine Knaben schöpfen:
niemand soll dich kränken, wo ich Herr bin.
Keine Fremde bist du mir: ich hörte,
was du Gutes tatest an der Mutter
deines Mannes, die du treu begleitet
in ein Land, das du zuvor nicht kanntest.
Möge dir der Herr die Tat gedenken!
Von dem Gotte Israels, zu dem du
fremd gewandert, daß du Zuflucht fändest
unter seinen Flügeln – möge Segen,
reicher Segen auf dich niedersinken!

Und es sprach das Weib zu seinen Füßen:

Laß mich fürder Gnade bei dir finden,
Herr! Nun hast du deine Magd getröstet,
denn du hast sie freundlich angesprochen.

 
3
Auf den Feldern war die Frucht geschnitten,
in die Scheunen war sie eingefahren,
und es kam der frohe Tag der Ernte.
Auf der Tenne worfelte die Gerste
Boas mit den Knaben und den Dirnen.

Tief im Herzen war ein Keim entsprossen,
tief in heißem, demutvollem Herzen:
sich zu geben dem geliebten Herren,
das gedachte Ruth, die Moabitin.
Und sie badete und salbte sorglich
ihren Leib zu ihrer Liebe Feier,
und sie schmückte sich mit Festgewanden.

Froh des Segens und der reichen Ernte,
die der Herr geschüttet auf die Tenne,
trank und schmauste mit den Seinen allen
Boas, und sein Herz ward guter Dinge.
Aber da die Nacht herabgesunken,
und der laute Schwarm sich rings verlaufen,
legt er sich, von Müdigkeit bewältigt,
auf die Tenne, hinter eine Mandel.

Und die Liebe wandelt durch die Felder
und durchschleicht die Nacht auf leichten Sohlen.
Zu dem Herrn, dem sie sich eigen fühlet,
wandelt treulich Ruth, die Moabitin.
Und sie legt sich still zu seinen Füßen
wartend nieder: ihre stumme Demut,
ihres hingegebnen Herzens Wonne
wacht und atmet in der Hut der Schatten.

Als die Mitternacht herangekommen,
schrickt der Mann zusammen und erzittert.
Er erwacht und siehe, ihm zu Füßen
liegt ein junges Weib.
                                    Wer bist du? fragt er.

Ich bin Ruth, bin deine Magd und Dirne.
Gib mir Ruhe! Breite deine Flügel
über mich! Ich bin zu dir gekommen,
denn du bist der Herr, und will dir dienen.

Und gerührt ob so viel armer Demut,
hebt sie Boas auf und spricht voll Mitleid:

Sei dem Herrn gesegnet, meine Tochter!
Was du geben kannst, hast du gegeben,
was du gibst, ist groß wie deine Liebe,
und an mir hast du sie nicht vergeudet.
Wie du sagst, so soll es dir geschehen:
Meines Volkes ganze Stadt erfahre,
daß ich dich erwählt zu meinem Weibe.
Schlafe nun bis an den andern Morgen!

Keines Menschen Seele soll erkunden,
daß ein Weib gekommen in die Tenne:
morgen sollst du meine Gattin heißen . . .
Schlafe nun bis an den andern Morgen!

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