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Gedichte

Emil Gött: Gedichte - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleGesammelte Werke Band 1
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleGedichte
pages38
created20120213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Mit einem Bild der Leihalde

        Die Scholle also, wo ich Wurzeln schlage,
Zerzaust vom Sturm, geplagt vom Ungeziefer,
Wie meine Bäume auch, doch sonder Klage:
Ich beuge mich und treib die Wurzeln tiefer
Und geb mir Mühe, daß ich Äpfel trage!

 


 

Ein anderes

        Da schaut herein in meine Winternacht:
Die Flur und ich dazu wie unterm Siegel!
Doch jeden Tag hab ich hineingelacht
In sie und mich, wie je ein Eulenspiegel!

Auf den vereisten und verschneiten Wegen
Watet die Welt dem neuen Lenz entgegen,
Und unterm Wams zuckt eng das Herz zusammen,
Zu hüten seine Auferstehungsflammen!

 


 

        Jeden Tag erblüht ein neuer Baum,
Jede Nacht erglüht ein neuer Traum,
's ist der alte Stamm, nur jung erblühend,
Und das alte Herz, nur frisch erglühend.

Aber Gott! Nicht diese Segenswucht:
Nur den Tausendteil heg mir zur Frucht.
Läßt du aber alle Blüten fallen –
Einen Traum mach leben mir von allen!

 


 

        Ich suche nicht Gott und die Welt zu erfassen –
Einst hab ich wohl auch dabei Haare gelassen,
Zerstieß mir den Verstand auf dem Ungrund der Welt –
Fand ihn wieder zusammen auf diesem Stückchen Feld.
Hier pflanz ich meine Bäume, nicht daß sie mich verstehn,
Nein, blühen sollen sie und Früchte will ich sehn,
Sie sollen mich umduften im Weißgrünrosakleid,
Und reife süße Früchte mir tragen zu ihrer Zeit,
Sie sollen mich nicht erkennen – bin ihnen ein ewig Un
Sie sollen nur ihren Willen nach dem meinen tun,
Und ist's ein Trost, so mögen sie ihn spüren:
Ich richte auch den meinen nach dem ihren!

 


 

        Dieser einfältige Unverstand,
Dazu der nasse Buckel und die schwielige Hand,
Dies ist mein Gottesdienst, meine Theologie,
Auch meine ganze Philosophie,
Ja sogar auch die Juristerei
Und ein gut Stück Medizin ist auch dabei.
Und ich glaube, wenn Gott mich betracht',
Daß er vergnügt in den Rauschebart lacht.
Doch euer Gejammer um dies Tal der Zähren
Wird schwerlich sein Schöpferantlitz verklären.

 


 

        Und mit allerfeinst getüftelten Systemen
Macht er, wozu wir in unsrer Sphäre Zeitungen nehmen.
Ihr lächert und ekelt ihn, ihr Grübler und Flenner –
Ein braver, lustiger, fleißiger Kerl, das ist ihm gerade
    genug, aber auch ganz allein Gotter- und -bekenner!
Jetzt aber nach diesem Gedankenspan
Trinken wir eins und fangen dann eine neue Reihe an!

 


 

        Lieber Gott, ich will nicht viel:
Steck mir nur ein festes Ziel,
Leih mir Kraft, danach zu streben
Und das Glück, es zu erleben. –

»Kind! Das Glück liegt nur im Streben,
Und das mußt du selbst dir geben!
Alles, was du sonst begehrst,
Sucht dein Herrgott selber erst!«

 


 

        Löscht das junge Menschlein nicht mit Wasser,
Tragt es lieber in den Sonnenschein,
Tauft's mit Licht und Feuer, laßt es glühen
In der Esse prächtig rotem Schein;
Zieht es feurig auf und nicht gewässert,
Tränkt's mit Lachen, nicht mit Flennerein;
Lehrt es Leib und Seele edel schmieden,
Daß der Mensch sich endlich finde rein,
Und den wundervollen Körper liebe
Als den Kelch für seines Lebens Wein!

 


 

Vorsatz

(Aus der Studentenzeit)

        Wenn der letzte Berg erstiegen
Und durchstreift die letzte Schlucht,
Wenn der Beutel im Versiegen
In der Tage rascher Flucht,
Wenn die Lieder ausgesungen,
Jedes holde Kind geküßt,
Wenn der letzte Streich gelungen
Und die letzte Lust gebüßt,
Wenn verübt der letzte Reim –
Dann erst gehn wir wieder heim!

 


 

        »Es ist nicht alles Gold, was glänzt,«
Das hat man früh mir beigebracht,
Doch spät erst hab ich selbst gelernt:
»Es ist nicht alles Glück, was lacht!«

Hab's hell geschaut und hell gedacht,
Und war doch blind, wie heut mir scheint:
Wohl ist nicht alles Glück, was lacht –
Doch auch nicht alles Schmerz, was weint!

 


 

        Da lästern sie den Krieg, die Basen und die Memmen;
Ein Schiedsgericht entscheide, nicht das Schwert!
In ewigem Frieden speckig aufzuschwemmen,
Das wär ein Ziel, des Menschenstrebens wert!
Sie ekelt nicht der wirre Menschenknäuel,
Es stört sie nicht das Stinken der Fabrik,
Es schreckt sie nicht des Friedens lange Greuel,
Der Blitz des Krieges blendet ihren Blick!

Ich aber lieb es, wenn die Donner sprechen,
Den schwülen Dunst die schnellen Blitze brechen,
Gefällt vom Sturm die morsche Eiche kracht.
Nicht langsam soll mein heißes Blut versiegen,
Nein, rasch und kühn will ich hinüberfliegen
In froher, klirrender Männerschlacht!

 


 

        O tiefe Sehnsucht, unruhvoller Drang,
Sag, wohin stürmt dein ewiger Wogengang?
Mein Herz empört sich, wie die Tage rinnen
Und stemmt sich wider seine eigne Hast –
Ach eine einzige Stunde wahrer Rast,
Und Atemholen, und Besinnen!

 


 

Das sind die wahren Stunden,
Die meine Seele lebt,
In denen durchempfunden
Die Welt an mir vorüberschwebt.

 


 

      Gedanken können Flügel geben!
Und Flügel, hör mich, Mann und Weib,
Sind Flügel nicht ein – – neues Leben
Dem flügellos geschaffenen Leib?

 


 

        Baum der Freiheit heißt die Zypresse –
                                      weißt du warum?
Und Blume der Freiheit die Lilie –
                                      weißt du warum?
Hundert Hände hat jene und greift nach nichts,
Und zehn Zungen diese und schweigt von sich –
                                      Nun weißt du warum!

 


 

        Man wird mich drucken und in Leder binden,
Und wohlverwahren in den Bücherspinden;
Man wird mich lesen, aber mehr noch nennen,
Und alles, was ich lehre, wird man kennen;
Mein Bild auch wird in jeder Stube hängen,
Man feiert meinen Tag mit Weihgesängen;
Man ordnet neu die Welt nach meinen Sätzen,
Und straft die Frevler, die mich laut verletzen –
Doch härter noch, mit flammendem Verruf,
Wird man den Geist verfolgen, der mich schuf.
So werd ich schlafen unter starrer Decke,
Bis ich nach tausend Jahren wieder einen wecke!

 


 

Fragment

        O Mutter, Mutter! nein, du kennst mich nicht,
Du weißt nicht, was ich will und was ich bin –
Du ahnst die Schrecken nicht, die in mir gären!

– O Ulrich nur zu gut! ich kenne dich – –

Du mich? – Dein Schoß begriff mich einst, – du – nie!

 


 

Hier vor deinem Antlitz,
Unerschöpfliche!
Du Meer des Lichts,
Kochender Ozean,
Schoß des Lebens,
Steh ich,
Der Unersättliche,
Und – – schöpfe!

 


 

    Mein Herz ist durstig, es verlangt nach Glück!
O, von den Feuerbächen meiner Liebe allen,
Die es hinströmend ließ zur Welt entwallen,
Gib einen Tropfen, einen, mir zurück!

 


 

        Zeigt mir das Schwere,
Das ich nicht überwiege,
Wo ist ein Flug,
Den ich nicht überfliege?
Aus den verlorensten Schlachten
Schuf ich noch Siege!

 


 

        Der Sturm, der diesen schwülen Dunst zerreißt, bin ich,
Der Strahl, der diese faule Welt zerschmeißt, bin ich,
Das Blut, die Kraft, aus dem sie neu ersteht,
Der Gott, den ihr erfleht, der Menschengeist – bin ich.

 


 

        Sie sind ihm nur zum Überschreiten da! – –
So schilt er meine Wüsten, meine Meere,
Die weiten Einsamkeiten, wo ich wuchs,
Die Heimat mir, die Tempel, wo mein Herz
Erbebte vor der ungeheuern Welt,
Die mich umwölbte, und mein Menschenstolz
Zerging vor Demut, Wehmut und der Qual,
Dies alles zu enträtseln und mich selbst – –
Sie sind ihm nur zum Überschreiten da!

 


 

        Über allen Wolken
Bist du, o Sonne!
Über aller Nacht
Ist Licht.
Über all dem dunkeln Weh der Welt
Schwebt der Feuerball der Wonne.
Hebe dich Mensch und verzage nicht!

 


 

        Die Schuld des Daseins! Unverstandnes Wort!
Der Edeln Qual, der Pfaffen bester Hort,
Den Mut zu lähmen und die Kraft zu ketten.
Heran zu mir, ich will das Leben retten:
Nicht rückwärts – vor uns liegt des Daseins Schuld!
Heran und drauf! ihr lebt nicht mehr vergebens:
Löst ein sie mit dem Einsatz dieses Lebens
Mit Schweiß und Blut, mit Freude und – Geduld.
Mit schaffender, nie zweifelnder – Geduld!

 


 

    Voll und schwer
Entquillt die Träne einem echten Leid,
Leicht und leer
Läßt sie tröpfeln die Wehleidigkeit.
Jene frischt
Des Glückes Ton zu alter Kraft zurück,
Die verwischt
Sein Farbenfeuer auch dem besten Glück!

 


 

        Heran mit allen Zügen, liebes Leben,
So neig dich über mich, ich hasse nichts!
Mit allen Furchen deines Angesichts
Find ich dich schön, was kann es Schönres geben?

Ich hasse nichts, als dich zu fliehn und hassen!
Heran an meine Brust! ha, wie du glühst,
Wie deine Formen schwellen, wie du blühst –
So halt ich dich, um nimmer dich zu lassen!

Wo sind die Falten nun, die Todesbleiche?
Du zogst mich an in deiner Furchtbarkeit –
Ich kam, zu allem Furchtbaren bereit,
Und finde nichts, als Anmut, Süße, Weiche!

 


 

        »Nein! Das Schöne kann nicht leben –
Leben ist gemein!
Schweben kann es nur und streben
Schön befreit zu sein – –«

Aber geh: zu diesem Streben,
Diesem Schweben leicht und gut,
Braucht es Saft und Kraft und Glut,
Braucht es – ungeheures – Leben.

 


 

        Was zagst du, Freund, hinauszutreten,
Dahin es dich so mächtig reißt,
Und schweigst mit innigen Gebeten
Den flügelraschen Feuergeist?

Lebendig an der Mitwelt weben,
Wild, aber kühl im Feuer stehn,
Das eigne Leben herrisch leben,
Dem Ganzen dienend untergehn.

Ergib dich, auch mit seligem Grauen,
Dem ungewollten seligen Los,
Und sink, mit göttlichem Vertrauen,
Der Braut, dem Leben in den Schoß!

*
Es ist das schönste meiner Lieder,
Es klang in einer großen Zeit,
Doch tiefer beugte ich mich wieder,
Ich war noch immer nicht bereit.

 


 

        Wie lang hab ich geschwiegen
In dumpfem Unterliegen – –
    Ein jedes Jahr ein Tod!
Nun fühl ich wieder beben
Das alte starke Leben
    Im neuen Morgenrot.

Wohl klafft mir in der Stirne
Die Narbe bis zum Hirne –
    Bei Gott, ich gäb sie nicht!
Nein, weg die feige Binde,
Daß aus der gespaltnen Rinde
    Die Quelle besser bricht.

O wenn meine Quellen springen,
Da soll mein Tal erklingen
    Hellauf von Wand zu Wand;
Und wenn sie als Ströme rauschen,
So sollen sie zitternd lauschen
    Im weitesten Vaterland.

Da sollen sie lauschen und zittern,
Vor meinen Ungewittern
    Erschauern und vergehn;
Vergehn vor Weh und Wonne,
Und dann in meiner Sonne
    Aufatmend neu erstehn!

 


 

Das walte Gott!

        In seinem Namen fing ich's an,
In seinem Namen leg ich's wieder hin;
Was ich verloren hab, das sei vertan – –
Ich nenn's Verlust, und 's ist vielleicht Gewinn!
Hinaus denn auf den weitern Ozean,
Und wär's zu neuem Schiffbruch! hoch den Sinn!
Nun blas ins Segel, Wind, nein Sturm, nein – Feuer!
Und du, du dunkler Gott, bleib treu am Steuer!

 


 

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