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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 60
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Ein Reimbrief

Mein lieber Freund!

Sie schreiben mir so trüben Muts und fragen,
Warum so matt geh' dies Geschlecht einher,
Gleichgültig stumpf in gut und bösen Tagen,
Als drück' ein unklar Angstgefühl es schwer,
Das ahnungsvoll gefangen ihm den Sinn nimmt;
Warum fast jeder heute, stumm und starrend,
Was ihm das Schicksal bringt, in Schlaffheit hinnimmt,
Der Dinge, die da kommen sollen, harrend.

Und ich soll dieses Rätsels Schleier heben ? –
Mein Amt ist fragen, nicht Bescheid zu geben.

Doch, da Sie mal die Feder eingetaucht,
So will ich in Erwidrung Ihres Briefes,
Verehrter Freund, nun meine Meinung sagen,
Wenn schlechtweg einer Antwort nur es braucht,
Und Sie nicht fordern etwas Positives –
Kurzum, als Antwort will ich wieder fragen;
Und – weil's ein Dichter, der dazu gewillt ist,
Entschuldigen Sie, wenn meine Frag' ein Bild ist.

So lassen Sie mich fragen: ob Sie je
Zufällig wohl an einer unsrer Küsten
Ein Schiff gesehn zur weiten Fahrt sich rüsten,
Um seinen Kurs zu nehmen in die See? –
Gewiß! Dann haben Sie auch acht gegeben
Auf all die rege Wirksamkeit an Bord,
Die feste Zuversicht voll Lust und Leben,
Das klar gebietende Kommandowort,
Als ob das Schiff sich, wenn es hißt die Segel,
Beweg' in vorgeschriebnen Bahnen fort
Wie unsre Erde, nach Gesetz und Regel.

Ein solches Schiff kommt weit herumgefahren,
In manches Land, manch fernen Hafen läuft es;
Man löscht die Ladung, und mit neuen Waren,
Die fremde Namen tragen, wird gehäuft es;
Man stopft den Schiffsraum hochauf unterm Decke
Mit Kisten, Kasten, zahllosem Gepäcke,
Mit all dem Frachtgut, das zum fremden Strand kommt –
Bunt durcheinander, wie es just zur Hand kommt.

Dann wieder geht's ins Weite durch die Flut.
Wie keck durchfurcht der Bug den salzigen Schaum!
Es ist, als hätt' das weite Meer nicht Raum
Für all den Überschuß von Lebensmut,
Der noch gemehrt wird durch der Stürme Tosen
Bei Führer, Passagieren und Matrosen.

Begreiflich! Ist das Schiff nicht fest gebaut?
Ist nicht die Ladung regelrecht gestaut?
Und sind nicht Kompaß, Fernglas und Sextant,
Den Kurs danach zu richten, gut in Stand?
Ist nicht die Tüchtigkeit ringsum zu finden,
Die Zutraun weckt, davor die Zweifel schwinden? –
Und doch, trotz alledem, was kann passieren
Aus heiterm Himmel! – Ohne weitern Grund
Ist rings an Bord um aller Sinn und Mund
Ein seltsam drückendes Gefühl zu spüren.
Erst ist's, als ob es einzelne ergriffe,
Bis endlich allesamt es übermannt:
Schlaff geht das Werk von statten auf dem Schiffe;
Schlaff wird gerefft; schlaff tönen selbst die Pfiffe;
Zum Omen wird der kleinste Gegenstand.
Dem Meer, das ruhig blinkt im Sonnenbrand,
Selbst günstigen Winden, eines Vogels Schrei
Legt man die schlimmste Vorbedeutung bei;
Ein heimlich Grauen hält den Sinn umdüstert,
Obschon kein Einziger forscht, noch davon flüstert.

Was ist der Grund? Was ist geschehn an Bord?
Warum gehn alle wie mit Angst beladen?
Was lahmte Sinn und Willen, Arm und Wort?
Geschah ein Unglück? Droht dem Schiffe Schaden? –
Nein, alles geht wie sonst noch seinen Gang,
Nur freud- und mutlos, ohne Sang und Klang.
Warum? weshalb? – Es heißt, daß sonder Rast
Ein unheimlich Gerücht umher sich schleiche
Vom Vordersteven bis zum Achtermast:
Das Schiff führ' mit als Ladung eine Leiche.

Der Seemannsaberglauben ist bekannt;
Erweckt kaum, hat er aller sich bemächtigt.
Wie mit der Sache selber es bewandt: –
Ob jene bange Ahnung auch berechtigt,
Ergibt sich erst zuletzt, wenn man am Strand
Nach Sturmes Braus und trotz manch schauerlicher
Anzeichen liegt vor Anker, gut und sicher. –
Sehn Sie, – Europas Dampfpost sticht vom Strande,
Nimmt fernhin ihren Kurs nach neuem Lande
Und ich, wie Sie, mein Freund, nahm ein Billett;
Nun stehn wir auf des Achterdeckes Brett,
Zurück noch winkend von des Schiffes Rande.
Da draußen kühlen Stirne wir und Sinn;
Bei frischer Brise geht es leicht dahin; –
Im Packraum wohlverwahrt liegt die Bagage,
Und Koch und Steward sorgen für Menage.

Was mangelt noch? Wer ist, der mehr begehrt? –
Der Kessel kocht und brodelt; mit Geschnaube
Tut die Maschine ihre Pflicht; die Schraube
Zerteilt das Wasser schneidend wie ein Schwert.
Das Segel ist von günstigem Wind geschwellt;
Der Steuermann, die Mannschaft sind zu loben;

Wir haben glatte Flut, und Ausblick hält
Der Kapitän, der tüchtige, selbst da droben,
Daß er vor schlimmem Zufall uns bewahrt; –
Was mangelt noch zu einer guten Fahrt?

Und doch, – weit draußen auf dem offnen Meer,
Inmitten zwischen Heimatland und Ziele, –
Ist's nicht, als ob die Fahrt so schleppend wär',
Als ob der Frohsinn von uns allen fiele? –
Mannschaft und Passagiere, Männer, Frauen
Sind so gedrückt, so sorgenvoll zu schauen;
Man lauscht verstohlen, geht mit düsterm Brüten
Im Zwischendeck wie in den Prachtkajüten.

Sie fragen nach dem Grunde mich, mein Lieber.
So sahn Sie nicht, daß was im Wege sei,
Verstanden nicht, ein Tagwerk sei vorüber
Und all die heitre Sicherheit vorbei? –
Was schuld daran, noch läßt sich's nicht ergründen;
Doch was ich drüber weiß, will gern ich künden.

Ich saß des Nachts auf dem Verdeck allein;
Ein klarer Himmel war mit Sternenschein;
Die Luft war lau, und bei dem sanften Säuseln
Des Nachtwinds sah ich leicht die Flut sich kräuseln.
Im Schiffe war man schon zur Ruh' gegangen;
Die Lampe brannte trüb; ein Qualm, als brüte
Dort dumpfe Schwüle, stieg aus der Kajüte
Und hielt die müden Schläfer drin umfangen.
Doch friedlos war der Schlummer, ohne Ruh';
Ich sah es, denn die Luke war nicht zu.

Ein Staatsmann lag, den Mund halb aufgesperrt –
Ein Lächeln, das zum Grinsen war verzerrt;
Ein Herr Professor wälzte sich zur Seite,
Mit seiner eignen Weisheit sehr im Streite;
Und dort erblickt' ich einen Theologen,
Die Decke bis zur Stirn hinaufgezogen;

Künstler und Dichter schlummerten daneben
Wie Träumer, die in Furcht und Hoffnung schweben;
Und über allen rings, ob jedem Pfühle
Ein rötlich fahler Qualm in dunstiger Schwüle.

Vom wirren Menschenknäul, der schlummernd lag,
Ließ meinen Blick ich schweifen in die Ferne:
Ich sah gen Ost, wo schon der junge Tag
Mit mattem Schein umfing den Glanz der Sterne.
Da schlug ein Wort von drunten mir ans Ohr,
Wie ich noch starrt' ins Dämmerlicht, ins bleiche.
Es sagte Einer laut und fuhr empor,
Als ob im Halbschlaf ihn ein Traum beschleiche:
Das Schiff führt mit als Ladung eine Leiche.

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