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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 59
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Aus der Ferne

Bald eint Upsála nun alle die Jungen;
Dann wird geredet und wird gesungen.

Hab' ihnen selbst einen Reimstrauß gebunden,
Innerlichst mich begeistert erfunden.

Ich nützt' unter Zweifeln ein Lichtblickchen Glauben –
Und wollte das Kommen auch mir schon erlauben.

Nun ist's vorbei. Dem entschießenden Sterne
Gab ich Valet, – bleibe einsam und ferne.

Heil über all euren sorglosen Flug!
Heil über euch, denen Spiel noch genug!

Sommer gebiete! Wolke zerrinne!
Waldduft für all eure lechzenden Sinne!

Lerchenwetter den jauchzenden Kehlen!
Wind euren Fahnen, Licht euren Seelen!

Sonnige Tage und Nächte klare,
Wo eure Jugend auch walle und fahre!

Fern vom Süden aus seh' ich euch ziehn;
Ich höre die heimischen Melodien.

Und doch so wunderlich fremd und kraus
Dünkt mich der jubelnde Zug dort zuhaus.

Toter Zeiten gespenstischer Schritt
Schleift in unserer Jünglingsschar mit.

Aus Phrasennebel und Weihrauchflug
Formt sich ein weltgeschichtlicher Spuk.

Ein Zug, wie er droben im Norden nun saust,
Ist über Italiens Erde gebraust.

Der Jugend Zug längs den Apenninen
Riß aus dem Schlummer die Volksruinen.

Das war, da man aufschlug des Säkulums Buch.
Heut weht von der Engelsburg königlich Tuch.

Ein Zug, wie er droben im Norden nun saust,
Ist über die deutsche Erde gebraust.

Man träumte von Einheit auf Sonderbahnen;
Man träumte von schwarzrotgoldenen Fahnen.

Dann kam der ernsthafte Teil der Feste.
Alternde waren der Jugend Gäste.

Mannhaft nun für dasselbe Ziel,
Wandten sie sich zum Ernst vom Spiel.

In Nöten und Stürmen ihr Sinn bestand;
Sie bauten ihr Haus und umzäunten ihr Land.

Sie wollten ihren Traum; und belohnt ward ihr Streit.
Europa erwuchs, und erwacht ist die Zeit

Seht, darum so wunderlich fremd und kraus
Dünkt mich der jubelnde Zug zuhaus.

Toter Zeiten gespenstischer Schritt
Schleift in unserer Jünglingsschar mit.

Aus Phrasennebel und Weihrauchflug
Formt sich ein weltgeschichtlicher Spuk.

Was schweigt der einzige mündige Mund,
Der das Blendwerk zerstörte im innersten Grund?

Der Mund verstummte, will ich euch sagen,
Da ein unfertig Volk ward mit Freiheit geschlagen.

Ein Wagstück, sich selber geschenkt zu werden!
Der Ballast kann einen Segler gefährden.

Man gab in die Hand uns ein vollgültig Schwert –
Doch lehrte uns nicht solcher Waffe Wert.

Und drum unser Schicksal so schwankt und schlingert –
Wie ein Messer, daran ein Kind herum fingert.

Nun horchen wir, daß uns ein Klügrer bescheide,
Und tasten das Ding an mit Handschuhn von Seide.

Nun stehn wir wie Träumer und wissen nicht Rat
Zu einer mannhaft entscheidenden Tat.

Wann bringt uns – das uns der Dumpfheit entreißt –
Sein Losungswort des Jahrhunderts Geist?

München, den 2. Juni 1875.

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