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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 50
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Ohne Namen

Will dem Ritterlichsten senden
Dieses Lied, das ihn nicht nennt.
An den Helden soll sich's wenden,
Dem in den gebundnen Händen
Heiß das Schwert, und ohne Enden
Schmerz in Haupt und Seele brennt.

Hoch strebt er, gleich seinen Ahnen,
Und sein Los ist dumpfe Ruh';
Großen Taten gilt sein Planen,
Stolz greift er nach Siegesfahnen, –
Unheil kreuzt des Fluges Bahnen,
Armer Königsvogel du!

Tagesanbruch – Hörnerklingen!
Hei! die Weltenjagd bricht an!
Ja, ich weiß, wie lahme Schwingen
Schmerzen, wie die Fesseln zwangen,
Weiß vom heißen Sehnsuchtsringen
Dessen, der in Zwergenbann.

Abendrast – die Hörner schweigen, –
Waffen lehnen an der Wand,
Namen tönen, Namen steigen
Laut im Liede und im Reigen.
Ja, ich weiß, welch Schmerz dem eigen,
Dessen Namen nicht genannt.

Glanz von allem Schönen, Hehren
Hat ihm Herz und Geist durchflammt:
Liebeslust und Tatbegehren, –
Bunte Blumen, – reiche Ehren: –
Damit war er zum Entbehren,
Zum Vergessen jäh verdammt.

Mußte schmählich das erbleichen,
Was ihn einst so licht durchzog?
Seine Träume, all die reichen,
Dem Apostel gleich entweichen,
Dem der Hahnenschrei ein Zeichen,
Daß er selber sich betrog?

Stumme Qual! – Ihr Zwerggestalten,
Faßt ihr diesen Opfermut?
Fremden, feindlichen Gewalten
Treu zur Seite sich zu halten,
Nur um still als Schutz zu schalten
Für ein Volk, das ratlos ruht?

»Ach, du redest nur von Träumen«,
Also sagt ihr mir geschwind.
Gut, – den Geist laßt überschäumen!
Eurer ist nicht schwer zu zäumen,
Der vermag sich nicht zu bäumen,
Wißt ihr denn, was Träume sind?

Mehr als Leben, weise Meister,
Ist ein ungelebter Traum,
Wie des Lieds gefangne Geister
An der Seele Gitter, reißt er
An dem Kerker, grimm durchkreist er
Wie ein Leu den engen Raum.

»Groß,« so höre ich euch beten,
»Groß ist, wer sich selbst bezwang.«
Gold'ne Weisheit für Asketen,
Von den Lauen nachgetreten,
Für den strotzenden Athleten
Pritschenton und Schellenklang.

Pocht nicht so auf »Pflichtgenügen«!
Kauftet ihr sein Seelenheil,
Soll der Dichter sich euch fügen
Und in seinem Sang betrügen?
Kauft ihn, und mit seinen Lügen
Raubt er selbst sein bestes Heil!

Will dies Lied dem Helden senden
Ohne Namensklang als Kranz;
Ja, ich weiß, wie ihm in Händen
Brennt das Schwert und ohne Enden
Ihn der Schmerz durchzuckt in Bränden.
Faßt ihr Weisen das wohl ganz?

Martyrtum im Purpurkleide,
Stumme Qual, gehemmten Drang,
Blumen, Früchte, elend beide
Hingestreckt vom Wetterneide,
Traum, erwacht zum Lebensleide,
Flocht zum Kranze ihm mein Sang.

Und so preis' ich im Gedichte
Unvollführter Taten Ruhm.
Schwatzen laßt die weisen Wichte.
Hell erstrahlt sein Fehl im Lichte:
In dem Ritter, den ich richte,
War zu stark das Skaldentum!

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