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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 48
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Abraham Lincolns Ermordung

Ein Schuß ging drüben im Westen los
Und rüttelt' Europa auf.
Hei, wie das jählings gab einen Stoß
All den Betreßten zu Hauf!
Du altes Europa mit Ordnung und Recht,
Mit Strafen für jeglichen Streich;
Untadlig von Ruf als fromm und gerecht,
Mit biederem Harm über alles, was schlecht, –
Wie wurdest du plötzlich so bleich!

Und schwarz wird gesiegelt mit Einhorn und Aar
Und sonstigem Wappengetier;
Den Frachtschiffen droht von dem Kabel Gefahr,
In Depeschen versinkt man schier.
Der Baumwollmagnat, der Gloire Sohn,
Die Tausende rings in der Lüge Bann
Griffen nach Friedenspalmen schon, –
Da dröhnte der eine Revolverton,
Und da fiel er, der eine Mann!

Da fuhrt ihr zusammen. Europas Rat,
Sag' an, ist dies Recht und Brauch?
Einen Streich der Gewalt, eine Düppeltat
Sah die Welt ja schon früher auch.
Es heißt, daß die Krähen mitsammen im Bund,
Daß keine die andre verletzt.
Vergaßt ihr, wie Polen ging zu Grund?
Und die englische Flotte im dänischen Sund?
Warum so bekümmert nur jetzt? –

Die rote Rose, die drüben erglüht,
Für euch ein so fürchterlich Bild, –
Die ist auf Europas Boden erblüht,
Und der West gab ihr fruchtbar Gefild.
Den Strauch, der nun rötet Amerikas Strand,
Verpflanztet ihr selber mit Lust;
Ihr wart's, die geheftet mit eigener Hand
Des Märtyrers blutrotes Ritterband
Auf Abraham Lincolns Brust.

Mit vergessenen Schwüren, gebrochenem Pakt,
Mit Versprechen, die keiner hält,
Mit verbriefter Verträge zerrissenem Akt
Ward gedüngt der Geschichte Feld.
Und da hofftet ihr noch auf ein herrlich Gedeihn,
Daß kein Unkraut erwachs' und kein Dorn! –
Seht, nun keimet die Saat! Welch flammender Schein!
Ihr wundert euch, wißt weder aus noch ein;
Denn es wuchsen Dolche statt Korn! –

Wo das Recht auf des Messers Spitze schwebt
Und beim Galgen haust das Gericht,
Ist näher der Tag, der sich siegreich erhebt,
Als hier, wo mit Worten man ficht.
Ein Wille wacht, und dereinst wird zerstört
Des Lügengeists Kerkerturm;
Wenn erst in ihr Zerrbild die Zeit sich verkehrt,
Und erst in der Schale das Mark hat verzehrt
Der heimlich nagende Wurm.

Es waltet ein Dämon mit ewiger Macht,
Was eitel, wird ihm zum Raub:
Des Nero Palast in goldener Pracht,
Vernichtet sank er in Staub.
Erst aber mußt' Römerverbrechen gehn
Auf Erden von Pol zu Pol,
Der Tyrann sich in Apotheose sehn;
Des Kaisers Bild mußt' als Gottheit stehn
In Gold auf dem Kapitol.

Da brach es zusammen: Zirkus und Schloß,
Und Tempel und Säule sank mit;
Zerstampft ward der stolzeste Marmorkoloß
Unter der Büffel Tritt.
Doch neu wird gebaut auf dem Trümmerhauf; –
Dies währt' eine kurze Stund'.
Jetzt drängt nach Verjüngung der Zeitenlauf;
Bald da, bald dort steigt vernichtend auf
Die Pest aus dem schwammigen Grund.

Doch waten wir drinnen in Sumpf und Moor,
So ruf ich nicht Ach und Weh,
Wenn Giftblüten flammend keimen hervor,
Die am Baume der Zeit ich seh'!
Mag nagen der Wurm, bis zusammenbricht,
Was morsch, mit heftigem Schlag!
Und ob das »System« verzerrt sein Gesicht,
Es naht die Rache und hält Gericht
An der Zeitlüge jüngstem Tag!

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