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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 45
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Auf den Höhen

I.

Nun flugs den Rucksack umgehängt,
Den Stutzen von der Wand,
Und Tür und Laden zugezwängt
Mit Pflock und Weidenband.
Dann noch zur Mutter drüben schnell,
Wir sind ja Nachbarn schier,
Ein Handschlag zum Lebwohl, ein hell:
»Bald bin ich wieder heim vom Fjäll!
Solange – Gott mir dir!«

Vom Dorf ab biegt der Bergweg schmal,
In Hochwald geht's hinein;
Doch hinter mir ruhn Fjord und Tal
Im Mondendämmerschein.
Des Nachbars Hof lag wie im Traum,
Als ich vorüberstrich;
Doch weiter, unterm Lindenbaum,
Hielt Linnentuch und Laubessaum
Zwiesprache, wonniglich.

Da lehnt' in ihrem weißen Lein
Mein Lieb am dunklen Stamm.
Sie war so zart, so frisch, so fein,
Wie Farren hoch vom Kamm.
Halb lacht' ihr liebes Auge mir,
Halb sah's voll Schalksgeleucht; –
Ich lachte mit. »Ich werde dir –!«
Ein Satz: – und stand auch schon bei ihr!
Doch da war's Aug' ihr feucht.

Ich schlang den Arm um ihren Leib;
Da ward sie bleich und rot;
Ich nannte sie mein liebes Weib;
Ihr Busen flog voll Not.
»Jetzt bist du mein, du Liebste, du!
Mit Leib und Seele mein!«
Sie blickt', ich glaub', auf ihren Schuh;
Leis flüsterte das Laub dazu:
So bebt' ihr Linnen, fein.

Sie bat so schön; ich ließ sie los;
Wir scherzten wie vorher;
Allein was war mir solch Gekos'!
Mein Sinn verlangte mehr.
Ich bat so schön; ihr Herze schwoll, –
Sie war nur halb mehr taub;
Mir schien der Wald wie Singens voll
Von Elbenvolk und Neck und Troll
Und Lachens unterm Laub.

So ging's hinauf den Bergweg schmal,
So ging's ins Holz hinein;
Tief unter uns lag Fjord und Tal
Im Mondendämmerschein.
Ich saß so heiß, sie saß so müd
Des Abgrunds Rande nah;
Es wob um uns wie schwüler Süd; –
Ich weiß nur noch, wie ich geglüht,
Nicht mehr, wie es geschah.

Ich schlang den Arm um ihren Leib,
Die an der Brust mir lag; –
So freite ich mein junges Weib
Zum Lied des Neck im Hag.
Ob Draugvolk lachte, da sie mein,
Das schuf mir wenig Weh;
Mich irrte keines Gnoms Gegrein, –-
Ich sah nur sie, so zag und fein,
Und zitternd wie ein Reh.

II.

Ich lag auf nacktem Fels und sah
Den jungen Tag erblühn
Und all die Gipfel fern und nah
In lautrem Purpur glühn.
Von unten grüßt mit Scheiben, blank,
Der Hof der Mutter her;
Dort litt und stritt sie sonder Wank,
Dort ward mein Sinn so frisch und frank, –
Gott weiß, was sonst noch mehr.

Sie ist schon auf; zum Blauen, rein,
Erhebt der Rauch die Bahn;
Sie geht wohl jetzt, den bleichen Lein
Zu gießen, auf den Plan.
Ja, treib du nur dein Tagwerk hell,
Drauf Gott voll Liebe schaut!
Vom Rentier auf dem wilden Fjäll
Erbeut' ich dir ein wacker Fell,
Und zwei, drei meiner Braut.

Ja, wo ist sie? Sie liegt gewiß
In bunter Träume Bann.
Was dir die Nacht gebracht, vergiß; –
Im Traum nur denk daran!
Doch bist du wach, so bann' es weit;
So macht es uns nicht bang.
Bald kehrt zurück, der dich gefreit;
Web' Lein und näh' dein Hochzeitskleid;
Der Kirchweg ist nicht lang!

Wie fällt von dem zu scheiden schwer,
Den man von Herzen liebt! –
Doch Sehnsucht ist ein läuternd Meer,
Das neue Kraft mir gibt.
Die eine Nacht hat mich geheilt,
Mein böser Geist entwich;
Ein Leben, schuld- und reugeteilt,
Solch Leben, drauf kein Segen weilt, –
Ich werf' es hinter mich.

Was Dunkel in mir mächtig sah,
Im Lichte ward's zu Spott;
Ich bin so frisch, ich steh' so nah'
Mir selbst und meinem Gott!
Ein Blick auf Berg- und Fjordnatur
Noch übern Hochwald schnell, –
Und dann bergan die Rentierspur!
Weib! Mutter! Auf ein Kleines nur!
Und jetzt empor aufs Fjäll!

III.

In düstern Feuern lag entbrannt
Der Gipfel Abendwelt;
Doch überm Talrest stand gespannt
Ein dichtes Wolkenzelt.
Mein Fuß war müde, trüb mein Mut,
Mein Auge matt und blind;
Doch überm Abgrund, dran ich ruht',
Hing Heide, roten Scheins wie Blut,
Und bebt' im Abendwind.

Ich pflückt' ein Büschel Heidekraut
Und band's am Hut mir fest;
Dicht bei mir stand ein Strauch, da baut'
Ich mir die Nacht mein Nest.
In meinem Hirn war ein Gesumm,
Als ob's ein Kirchweg sei;
Das trat zusammen, sah sich um,
Das hielt Gericht, das nickte stumm
Und schritt dann still vorbei.

Wär' ich dir nah zu dieser Stund',
Du Blume, die ich brach, –
Ich legte, wie ein treuer Hund,
Mich vor dein Schlafgemach.
Ich taucht' in deiner Augen Born
Und wüsche dort mich rein:
Dem Troll, der mir den Sinn verworr'n
Bei deines Vaters Hof, voll Zorn
Schlüg' ich das Haupt ihm ein!

Aufspräng' ich siegesglühend dann
Und säng' zu Gottes Ohr
Um ewigen Sonnenschein fortan
Für dich, mein Lieb, empor!
Doch nein, so spricht, wer sich vergißt,
Wo bliebe da mein Part ?
Ich weiß und will, was besser ist,
Und darum, Gott, wenn gut du bist:
So mach' ihr's schwer und hart!

Den Bach laß schwellen, wo sie naht,
Mach' schmal und glatt den Steg,
Gib, daß Geröll ihr droh' vom Grat,
Mach' steil den Säterweg;
Ich trag' sie hoch auf meinem Arm,
Wie toll's die Flut auch treibt;
Ich bett' sie mir am Herzen warm, –
Versuch's, und stürz' sie dort in Harm!
Woll'n sehn, wer Sieger bleibt!

IV.

Weit von Süden ist er kommen,
Kommen über Meer und Firne;
Wie von Nordlichtschein umglommen
Leuchtet ihm die schwere Stirne.

Wenn er lacht: wie Schluchzen stöhnt es;
Schweigend: redet seine Lippe;
Doch wovon? Vertrauter tönt des
Windes Lied um Wald und Klippe.

Seine kalten Augen drohen
Ihren Grund so schlecht zu wissen
Wie der schwarze See, vom hohen
Firn geboren und umrissen.

Spähende Gedankenaare
Kreisen über seiner Glätte.
Aber flüchten sie, verwahre
Schnell dein Boot an sichrer Kette!

Trafen auf den Höhn uns droben,
Ich bewaffnet, er mit Hunden!
Haben Arm in Arm geschoben, –
Wollt', ich hätt' ihn nie gefunden.

Warum folgt' ich ihm verblendet?
Hätt' ich ihn nicht fliehen sollen?
Ach, er hat mir schier entwendet
Selber noch die Kraft, zu wollen!

V.

»Warum sehnst du dich nach deiner
Mutter, nahn die Abendschatten?
Dünkte dich dein Fell ein feiner
Lager als der Sammt der Matten?«

Mit mir und der Katze saß dort
Mutter auf des Bettes Rande,
Spann und sang, bis ich vergaß Ort,
Zeit um ferne Traumeslande.

»Träumen, träumen, warum träumen?
Handle doch im Tag, im lichten,
Laß des Lebens Kelch dir schäumen,
Laß das Träumen, laß das Dichten!«

»Sieh den Rentierbock, den schnellen!
Hinterdrein, durch Wind und Wetter!
Lockt's dich da noch, zu bestellen
Drunten Äcker, hart wie Bretter?«

Doch ich höre Glocken klingen,
Locken über Land und Buchten!
»Laß sie klingen! Besser singen
Gießbachwasser in den Schluchten!«

Fromm ihr Buch ins Tuch geschlagen,
Geht mit Mutter sie zur Predigt.
»Besseres, denn Kirchgangfragen,
Werde, Mann, von dir erledigt!«

Wie die Orgel drinnen brauset,
Wie das Licht am Altar schimmert!
»Besser Sturm um Gipfel sauset,
Besser Eis in Sonne flimmert!«

Nun, so komm! In Wind und Wetter
Übers weiße Meer der Firnen!
Habe Dank, mein kluger Retter!
Baden wir in Sturm die Stirnen!

VI.

Herbst. Das Vieh der letzten Weiden
Zieht zu Tal mit Glockenschalle,
Muß von Berg und Freiheit scheiden,
Muß nun wieder stehn – im Stalle.

Bald nun wird des Winters Kleid sein
Faltig Tuch auf alles senken;
Bald wird jeder Pfad verschneit sein; –
Heim muß ich den Schritt nun lenken.

Heim? Ein Heim hab' ich besessen,
Bin nicht mehr von jener Erden.
Er hat mich gelehrt vergessen,
Selber lehrt' ich hart mich werden.

Was des Alltags Herz beschäftigt,
Hat sich selbst den Tod erlesen;
Hier erst ward mein Geist gekräftigt,
Nur auf Höhen wächst mein Wesen,

In des Säters öden Planken
Samml' ich meine reichen Schätze;
Dort für einsame Gedanken
Sind an Herd und Fenster Plätze.

Um geht's dort, wenn Nacht sich senkte,
Doch bereit stehn kluge Schützen.
Seit er mir die Tarnkapp' schenkte,
Kann dem Volk sein Spuk nichts nützen.

Winterleben, hoch im Eise,
Stählt verweichlichte Gedanken;
Keines Vogels Märchenweise
Macht dir dort das Herz erkranken.

Bin ich ganz in Stahl getrieben,
Hol' ich mir die zwei vom Tale,
Lehr' sie meinen Werktag lieben,
Führ' sie ein im Hochlandssale.

Lehr' sie meine neue Weisheit,
Bis sie übers Drunten lachen;
Bald wird ihnen der im Eiskleid
Dräu'nde Firn kein Graun mehr machen.

VII.

Hier nun saß ich lange Wochen;
Kann die Einsamkeit nicht tragen;
Von Erinnrungsweh zerbrochen,
Kann ich länger nicht entsagen.

Muß zu Braut und Mutter nieder,
Mir die Brust vom Druck befreien;
Morgen sieht mein Reich mich wieder:
Heimatland im Lenz von – dreien.

Fort denn, fort! – Hu, Schneesturmböen!
Wär's zu spät denn ohne Gnade? –
Winter wirbelt um die Höhen,
Und verschneit sind alle Pfade.

VIII.

Wochen vergingen. Ich ward wieder ich.
Sein Heimweh ließ den Verwaisten.
Unter faltiger Decke der Bach hinschlich,
Der Mond hob rund übern Gletscher sich,
Und die Sterne glänzten und gleißten.

Es ward mir zu dumpf im Säter allein,
Wenn der Tag zur Rüste sich neigte;
Ich kann nun einmal nicht im Bauer gedeihn,
Ich lief übern Grat, bis der stürzende Stein
Den drohenden Abgrund mir zeigte.

In der gähnenden Tiefe lag still das Tal;
Da kam ein Tönen gegangen –.
Ich horchte. Wie traut es herauf sich stahl!
Wo hört' ich die Weise doch schon einmal? –
Da wußt' ich's: Die Glocken klangen!

Sie läuteten drunten Weihnacht ein
Mit den alten heimischen Glocken.
Ein Licht erglänzte beim Nachbar mein;
Der Mutter Fenster gibt hellen Schein; –
Wie seltsam die Strahlen mich locken!

Mein Heim, so ärmlich und doch so traut,
Was wußt' es mir nicht zu erzählen!
Hier stand ich von Nacht und Schweigen umgraut,
Dort unten lebten mir Mutter und Braut, –
Mich durfte wohl Sehnsucht quälen.

Da meint' ich den Hals mir wie zugeschnürt:
Genaht war der Schütze, der grause.
Er hatte gewahrt, was ich heimlich geschürt:
»Ich sehe, mein junger Freund ist gerührt; –
Ach ja, das liebe Zuhause!«

Und wieder stand ich mit stählerner Sehn'
Und fühlte die Schwäche bezwungen.
Die Brust mir kühlte des Höhensturms Wehn,
Sie soll mir nie mehr in Flammen stehn
Von Weihnachtserinnerungen!

Da ward's, als ob der Fenster Licht
Den Dachstuhl selbst bedrohe;
Erst war's, wie wenn ein Tag anbricht,
Dann quoll der Rauch in Wolken dicht,
Und dann kam die rote Lohe.

Es prasselt' und brannt' in die Nacht hinaus.
Ich schrie. Doch der Schütz war am Platze,
Mich lächelnd tröstend: »Warum so kraus?
Was brennt denn weiter! Ein altes Haus
Mit Weihnachtsbier und Katze.«

Er sprach so klug in all meiner Not,
Daß Schauder mein Blut durchschreckten:
Er wußte, wie trefflich der Gluten Rot
Dem silbernen Mondlicht Gelegenheit bot
Zu feinsten Beleuchtungseffekten.

Er hielt die hohle Hand sich vor –
Der Perspektive wegen;
Da schwoll Gesang die Nacht empor:
Der Mutter Geist, in der Engel Chor,
Flog ewigem Frieden entgegen:

»Still littst du, ludest still dir auf,
Still schrittst du durchs Gewimmel;
Nun tragen wir dich so sanft hinauf,
Hoch übers Fjäll in der Seligen Hauf,
Zu Weihnachtsfreuden im Himmel!«

Ich schleppte mich heim. Der Mond war bedeckt,
Hinweg mein spöttischer Richter;
Mein Blut war von Frost und Hitzen durchschreckt, –
Doch es läßt sich nicht leugnen, es war Effekt
In dem doppelten Spiel der Lichter!

IX.

Es lag der Tag von St. Johann
Heißflimmernd über der Erde;
Zu einer Hochzeit läutete man,
Tief drunten zog des Wegs heran
Viel Volks zu Fuß und Pferde.

Beim Nachbar Büchs' und Böller kracht',
Von Wimpeln flog die Linde,
Der Hof war voll, es war eine Pracht;
Doch ich lag zuäußerst am Abgrund und lacht',
Und die Tränen brannten im Winde.

Mir klang's wie Höhnen hundertfalt,
Wie Lachen aus voller Lunge;
Mir schien's, als käm' ein Spottlied geschallt;
Ich lag überm Abgrund, in Heide gekrallt,
Und biß mich auf die Zunge.

Man ritt vom Hof, ein stattlicher Troß,
Hoch saß die Braut, wie im Traume;
Weit über die Lenden ihr Goldhaar floß,
Leuchtend – wie, da sie mein Arm umschloß
Den Abend am Lindenbaume.

Den Steg überritten sie Schritt für Schritt,
Dicht aneinander, die beiden. –
Da ward mein Herz seiner Sorge quitt,
Da kam's, daß ich den Sieg erstritt;
Ich hatte nicht mehr zu leiden.

Ich stand wie aus Stahl an des Abgrunds Rand
Ob all dem Sommergetriebe.
Der Zug sah aus wie ein funkelndes Band, –
Ich hielt vor's Auge die hohle Hand,
Der Perspektive zuliebe.

Die flatternden Tücher, das schimmernde Lein,
Der Männer Wämser, die roten.
Die Kirche mit ihrem Gnadenwein,
Die Braut, die holde, die einst war mein,
Und das Glück, das mich warf zu den Toten, –

Auf all das konnt' ich nun ruhig sehn,
Als wie aus weitesten Weiten;
Ein höherer Glanz schien das Bild zu umwehn, –
Doch seht, das können nun nie verstehn,
Die drunten im Haufen schreiten.

Da lachte es hinter mir kurz und hart,
Es war der fremde Schütze:
»Kamerad, du lerntest zu gut deinen Part!
Fortan ist meine Gegenwart
Weder mir noch dir mehr nütze.«

Ja, jetzt bin ich selber mir Manns genug;
Doch Dank für gehabte Beschwerden!
Mein Blut, es ward so still und klug;
Mir ist, ich bin im besten Zug,
Langsam zu Stein zu werden.

Ich trank den letzten stärkenden Trank;
Jetzt macht mich kein Gipfel mehr frieren;
Mein Lebensbaum stürzte, mein Schiff versank, –
Doch schau', wie dort die Birken, schlank,
Ihr rotes Haus flankieren!

Es geht im Galopp; da sieh, nun sind
Sie verschwunden wie Schmetterlinge. –
Dein Leben sei Sonne, mein holdestes Kind! –
Nun schlug ich mein letztes Glück in den Wind
Für ein höher Gesicht auf die Dinge.

Nun ward mir all mein Einst zu Spott,
Nun gilt's auf Höhen zu wandern.
Mein Fuß verschwor den Tieflandstrott;
Hier auf den Bergen ist Freiheit und Gott,
Dort drunten tappen die andern.

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