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Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Johann Joachim Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
titleGedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst
authorJohann Joachim Winckelmann
year1969
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008338-9
pages1-127
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1755
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Eine andere Vorstellung betrifft den Friedensschluß. Holland läuft, ohnerachtet es durch den Reichsadler beim Rocke zurückgehalten wird, dem Frieden entgegen, welcher vom Himmel herabkömmt, umgeben mit den Geniis der Scherze und des Vergnügens, die allenthalben Blumen ausstreuen. Die Eitelkeit mit Pfauenfedern gekrönt sucht Spanien und Deutschland zurückzuhalten, diesem mit ihnen verbundenen Staate zu folgen; aber da sie die Höhle sehen, wo für Frankreich und Holland Waffen geschmiedet wurden, und die Fama in den Lüften höreten, die sie bedrohet, so lenken sie sich gleichfalls zum Frieden. Das erste von diesen zwei Bildern ist an Höhe mit Homers berühmter Beschreibung von Neptuns Fahrt auf dem Meere, und dem Sprunge der unsterblichen Pferde desselben zu vergleichen.

Nach dergleichen großen Beispielen wird es dennoch der Allegorie in der Malerei nicht an Gegnern fehlen, so wie es der Allegorie im Homer schon im Altertume ergangen ist. Es gibt Leute von so zärtlichen Gewissen, daß sie die Fabel neben der Wahrheit gestellet, nicht ertragen können: eine einzige Figur eines Flusses auf einem sogenannten heiligen Vorwurfe ist vermögend ihnen Ärgernis zu geben. Poussin wurde getadelt, weil er, auf seiner Erfindung Moses, den Nil persönlich gemacht hatte. Eine noch stärkere Partei hat sich wider die Deutlichkeit der Allegorie erkläret; und in diesem Punkte hat Lebrun ungeneigte Richter gefunden und findet sie noch itzo. Aber wer weiß nicht, daß Zeit und Verhältnis mehrenteils Deutlichkeit und das Gegenteil zu machen pflegt? Da Phidias seiner Venus zuerst eine Schildkröte zugegeben, waren vielleicht wenige von der Absicht des Künstlers unterrichtet, und derjenige, welcher ebendieser Göttin zuerst Fesseln angeleget, hat viel gewaget. Mit der Zeit wurden diese Zeichen so bekannt als es die Figur war, welcher sie beigeleget worden. Aber die ganze Allegorie hat, wie Plato von der Dichtkunst überhaupt saget, etwas Rätselhaftes, und ist nicht für jedermann gemacht. Wenn die Besorgung, denen undeutlich zu sein, die ein Gemälde wie ein Getümmel von Menschen ansehen, den Künstler bestimmen sollte, so würde er auch alle außerordentliche fremde Ideen ersticken müssen. Die Absicht des berühmten Federigo Baroccio mit einer Kirsche auf einem Märtyrertod des hl. Vitalis, die ein junges Mädchen über einen Specht hielt, der nach derselben schnappete, war notwendig sehr vielen ein Geheimnis. Die Kirsche bedeutete die Jahrszeit, in welcher der Heilige seinen Geist aufgegeben hatte.

Alle große Maschinen und Stücke eines öffentlichen Gebäudes, Palastes etc. erfordern billig allegorische Malereien. Das, was groß ist, hat einerlei Verhältnis: eine Elegie ist nicht gemacht, große Begebenheiten in der Welt zu besingen. Ist aber eine jede Fabel eine Allegorie zu ihrem Orte? Sie hat es weniger Recht zu sein, als der Doge verlangen könnte dasjenige in Terraferma vorzustellen, was er zu Venedig ist. Wenn ich richtig urteile, so gehöret die Farnesische Galerie nicht unter die allegorischen Werke. Vielleicht habe ich dem Annibale an diesem Orte in meiner Schrift zu viel getan, wenn die Wahl nicht bei ihm gestanden: man weiß, daß der Herzog von Orleans vom Coypel die Geschichte des Äneas in seine Galerie verlanget.

Des Rubens Neptun auf der Königlichen Galerie zu Dresden, war ehemals für den prächtigen Einzug des Infant Ferdinands von Spanien, als Gouverneur der Niederlande, in Antwerpen gemacht; und daselbst war es an einer Ehrenpforte ein allegorisches Gemälde. Der Gott des Meers, der beim Vergil den Winden Frieden gebietet, war dem Künstler ein Bild der nach ausgestandenen Sturm glücklichen Fahrt und Anländung des Prinzen in Genua. Itzo aber kann es weiter nichts, als den Neptun beim Vergil vorstellen.

Vasari hat nach der gleichsam bekannten und angenommenen Absicht bei Gemälden an Orten, dergleichen ich namhaft gemacht habe, geurteilet, wenn er in Raffaels bekanntem Gemälde im Vatikan, welches unter dem Namen der Schule zu Athen bekannt ist, eine Allegorie finden wollen; nämlich die Vergleichung der Weltweisheit und Sterndeutung mit der Theologie: da man doch nichts weiter in demselben zu suchen hat, als was man augenscheinlich siehet, das ist, eine Vorstellung der Akademie zu Athen.

Im Altertume hingegen war eine jede Vorstellung der Geschichte einer Gottheit in dem ihr geweiheten Tempel auch zugleich als ein allegorisches Gemälde anzusehen, weil die ganze Mythologie ein Gewebe von Allegorie war. Homers Götter, sagt jemand unter den Alten, sind natürliche Gefühle der verschiedenen Kräfte der Welt; Schatten und Hüllen edler Gesinnungen. Für nichts anders sahe man die Liebeshändel des Jupiters und der Juno an einem Plafond eines Tempels dieser Göttin zu Samos an. Durch den Jupiter wurde die Luft und durch die Juno die Erde bezeichnet.

Endlich muß ich mich über die Vorstellung der Widersprüche in den Neigungen des atheniensischen Volks, von der Hand des Parrhasios, erklären. Ich will zugleich einen Fehler anmerken, den ich in meiner Schrift begangen habe: an die Stelle dieses Malers ist in der Schrift Aristides gesetzt, welchen man insgemein den Maler der Seele hieß. In dem Sendschreiben hat man sich den Begriff von besagtem Gemälde sehr leicht und bequem gemacht: man teilet es zu mehrerer Deutlichkeit in verschiedene Gemälde ein. Der Künstler hat gewiß nicht so gedacht: denn sogar ein Bildhauer, Leochares, machte eine Statue des atheniensischen Volks, so wie man einen Tempel unter diesem Namen hatte, und die Gemälde, deren Vorwurf das Volk zu Athen war, scheinen wie des Parrhasios Werk ausgeführet gewesen zu sein. Man hat noch keine wahrscheinliche Komposition desselben entwerfen können, oder da man es mit der Allegorie versuchet, so ist eine schreckliche Gestalt erschienen, wie diejenige ist, die uns Tesoro malet. Das Gemälde des Parrhasios wird allezeit ein Beweis bleiben, daß die Alten gelehrter als wir in der Allegorie gewesen.

Meine Erklärung über die Allegorie überhaupt, begreift zugleich dasjenige in sich, was ich über die Allegorie in Verzierungen sagen könnte: da aber der Verfasser des Sendschreibens besondere Bedenken über dieselbe angebracht hat, so will ich diesen Punkt wenigstens berühren.

In allen Verzierungen sind die beiden vornehmsten Gesetze: Erstlich, der Natur der Sache und dem Orte gemäß, und mit Wahrheit; und zweitens, nicht nach einer willkürlichen Phantasie zu zieren.

Das erste Gesetz, welches allen Künstlern überhaupt vorgeschrieben ist, und von ihnen verlanget, Dinge dergestalt zusammenzustellen, daß das eine auf das andere eine Verhältnis habe, will auch hier eine genaue Übereinstimmung des Verzierten mit den Zieraten.

– Non ut placidis coeant immitia –
Hor.

Das Unheilige soll nicht zu dem Heiligen, und das Schreckhafte nicht zu dem Erhabenen gestellet werden; und aus ebendiesem Grunde verwirft man die Schafsköpfe in den Metopen der dorischen Säulen an der Kapelle des Luxemburgischen Palais in Paris.

Das zweite Gesetz schließt eine gewisse Freiheit aus, und schränkt Baumeister und Verzierer in viel engere Grenzen ein als selbst die Maler. Dieser muß sich zuweilen sogar nach der Mode in historischen Stücken bequemen, und es würde wider alle Klugheit sein, wenn er sich mit seinen Figuren in seiner Einbildung allezeit nach Griechenland versetzen wollte. Aber Gebäude und öffentliche Werke, die von langer Dauer sein sollen, erfordern Verzierungen, die einen längern Perioden als Kleidertrachten haben, das ist, entweder solche, die sich viele Jahrhunderte hindurch in Ansehen erhalten haben und bleiben werden, oder solche, die nach den Regeln, oder nach dem Geschmacke des Altertums gearbeitet worden; widrigenfalls wird es geschehen, daß Verzierungen veralten und aus der Mode kommen, ehe das Werk, wo sie angebracht sind, vollendet worden.

Das erste Gesetz führet den Künstler zur Allegorie: das zweite zur Nachahmung des Altertums; und dieses gehet vornehmlich die kleinern Verzierungen an.

Kleinere Verzierungen nenne ich diejenigen, welche teils kein Ganzes ausmachen, teils ein Zusatz der größeren sind. Muscheln sind bei den Alten nirgends als wo es der Fabel, wie bei der Venus und den Meergöttern, oder wo es dem Orte gemäß gewesen, wie in Tempeln des Neptuns geschehen, angebracht worden: Man glaubt auch, daß alte Lampen mit Muscheln gezieret, in Tempeln dieser Gottheit gebraucht worden sind. Sie können also an vielen Orten schön ja bedeutend sein; wie in den Festons an dem Rathause zu Amsterdam.

Die Schaf- und Stierköpfe geben sowenig eine Rechtfertigung des Muschelwerks, wie der Verfasser des Sendschreibens vielleicht glaubt, daß sie vielmehr den Mißbrauch desselben dartun können. Diese von der Haut entblößtem Köpfe hatten nicht allein ein Verhältnis zu den Opfern der Alten; sondern man glaubt auch, sie hätten die Kraft dem Blitze zu widerstehen, und Numa wollte hierüber einen besonderen Befehl vom Jupiter bekommen haben. Das Kapital einer korinthischen Säule kann ebensowenig zu dem Muschelwerk, als ein Beispiel eines scheinbar ungereimten Zierats gesetzt werden, der durch die Länge der Zeit Wahrheit und Geschmack erhalten. Der Ursprung dieses Kapitals scheinet weit natürlicher und vernünftiger zu sein, als Vitruvs Angeben ist. Diese Untersuchung aber gehöret in ein Werk der Baukunst. Pococke, welcher glaubt, daß die korinthische Ordnung vielleicht nicht sonderlich bekannt gewesen, da Perikles den Tempel der Minerva gebauet, hätte sich erinnern sollen, daß dieser Göttin ihren Tempeln dorische Säulen gehören, wie Vitruv lehret.

Man muß in diesen Verzierungen so wie überhaupt in der Baukunst verfahren. Diese erhält eine große Manier, wenn die Einteilung der Hauptglieder an den Säulenordnungen aus wenig Teilen bestehet; wenn dieselben eine kühne und mächtige Erhobenheit und Ausschweifung erhalten. Man gedenke hierbei an die kannelierten Säulen am Tempel des Jupiters zu Agrigent, in deren einzigem Reife ein Mensch füglich stehen konnte. Diese Verzierungen sollen nicht allein an sich wenig sein, sondern sie sollen auch aus wenig Teilen bestehen, und diese Teile sollen groß und frei ausschweifen.

Das erste Gesetz (um wieder auf die Allegorie zu kommen) könnte in sehr viel subalterne Regeln zergliedert werden: die Beobachtung der Natur der Sachen aber und der Umstände ist allezeit das allgemeine Augenmerk der Künstler; und was die Beispiele betrifft, so scheinet hier der Weg der Widerlegung lehrreicher als der Weg der Vorschrift.

Arion auf einem Delphine reitend, so wie er als ein Gemälde zu einer Sopraporte in einem neuern Werke der Baukunst, wiewohl nicht mit Vorsatz, wie es scheinet, angebracht ist, würde nach der gewöhnlichen Deutung nur allein in Sälen und Zimmern eines Dauphin von Frankreich, dem Orte gemäß sein: an allen Orten aber, wo dieses Bild nicht entweder auf Menschenliebe, oder auf Hülfe und Schutz, welchen Künstler, wie Arion finden, ziehen kann, würde es nicht bedeutend sein. In der Stadt Tarent hingegen könnte ebendieses Bild, doch ohne Leier, noch itzo, an allen öffentlichen Gebäuden seinen Ort zieren: denn die alten Tarentiner, die des Neptuns Sohn Taras vor ihren Erbauer hielten, prägten denselben, wie er auf einem Delphine ritt, auf ihre Münzen.

Man hat wider die Wahrheit gehandelt in den Verzierungen eines Gebäudes, an dessen Aufführung eine ganze Nation Teil hat; an dem Palais Blenheim des Herzogs von Marlborough, wo über zwei Portale ungeheure Löwen von Stein gehauen liegen, welche einen kleinen Hahn in Stücken reißen: die Erfindung ist nichts als ein sehr gemeines Wortspiel.

Es ist nicht zu leugnen, man hat eins oder ein paar Beispiele von ähnlich scheinenden Gedanken aus den Altertume, wie die Löwin auf dem Grabmale der Liebste des Aristogeitons, mit Namen Leaina war, welches dieser Person als eine Belohnung aufgerichtet wurde, wegen der bezeugten Beständigkeit in der Marter des Tyrannen, um von ihr ein Geständnis der Mitverschwornen wider ihn zu erpressen. ich weiß nicht, ob dieses Grabmal zur Rechtfertigung der Wortspiele in neueren Verzierungen dienen könnte. Die Liebste des Märtyrers der Freiheit zu Athen war eine Person von berüchtigten Sitten, deren Namen man Bedenken trug auf ein öffentliches Denkmal zu setzen. Eine gleiche Beschaffenheit hat es mit den Eidechsen und Fröschen an einem Tempel, wodurch die beiden Baumeister Sauros und Batrachos ihre Namen, die sie nicht offenbar andeuten durften, zu verewigen suchten. Gedachte Löwin hatte keine Zunge und dieser Gedanke gab der Allegorie Wahrheit. Die Löwin, welche auf der berühmten Lais Grab gesetzt wurde, war vermutlich von jener eine Kopie, und hielt hier mit den Vorderfüßen einen Widder, als ein Gemälde ihrer Sitten. In übrigen wurde auf dem Grabmal tapferer Leute insgemein ein Löwe gesetzt.

Es ist zwar nicht zu verlangen, daß alle Verzierungen und Bilder der Alten auch sogar auf ihren Vasen und Geräte allegorisch sein sollen. Die Erklärung von vielen derselben würde auch entweder sehr mühsam werden, oder auf bloßen Mutmaßungen beruhen. Ich unterstehe mich nicht zu behaupten, daß zum Exempel eine irdene Lampe in der Gestalt eines Ochsenkopfs eine immerwährende Erinnerung nützlicher Arbeiten bedeute, so wie das Feuer ewig ist. Ebensowenig möchte ich hier die Vorstellung eines Opfers des Pluto und der Proserpine suchen. Das Bild aber eines trojanischen Prinzen, den Jupiter entführet und ihn zu seinen Liebling erwählet, war in dem Mantel eines Trojaners von großer und rühmlicher Deutung; und also eine wahre Allegorie, welche man in dem Sendschreiben nicht hat finden wollen. Die Bedeutung der Vögel, die von Trauben fressen, scheinet einem Aschentopfe ebenso gemäß zu sein, als es der junge Bacchus, den Merkur der Leukothea zu säugen überbringet, auf einer großen marmornen Vase von dem Athenienser Salpion gearbeitet, ist. Die Vögel können den Genuß des Vergnügens vorstellen, welches der Verstorbene in den elysäischen Feldern haben wird; so wie dieses nach der herrschenden Neigung im Leben zu geschehen pflegte: man weiß, daß Vögel ein Bild der Seele waren. Man will auch bei einem Sphinx auf einem Becher des Künstlers Absehen auf die Begebenheiten des Ödipus in Theben, als dem Vaterlande des Bacchus, dem der Becher geweihet sein sollen, finden. Die Eidechse aber auf einem Trinkgeschirre des Mentors kann den Besitzer desselben anzeigen, welcher vielleicht Sauros geheißen hat.

Ich glaube, man habe Ursach in den mehresten Bildern des Altertums Allegorien zu suchen, wenn man erwäget, daß sie sogar allegorisch gebauet haben. Ein solches Werk war die den Sieben Freien Künsten geweihete Galerie zu Olympia, in welcher ein abgelesenes Gedicht durch den Widerhall siebenmal wiederholet wurde. Ein Tempel des Merkurs, der anstatt der Säulen, auf Hermen, oder auf Thermen, wie man itzo spricht, ruhete, auf einer Münze Kaisers Aurelianus, kann einigermaßen mit hiehergehören. In dem Fronton ist ein Hund, ein Hahn und eine Zunge: Figuren deren Auslegung bekannt ist.

Noch gelehrter war der Bau des Tempels der Tugend und der Ehre welchen Marcellus unternahm. Da er die Beute, welche er in Sizilien gemacht hatte, hierzu bestimmte, wurde ihm sein Vorhaben durch die Oberpriester, deren Gutachten er vorher einholete, untersaget, unter dem Vorwande, daß ein einziger Tempel nicht zwo Gottheiten fassen könnte. Marcellus ließ also zwei Tempel nahe aneinander bauen, dergestalt, daß man durch den Tempel der Tugend gehen mußte, um in den Tempel der Ehre zu gelangen; um dadurch zu lehren, daß man allein durch Ausübung der Tugend zur wahren Ehre geführet werde. Dieser Tempel war vor der Porta Capena. Es fällt mir hierbei ein ähnlicher Gedanke ein. Die Alten pflegten Statuen von häßlichen Satyrs zu machen, welche hohl waren: wenn man sie öffnete, zeigten sich kleine Figuren der Grazien. Wollte man nicht dadurch lehren, daß man nicht nach dem äußeren Scheine urteilen solle, und daß dasjenige, was der Gestalt abgehet, durch den Verstand ersetzet werde?

Ich befürchte, daß einige Bedenken in dem Sendschreiben wider meine Schrift von mir können übergangen worden sein, auf die ich zu antworten gewillet war. Ich entsinne mich hier auf die Kunst der Griechen aus blauen Augen schwarze zu machen: Dioskurides ist der einzige Skribent, der von derselben Meldung getan hat. Es ist in dieser Kunst auch in neuern Zeiten ein Versuch geschehen. Eine gewisse Gräfin in Schlesien war eine bekannte Schönheit unserer Zeiten: man fand sie vollkommen; nur hätten einige gewünscht, daß sie statt der blauen Augen schwarze gehabt hätte. Sie erfuhr den Wunsch ihrer Anbeter, und wendete alle Mittel an, die Natur zu ändern, und es gelung ihr: sie bekam schwarze Augen; wurde aber blind.

Ich habe mir selbst und vielleicht auch dem Sendschreiben kein Genüge getan: Allein die Kunst ist unerschöpflich, und man muß nicht alles schreiben wollen. Ich suchte mich in der mir vergönneten Muße angenehm zu beschäftigen, und die Unterredungen mit meinem Freunde, Herrn Friedrich Oeser, einem wahren Nachfolger des Aristides, der die Seele schilderte, und für den Verstand malete, gaben zum Teil hierzu die Gelegenheit. Der Name dieses würdigen Künstlers und Freundes soll den Schluß meiner Schrift zieren.

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