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Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst

Johann Joachim Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
titleGedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst
authorJohann Joachim Winckelmann
year1969
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008338-9
pages1-127
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1755
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Die heutigen Einwohner in Griechenland sind ein Metall, das mit dem Zusatz verschiedener andern Metalle zusammengeschmolzen ist, an welchen aber dennoch die Hauptmasse kenntlich bleibt. Die Barbarei hat die Wissenschaften bis auf dem ersten Samen vertilget, und Unwissenheit bedecket das ganze Land. Erziehung, Mut und Sitten sind unter einem harten Regimente erstickt, und von der Freiheit ist kein Schatten übrig. Die Denkmale des Altertums werden von Zeit zu Zeit noch mehr vertilget, teils weggeführet; und in englischen Gärten stehen itzo Säulen von dem Tempel des Apollo zu Delos. Sogar die Natur des Landes hat durch Nachlässigkeit seine erste Gestalt verloren. Die Pflanzen in Kreta wurden allen andern in der Welt vorgezogen, und itzo siehet man an den Bächen und Flüssen, wo man sie suchen sollte, nichts als wilde Ranken und gemeine Kräuter. Und wie kann es anders sein, da ganze Gegenden, wie die Insel Samos, die mit Athen einen langwierigen und kostbaren Krieg zur See aushalten konnte, wüste liegen.

Bei aller Veränderung und traurigen Aussicht des Bodens, bei dem gehemmten freien Strich der Winde durch die verwilderte und verwachsene Ufer, und bei dem Mangel mancher Bequemlichkeit, haben dennoch die heutigen Griechen viel natürliche Vorzüge der alten Nation behalten. Die Einwohner vieler Inseln, (welche mehr als das feste Land von Griechen bewohnt werden) bis in Kleinasien, sind die schönsten Menschen, sonderlich was das schöne Geschlecht betrifft, nach aller Reisenden Zeugnis.

Die attische Landschaft gibt noch itzo, so wie ehemals, einen Blick von Menschenliebe. Alle Hirten und alle Arbeiter auf dem Felde hießen die beiden Reisegefährten Spon und Wheler willkommen, und kamen ihnen mit ihren Grüßen und Wünschen zuvor. An den Einwohnern bemerkt man noch itzo einen sehr feinen Witz, und eine Geschicklichkeit zu allen Unternehmungen.

Es ist einigen eingefallen, daß die frühzeitige Übungen der schönen Form der griechischen Jugend mehr nachteilig als vorteilhaft gewesen. Man könnte glauben, daß die Anstrengung der Nerven und Muskeln dem jugendlichen Umrisse zarter Leiber anstatt des sanften Schwungs etwas Eckigtes und Fechtermäßiges gegeben. Die Antwort hierauf liegt zum Teil in dem Charakter der Nation. Ihre Art zu handeln und zu denken war leicht und natürlich; ihre Verrichtungen geschahen, wie Perikles sagt, mit einer gewissen Nachlässigkeit, und aus einigen Gesprächen des Plato kann man sich einen Begriff machen, wie die Jugend unter Scherz und Freude ihre Übungen in ihren Gymnasien getrieben; und daher will er in seiner Republik, daß alte Leute sich daselbst einfinden sollen, um sich der Annehmlichkeiten ihrer Jugend zu erinnern.

Ihre Spiele nahmen mehrenteils bei Aufgang der Sonne ihren Anfang, und es geschahe sehr oft, daß Sokrates so früh diese Orte besuchte. Man wählte die Frühstunden, um sich nicht in der Hitze zu entkräften, und sobald die Kleider abgelegt waren, wurde der Körper mit Öle, aber mit dem schönen attischen Öle überstrichen, teils sich vor der empfindlichen Morgenluft zu verwahren; wie man auch sonst in der größten Kälte zu tun pflegte; teils um die heftigen Ausdünstungen zu vermindern, die nichts als das Überflüssige wegnehmen sollten. Das Öl sollte auch die Eigenschaft haben stark zu machen. Nach geendigten Übungen ging man insgemein ins Bad, wo der Körper von neuen mit Öle gesalbet wurde, und Homer sagt von einem Menschen, der auf solche Art frisch aus dem Bade kömmt, daß er länger und stärker scheine, und den unsterblichen Göttern ähnlich sei.

Auf einer Vase, welche Charles Patin besessen, und in welcher, wie er mutmaßet, die Asche eines berühmten Fechters verwahret gewesen, kann man sich die verschiedenen Arten und Grade des Ringens bei den Alten sehr deutlich vorstellen.

Wären die Griechen beständig barfuß, wie sie selbst die Menschen aus der Heldenzeit vorstelleten, oder allezeit nur auf einer angebundenen Sohle gegangen, wie man insgemein glaubt, so würde ohne Zweifel die Form ihrer Füße sehr gelitten haben. Allein es läßt sich erweisen, daß sie auf die Bekleidung und auf die Zierde ihrer Füße mehr, als wir verwandt haben. Die Griechen hatten mehr als zehen Namen, wodurch sie Schuhe bezeichneten.

Die Bedeckung, welche man in den Spielen um die Hüfte trug, war bereits weggetan vor der Zeit, da die Künste in Griechenland anfingen zu blühen; und dieses war für die Künstler nicht ohne Nutzen. Wegen der Speise der Ringer in den großen Spielen, in ganz uralten Zeiten, fand ich es anständiger von der Milchspeise überhaupt als von weichen Käse zu reden.

Ich erinnere mich hier, daß man die Gewohnheit der ersten Christen, die ganz nackend getauft worden, fremde ja unerweislich finde, unten ist mein Beweis; ich kann mich in Nebendingen nicht weitläuftig einlassen.

Ich weiß nicht, ob ich mich auf meine Wahrscheinlichkeiten über eine vollkommenere Natur der alten Griechen beziehen darf: ich würde bei dem zweiten Punkte an der Kürze viel gewinnen.

Charmoleos, ein junger Mensch von Megara, von dem ein einziger Kuß auf zwei Talente geschätzt wurde, muß gewiß würdig gewesen sein, zu einem Modelle eines Apollo zu dienen, und diesen Charmoleos, den Alkibiades, den Charmides, den Adeimantos konnten die Künstler alle Tage einige Stunden sehen, wie sie ihn zu sehen wünschten. Die Künstler in Paris hingegen will man auf ein Kinderspiel verweisen; und überdem sind die äußersten Teile der Körper, die nur im Schwimmen und Baden sichtbar sind, an allen und jeden Orten ohne Bedeckung zu sehen. Ich zweifle auch, daß derjenige, der in allen Franzosen mehr finden will, als die Griechen in ihren Alkibiades gefunden haben, einen so kühnen Ausspruch behaupten könnte.

Ich könnte auch aus dem Vorhergehenden meine Antwort nehmen über das in dem Sendschreiben angeführte Urteil der Akademien, daß gewisse Teile des Körpers eckigter, als es bei den Alten geschehen, zu zeichnen sind. Es war ein Glück für die alten Griechen und für ihre Künstler, daß ihre Körper eine gewisse jugendliche Völligkeit hatten; sie müssen aber dieselbe gehabt haben: denn da an griechischen Statuen die Knöchel an den Händen eckigt genug angemerkt sind, welches an andern in dem Sendschreiben benannten Orten nicht geschehen ist, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sie die Natur also gebildet, unter sich gefunden haben. Der berühmte Borghesische Fechter von der Hand des Agasias von Ephesos hat das Eckigte, und die bemerkten Knochen nicht, wo es die Neuren lehren: er hat es hingegen, wo es sich an anderen griechischen Statuen befindet. Vielleicht ist der Fechter eine Statue, welche ehemals an Orten, wo die großen Spiele in Griechenland gehalten wurden, gestanden hat, wo einem jeden Sieger dergleichen gesetzet wurde. Diese Statuen mußten sehr genau nach ebender Stellung, in welcher der Sieger den Preis erhalten hatte, gearbeitet werden, und die Richter der Olympischen Spiele hielten über dieses Verhältnis eine genaue Aufsicht: ist nicht hieraus zu schließen, daß die Künstler alles nach der Natur gearbeitet haben?

Von dem zweiten und dritten Punkte meiner Schrift ist bereits von vielen geschrieben worden: meine Absicht, wie es von selbst zeigen kann, war also nur, den Vorzug der Werke der alten Griechen und die Nachahmung derselben mit wenigen zu berühren. Die Einsicht unserer Zeiten fordert sehr viel von Beweisen in dieser Art, wenn sie allgemein sein sollen, und sie setzen allezeit eine nicht geringe vorläufige Einsicht voraus. Unterdessen sind die Urteile vieler Skribenten über der Alten ihre Werke in der Kunst zuweilen nicht reifer, als manche Urteile über ihre Schriften. Könnte man von jemand, der von den schönen Künsten überhaupt schreiben wollen, und die Quellen derselben so wenig gekannt hat, daß er dem Thukydides, dessen Schreibart dem Cicero, wegen ihrer körnigten Kürze und Höhe, wie er selbst bekennet, dunkel war, den Charakter der Einfalt andichtet; könnte man, sage ich, von einem solchen Richter ein wahres Urteil über die griechischen Werke in der Kunst hoffen? Auch in einer fremden Tracht muß Thukydides niemanden also erscheinen. Ein anderer Schriftsteller scheinet mit dem Diodor von Sizilien ebensowenig bekannt zu sein, da er ihn vor einen Geschichtschreiber hält, der den Zierlichkeiten nachläuft. Mancher bewundert auch etwas an der Arbeit der Alten, was keine Aufmerksamkeit verdienst. »Kennern« sagt ein Reisebeschreiber, »ist der Strick, mit welchem Dirke an den Ochsen gebunden ist, das Schönste an dem größten Gruppo aus dem Altertum, welches unter dem Namen il Toro Farnese bekannt ist.«

A miser aegrota putruit cui mente salillum.

Ich kenne die Verdienste der neuern Künstler, die in dem Sendschreiben denen aus dem Altertume entgegengesetzet sind: aber ich weiß auch, daß jene durch Nachahmung dieser geworden, was sie gewesen sind, und es würde zu erweisen sein, daß sie gemeiniglich, wo sie von der Nachahmung der Alten abgewichen, in viele Fehler des größten Haufens derjenigen neuern Künstler, auf die ich nur allein in meiner Schrift gezielet, verfallen sind.

Was den Umriß der Körper betrifft, so scheinet das Studium der Natur, an welches sich Bernini in reifern Jahren gehalten hat, diesen großen Künstler allerdings von der schönen Form abgeführet zu haben. Eine Caritas von seiner Hand an dem Grabmale Papst Urban VIII. soll gar zu fleischigt sein, und ebendiese Tugend an dem Grabmale Alexander VII. will man sogar häßlich finden. Gewiß ist, daß man die Statue Königs Ludwig XIV. zu Pferde, an welcher Bernini funfzehen Jahr gearbeitet, und welche übermäßige Summen gekostet, nicht hat gebrauchen können. Der König war vorgestellet, wie er einen Berg der Ehre hinaufreiten wollte: die Aktion des Helden aber sowohl als des Pferdes ist gar zu wild und gar zu übertrieben. Man hat daher einen Curtius, der sich in den Pfuhl stürzt, aus dieser Statue gemacht, und sie stehet itzo in dem Garten der Tuilerie. Die sorgfältigste Beobachtung der Natur muß also allein nicht hinlänglich sein zu vollkommenen Begriffen der Schönheit, so wie das Studium der Anatomie allein die schönsten Verhältnisse des Körpers nicht lehren kann. Lairesse hat diese, wie er selbst berichtet, nach den Skeletts des berühmten Bidloo genommen. Man kann jenen vor einen Gelehrten in seiner Kunst halten; und dennoch findet man, daß er vielmals in seinen Figuren zu kurz gegangen ist. Die gute Römische Schule wird hierin selten fehlen. Es ist nicht zu leugnen, die Venus des Raffaels bei dem Göttermahle scheinet zu schwer zu sein, und ich möchte es nicht wagen, den Namen dieses großen Mannes in einem Kindermorde von ihm, welchen Marcantonio gestochen, über ebendiesen Punkt, wie in einer seltenen Schrift von der Malerei geschehen, zu rechtfertigen. Die weiblichen Figuren haben eine gar zu volle Brust, und die Mörder dagegen ausgezehrte Körper. Man glaubt die Absicht bei diesem Kontrapost sei gewesen, die Mörder noch abscheulicher vorzustellen. Man muß nicht alles bewundern: die Sonne selbst hat ihre Flecken.

Man folge dem Raffael in seiner besten Zeit und Manier, so hat man, wie er, keine Verteidiger nötig; und Parrhasios und Zeuxis die in dem Sendschreiben in dieser Absicht, und überhaupt die holländischen Formen zu entschuldigen, angeführet worden, sind hierzu nicht dienlich. Man erkläret zwar die daselbst berührte Stelle des Plinius, welche den Parrhasios betrifft, in dem Verstande, wie sie dort angebracht worden, nämlich, »daß der Maler in das Magere verfallen sei, da er die Schwulst vermeiden wollen«. Da man aber, wenn Plinius verstanden, was er geschrieben hat, voraussetzen muß, daß er sich selbst nicht habe widersprechen wollen, so muß dieses Urteil mit demjenigen, worin er kurz zuvor dem Parrhasios den Vorzug in den äußersten Linien, das ist, in dem Umrisse zuschreibet, verglichen und übereinstimmend gemacht werden. Die eigentlichen Worte des Plinius sind; »Parrhasios scheine mit sich selbst verglichen, sich unter sich selbst herunterzusetzen, in Ausdrückung der mittlern Körper«. Es ist aber nicht klar, was »mittlere Körper« sein sollen. Man könnte es von denjenigen Teilen des Körpers verstehen, welche der äußerste Umriß einschließt. Allein ein Zeichner soll seinen Körper von allen Seiten, und nach allen Bewegungen kennen: er wird denselben nicht allein vorwärts, sondern auch von der Seite, und von allen Punkten gestellet, verstehen zu zeichnen, und dasjenige, was im ersteren Falle von dem Umrisse eingeschlossen zu sein scheinen könnte, wird in diesem Falle der Umriß selbst sein. Man kann nicht sagen, daß es für einen Zeichner mittlere Teile des Körpers gibt: (ich rede nicht von dem Mittel des Leibes:) eine jede Muskel gehöret zu seinem äußersten Umrisse und ein Zeichner, der fest ist in dem äußersten Umrisse, aber nicht in dem Umrisse derjenigen Teile, welche der äußerste einschließt, ist ein Begriff, der sich weder an sich selbst, noch in Absicht auf einen Zeichner gedenken läßt. Es kann hier die Rede ganz und gar nicht von dem Umrisse sein, auf welchem das Magere oder die Schwulst beruhet. Vielleicht hat Parrhasios Licht und Schatten nicht verstanden, und den Teilen seines Umrisses ihre gehörige Erhöhung und Vertiefung nicht gegeben; welches Plinius unter dem Ausdrucke der »mittleren Körper« oder »der mittleren Teile desselben« kann verstanden haben; und dieses möchte die einzige mögliche Erklärung sein, welche die Worte des Plinius annehmen können. Oder es ist dem Maler ergangen, wie dem berühmten Lafage, den man vor einen großen Zeichner halten kann: man sagt, sobald er die Palette ergriffen und malen wollen, habe er seine eigene Zeichnung verdorben. Das Wort »geringer« beim Plinius gehet also nicht auf den Umriß. Mich deucht, es können des Parrhasios Gemälde außer den Eigenschaften, die ihnen obige Erklärung gibt, nach Anleitung der Worte des Plinius, auch noch diesen Vorzug gehabt haben, daß die Umrisse sanft im Hintergrunde vermalet und vertrieben worden, welches sich in den mehresten übriggebliebenen Malereien der Alten, und in den Werken neuerer Meister zu Anfange des sechszehenden Jahrhunderts nicht findet, in welchen die Umrisse der Figuren mehrenteils hart gegen den Grund abgeschnitten sind. Der vermalte Umriß aber gab den Figuren des Parrhasios dennoch allein ihre wahre Erhobenheit und Ründung nicht, da die Teile derselben nicht gehörig erhöhet und vertieft waren; und hierin war er also unter sich selbst herunterzusetzen. Ist Parrhasios der Größte im Umrisse gewesen, so hat er ebensowenig in das Magere, als in die Schwulst verfallen können.

Was des Zeuxis weibliche Figuren betrifft, die er nach Homers Begriffen stark gemacht, so ist daraus nicht zu schließen, wie in dem Sendschreiben geschehen, daß er sie stark, wie Rubens, das ist, zu fleischigt gehalten. Es ist zu glauben, daß das spartanische Frauenzimmer, vermöge ihrer Erziehung, eine gewisse männliche jugendliche Form gehabt hat, und gleichwohl waren es, nach dem Bekenntnisse des ganzen Altertums, die größten Schönheiten in Griechenland; und also muß man sich das Gewächs der Helena einer Spartanerin, beim Theokrit vorstellen.

Ich zweifle also, daß Jacob Jordaens, dessen Verteidigung man in dem Sendschreiben mit vielem Eifer ergriffen hat, seinesgleichen unter den griechischen Malern finden würde. Ich getraue mich mein Urteil von diesem großen Koloristen allezeit zu behaupten. Der Verfasser des sogenannten Auszugs von dem Leben der Maler hat die Urteile über dieselbe fleißig gesammlet; aber sie zeugen nicht an allen Orten von einer großen Einsicht in die Kunst, und manche sind unter so vielen Umständen angebracht, daß ein Urteil auf mehr als auf einen Künstler insbesondere könnte angewendet werden.

Bei dem freien Zutritte, welchen Ihro Königliche Majestät in Polen allen Künstlern und Liebhabern der Kunst verstatten, kann der Augenschein mehr lehren, und ist überzeugender, als das Urteil eines Skribenten: ich berufe mich auf die Darbringung im Tempel und auf den Diogenes vom gedachtem Meister. Aber auch dieses Urteil von Jordaens hat eine Erläuterung nötig, wenigstens in Absicht der Wahrheit. Der allgemeine Begriff von Wahrheit sollte auch in Werken der Kunst stattfinden, und nach demselben ist das Urteil ein Rätsel. Der einzige mögliche Sinn desselben möchte etwa folgender sein.

Rubens hat nach der unerschöpflichen Fruchtbarkeit seines Geistes wie Homer gedichtet; er ist reich bis zur Verschwendung: er hat das Wunderbare wie jener gesucht, sowohl überhaupt, wie ein dichterischer und allgemeiner Maler, als auch insbesondere, was Komposition, und Licht und Schatten betrifft. Seine Figuren hat er in der vor ihm unbekannten Manier, die Lichter auszuteilen, gestellet, und diese Lichter welche auf die Hauptmasse vereiniget sind, sind stärker als in der Natur selbst zusammengehalten, um auch dadurch seine Werke zu begeistern, und etwas Ungewöhnliches in dieselbe zu legen. Jordaens, von der Gattung niederer Geister, ist in dem Erhabenen der Malerei mit Rubens, seinem Meister, keinesweges in Vergleichung zu stellen: er hat an die Höhe desselben nicht reichen, und sich über die Natur nicht hinaussetzen können. Er ist also derselben näher gefolget, und wenn man dadurch mehr Wahrheit erhält, so möchte Jordaens den Charakter einer mehrern Wahrheit als Rubens verdienen. Er hat die Natur gemalet, wie er sie gefunden.

Wenn der Geschmack des Altertums der Künstler Regel in Absicht der Form und der Schönheit nicht sein soll, so wird gar keine anzunehmen sein. Einer würde seiner Venus, wie ein neuerer namhafter Maler getan, ein gewisses französisches Wesen geben: ein anderer würde ihr eine Habichtsnase machen; da es würklich geschehen, daß man die Nase an der Mediceischen Venus also gebildet finden wollen: noch ein anderer würde ihr spitzige und spillenförmige Finger zeichnen, wie der Begriff einiger Ausleger der Schönheit, welche Lukian beschreibet, gewesen. Sie würde uns mit chinesischen Augen ansehen, wie alle Schönheiten aus einer neuern italienischen Schule; ja aus jeder Figur würde man das Vaterland des Künstlers ohne Belesenheit erraten können. Nach des Demokritos Vorgeben sollen wir die Götter bitten, daß uns nur glückliche Bilder vorkommen, und dergleichen Bilder sind der Alten ihre.

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