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Gebt mir meine Wildnis wieder!

Heinrich Federer: Gebt mir meine Wildnis wieder! - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGebt mir meine Wildnis wieder!
authorHeinrich Federer
firstpub1918
year1918
publisherHerdersche Verlagshandlung
addressFreiburg i. Br.
titleGebt mir meine Wildnis wieder!
created20050524
sendergerd.bouillon
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Santissima Trinità

Dieser Wallfahrtsort liegt noch viele Stunden tiefer und einsamer im Gebirge als Subiaco. Man bricht zu Pferd oder Maultier nach Vesper auf und zieht den Abend und die halbe Nacht durch eine unbegreiflich einsame Welt. Steinhügel klaftert auf Steinhügel. Je höher man im Gerölle bergansteigt, um so grauer und größer wird die Wüste. Selten ein Krüppel von Pflanze, ein Zwergstrauch. Kein Haus, kein Mensch, kein Bach, kein Vogel. Eine ausgeworfene, versteinerte Welt.

In den Alpen meiner Heimat, hoch über dem letzten Halm und Laub, ist das Panorama der Höhen gewiß auch unwirtlich und steinig genug. Aber da gibt es doch noch Schnee, herrlichen Schnee, der das Grau unterbricht und als eine mächtige Erfrischung des Auges durch das gesamte Bergbild wirkt.

Welch einen Anblick bot unsere Karawane in der Nacht! Ein langer, langsamer Zug von Berittenen und etlichen in Holzsandeln klappernden Jungen, die unsere Tiere halten, Fackeln schwingen, den störrischen Eseln »ehe-e-e-he!« und »oho-o-o-ho!« durch die feierliche Nacht zurufen und hie und da einen dumpfen Schlag auf ihren Rücken fallen lassen, daß ich meine, das Tier müsse krach zusammenbrechen. Wir haben Proviant und Wolldecken bei uns für die kalte Nacht hier oben in den Apenninen. Ein Gaul zuhinterst befördert sogar eine Sänfte. Zuvorderst spielt ein verlumpter Kauz die Holzpfeife. Schwermütige Lieder sind es alle. Wie lichtscheue Nachtfalter schweben sie in die stille Nacht empor. Eine Gruppe Menschen vor mir murmelt lateinische Gebete. Es sind Landleute aus dem Aniotal. Dann plaudern sie wieder oder singen zur Flöte mit verhaltener tiefer Begleitstimme den melancholischen Refrain. In einer andern Gruppe dicht hinter mir reitet ein schwindsüchtiger Junge von vielleicht sechzehn, vielleicht nur zwölf Jahren. Das Leiden läßt ihn wohl älter erscheinen. Dem Prachtsmaultier sowie den köstlichen Decken, dem Sattelwerk und den drei Begleitern nach zu urteilen, die sorglich nebenhergehen und auf jedes Zucken der jungen violetten Lippen achten, muß es ein vornehmer Patient sein. Zuweilen blick ich über die Achsel zurück nach ihm und allemal friert mich bei diesem im Takt der Eselhufe auf und nieder geschüttelten steifen, schneeigen Gesicht des Todes.

»Wundervoll«, meinte mein Freund und Gespan, Carlitos de Herreras, ein Maler merkwürdiger Schatten und Lichter, »wenn man das im Pinsel behalten könnte bis morgen!«

In der Tat, die Unruhe dieser roten Laternen, die Riesenschatten der Wandelnden, die in die Schluchten hinuntergeworfen werden und dort mitschleichen; diese Provinzler dann in ihrer breiten Tracht, die Treibjungen mit der ungebrochenen, aber so barschen Stimme, der Parroccho Celesio mit dem Sakristan in weißem Chorhemd und das Biret auf dem Haupte, eine Frau, die sich von zwei erwachsenen Söhnen eher tragen als stützen läßt und immer sagt: »'s geht schon, 's geht schon!« – dann der Lungenkranke mit dem Vater und zwei Dienern und ihrem steten Geflüster – die endlos gen Himmel aufgetürmten Steinhaufen, das Rieseln der Kiesel unter den Füßen, das Flöten vorne und hinten das Singen, die klare Nacht, von leisen, frostigen Winden durchbebt, ab und zu die Rufe: Gesù! Madonna! Christo! Rufe einer stürmischen Andacht: ach, so wenig der Pinsel, so wenig vermag die Feder dieses unvergeßliche Nachtstück festzuhalten. Mir war, ich sei irgendwo im fernsten Orient, fast ertrunken in der Unermeßlichkeit der Wüste, auf der Suche nach dem verlorenen Eden.

Es gingen zwei neugierige Engländer und etliche Kunstmaler von Sarazenesco mit, Freigeister, die nur noch den Gottesdienst der Natur und der Kunst behalten haben. Neben ihrem Unglauben in Seidenstrümpfen und wattiertem Frack schritt barfuß und lustig die naive Gläubigkeit der Landleute vom Anio. Ihre Stimmen klangen so hell und ihre Augen lohten so feierlich, daß die Kunstbegeisterung der Maler daneben glanzlos verfiel.

»Könnt ich nur eine Stunde so fühlen wie mein Eseltreiber«, behauptete Carlitos, »o ich wollte den Zauber heruntermalen, daß ganz Rom auf die Zehen stände.«

Gegen drei Uhr nachts sahen wir in der Höhe an einer steilen Wand gleichsam klebend die Umrisse der Wallfahrtskirche. Zuoberst in den Bergen mußte sie wohl liegen, an der Wasserscheide zweier Meere. Ich konnte mir beim Anblick auf die vor und hinter mir sinkenden wellenförmigen Anhöhen nichts anderes denken. – Unsere Wallfahrt war sozusagen durch eine Reihe frommer und profaner Zufälligkeiten zu dieser ungewohnten Zeit ermöglicht worden. Wäre es der Ende Juli übliche Pilgergang gewesen, dann hätten wir rings um die Kirche schon hundert Beter getroffen, einige mit Teppichen und zeltartigen Schirmen, andere, die um ein Feuer sitzen und Suppe oder Polenta kochen, auch solche, die nebeneinander knien und beten. Man hätte Kranke bemerkt, die sich über die Schwelle der verschlossenen Türe legten, um beim Öffnen der Kirche ja die ersten zu sein, die der Santissima Trinità ins Auge fielen. Und auf den Gesimsen der Kirchenfenster hätte man Buben, die kein Schlaf ankam, sich in die Mauernische ducken sehen. Denn ringsum gibt es kein Obdach, keine Wirtschaft.

Heute bot unsere Gesellschaft das kleinere, aber nicht minder bunte Bild einer frommen Karawane. Man lagerte sich, so bequem es ging, auf dem Felsvorsprung, zehrte vom Vorrat, dann ging es an ein Gliederstrecken und Zudecken hier, dort an erneutes Kochen und an ein Plaudern, das seltsam, fast unwürdig in die starre Einsamkeit dieser Berge hineinscholl. Die Maler skizzierten bei der Laterne an der Kirchtüre nächtliche Gruppen, die mit dem Dunkel zu so unförmlichen Massen verschmolzen, daß man nicht leicht unterschied, sollten Baumkronen, Berghäupter, Drachen oder harmlose Menschenköpfe dargestellt werden.

Ich fand keinen Schlaf und ging unterhaltungsbedürftig von einer wachen Gruppe zur andern. So stieß ich denn auch auf den kranken Herrensohn. Auf dicken Polstern lag der Junge und wie ein Hund kauerte der jüngere Diener ihm zu Füßen, indem er ihm die Beine mit einem Kissen warm hielt. Der müde Vater war eingeschlafen. Der ältere Diener aber saß aufrecht neben dem jungen Herrn und flüsterte: »Reden Sie nicht so viel! Die Nachtluft« –

»Was tut das?« zürnte der Jüngling mit schwacher zänkischer Stimme. »Gib Wein!«

Man gab ihm. Er verschüttete davon auf die Decke, so sehr zitterten seine wächsernen Finger.

»Sie frieren, Arrigo!« sorgte der Alte wieder.

»Du bist ein Esel!«

Der Gescholtene schwieg

»Das macht alles nichts«, sprach der unterwürfig zu Füßen Hockende. Seine Stimme klang falsch und süß wie von einem glatten Weibe. »Morgen, Signor Marchese, morgen muß die Madonna Sie doch gesund machen.«

Die müden Augen des Junten sperrten sich hell auf.

»Selbstverständlich, sie muß mich heilen«, rief er heiser. »Papa hat ihr ja einen Altar hierher neben der Santissima Trinità versprochen; so weit oben bekäme sie sonst keinen. Von Silber und Gold. Er kostet viele tausend Lire. Und das weiß Madonna.«

Gebieterisch blickte der Bursche zum Gotteshaus hinüber, das von den Wachtfeuern leise gerötet wurde. Dort lag nun das hinkende Weib an der Türe. Die zwei stämmigen Söhne knieten neben ihr. Bis zu uns herüber drang ihr Wechselgebet:

»Salus infirmorum! – Ora pro nobis!«

»Wir wollen auch beten«, bat der Alte zaghaft.

»Ach, beten!« die violetten Lippen verzogen sich und bei jedem Worte glänzten, ja fletschten die langen weißen Zähne des abgemagerten jungen Marchese. »Beten wie die dort! Mir«, vollendete er eigensinnig und stützte die Knie unter der Decke auf, »mir muß Madonna helfen, nicht dem alten Weibe.«

»Die dort ist krank«, schmeichelte und wedelte der Hund wieder; »aber Sie sind nur schwach, einfach etwas von Kräften.« Und wie er sah, daß in die harten, knochigen Züge des Schwindsüchtigen eine leise Selbstgefälligkeit spielte, fügte der Hund bei: »Da ist ja nicht einmal ein Wunder nötig.«

»Ora pro nobis!« flehte es drüben immer dringlicher.

»Mateo sagt, daß sie mit dem Geschrei dort aufhören«, gebot der Jüngling. »Ich will versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. Die Decke fester wickeln!«

Damit schloß Arrigo die Augen und sah jetzt genau wie eine Leiche aus, wenn man nicht das starke Heben und Senken der weißen Nasenflügel hätte bemerken müssen.

Ungern ging der Alte hinüber. Man widersprach ihm heftig. Er faltete die Hände über die Brust, bat und bettelte, legte den Finger an den Mund und sagte leise, indem er zum Knaben deutete: »Er wartet auf ein Wunder, stört ihn nicht!«

»Ach, wir, wir wollen ein Wunder«, schrien die Männer und glotzten groß und eifersüchtig zum kleinen Marchese hinüber, der ihnen wegen seiner Vornehmheit gewiß überall auf Erden zuvorkam und nun auch noch im Himmel bei Maria und der Santissima Trinità zuvorkommen wollte.

Darauf der Alte: »So wollen wir zwei Wunder erbeten. Nur flehet nicht so laut! Maria hört gut. Seht, mein Herr ist auf den Tod krank.«

Er hielt die Laterne, welche am Türpfosten hing, so, daß ein Schimmer gerade das Gesicht Arrigos traf. Das wirkte.

» Misericordia, der Signorino ist tot!« lispelte die Lahme.

»Stille! er hält nur die Augen zu.«

Voll Mitleid blickte die Kranke hinüber und sagte dann: »Nun, Pietro, Beppo, ein Vaterunser für den armen Marchese!« Und alle drei fingen ein tiefes Murmeln an.

»Es ist mir schon leichter«, meinte der Jüngling, als er den Alten wieder neben sich hörte. Und ohne die Lider zu heben, flüsterte er für sich: »Gewiß, nun weiß ich's, ich werde wieder ganz gesund!«

Dem Alten rissen fast die Lippen vor verhaltenem Weinen.

»Gesünder als wir alle«, flötete der Sklave zu Füßen.

Ein Lächeln hüpfte über das Knabengesicht. Er war seiner Sache nun sicher. Die Madonna mußte morgen kommen und ihn heilen. Morgen, während Parroco Celesio die Messe für ihn liest. Wie die Magd oder der Kammerdiener mitten aus dem schwersten Schlaf daherrannte, wenn er mächtig klingelte, so würde die Madonna für ihn bereitstehen. Er war nicht zu jung, um hart und böse zu sein, aber noch zu jung, um nicht an die Madonna zu glauben. Er glaubte an ihre Hilfe und ihre Wunder. Aber er faßte die ancilla domini irdisch und herrisch auf.

Drüben an der Kirche vollendete das Trio: »Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.«

Schon zweimal hatte mich Mateo verweisend angeschaut. Was hatte ich da zu tun? Was mischte ich mich in ihre Betrübnis? Jetzt, da sein Blick mich zum drittenmal aufforderte wegzugehen, gehorchte ich mit einem letzten Auge auf Arrigo. Er schlief nun. Seine Stirne, die er wach immer rümpfte, entrunzelte sich und ward hell. Sicher erspähte der Junge im Traume die Madonna, wie sie einen himmelblauen Mantel über die Sterne und Wolken nachschleifend zu ihm niedersteigt, die heilige Hand auf seine Brust legt und lächelnd spricht: »Arrigo, die Santissima Trinità läßt dir sagen: erhebe dich, du bist geheilt!«

*           *
*

Am Morgen öffnete sich die Kirche, und die Messe mit dem gedehnten Litaneiensang der Pilger begann. Das Glöcklein, das schier seine Stimme in dieser Bergeinsamkeit verlernt hatte, rief überall in der steinernen Umgebung ein frommes Echo wach. Da erwachten auch die Skulpturen und Bilder der Kirche. Lebendig ward alles. Eine Kirchenfahne flatterte, Kerzen flackerten, Weihrauchwolken flogen wie blaue Vögel zu den feuchten Dielen und dem uralten Bild der Dreifaltigkeit auf. Und wie stille Beter lagen draußen die Berge, der Sonnenschein und die unbeweglichen, weißen, nahen Wolken und feierten mit.

Ein sichtbares Wunder erlebte ich nicht. Die halb gelähmte Witwe erklärte wohl, sich viel besser zu fühlen. Aber der kleine Marchese wurde nicht mehr in den Sattel gesetzt, sondern für die Heimreise in die mitgebrachte Sänfte gebettet. Nur einmal noch sah ich das starre, bittere, schneekalte Gesicht durch die Scheiben leuchten, mit gepreßten Lippen, zugekniffenen Augen und tief in die Achseln gedrücktem Kopf. Bedächtig trugen die zwei Diener die Sänfte die steilen Halden hinunter, zurück in die Villa von Vicovaro, wo der Jüngling eines Morgens nicht bleicher als jetzt, aber ohne Atem im Ruhebett gefunden wird. Hinter der Sänfte ging der Vater müde und achtlos, wie einer, der nichts mehr verlieren kann.

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