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Gebt mir meine Wildnis wieder!

Heinrich Federer: Gebt mir meine Wildnis wieder! - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGebt mir meine Wildnis wieder!
authorHeinrich Federer
firstpub1918
year1918
publisherHerdersche Verlagshandlung
addressFreiburg i. Br.
titleGebt mir meine Wildnis wieder!
created20050524
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Im Felsenstädtchen Narni.

Es war tiefer Abend, und Straße und Nerafluß waren schon ganz in violette Schatten gehüllt, als ich hoch ob dem Dunkel in den Felsen mit Mauern und Türmen ein Städtchen sah. Mit den Füßen fest im Gestein, aber die schönen Schultern in den schwindelnd blauen Himmel gehoben, war es im Verlöschen der Sonne wie ein Werk halb aus Himmel, halb aus Erde anzuschauen. Ich stieg den Hügel hinauf und schlief in einer Kammer mit offenen Fenstern und einem wunderbaren Blick auf die dämmernde Abendlandschaft in der Tiefe. Beim Erwachen aber schien der ganze luftige Morgenhimmel durch diese Fenster hineinzustürmen.

In den Stufengäßchen und auf den offenen Plätzen war es herrlich herumzuvagabundieren. Da ward nun doch einmal nichts als Italienisch gesprochen. Heißer Sommer lag auf den grauen Dächern. Die Fliegen summten. Nun liegt Deutschland im Gebirg oder Meerbad, England allenfalls noch in einem kühlen Museum von Perugia oder Siena; die Herrschaften aus Rom und Florenz nisten sich weiter oben im Abruzzengebiet ein. Die Seele des Volkes blieb ungestört in ihrem Haus.

Narni hat seine Kathedrale, eine alte, feierliche Basilika, seinen Bischof, sein Rathaus, seine Brunnen, Abbati und Nonnen, seine mittelalterliche Burg, seine Signori, es hat seine lästerlichen Bettler, seine Schelmen und seine sehr schönen, tief verschleierten Matronen. Am Palazzo Comunale herrscht schon um zehn Uhr vormittags eine sengende Hitze. Aber zwischen ein und zwei Uhr nachmittags kam der Meerwind wie immer und strich erfrischend über die Ziegel und heißen Köpfe. Nun ward Narni munter. Das Laufen und Plappern in den Gassen fing an und wurde gegen Abend immer stärker und für den Fremdling entzückender.

Die Leute sind meist klein und mager und haben ein sonnverbranntes Gesicht. Sie singen das A und rollen das R in ihrem städtischen Namen auf eine unnachahmlich süße Art. Man sagt, sie konnten das R früher überhaupt nicht aussprechen. Denn in den grauen Etruskertagen hieß die Stadt Nequinum und war ohne Zungenbeschwerde zu sagen. Aber die Römer, die keinen Buchstaben so lieben wie das speer- und panzerklirrende R, nannten die Stadt Narnia, und die weicheren Nachkommen lassen es heute mit einem milden I ausklingen.

Ohne weiteren Zweck, einzig zum Übernachten, war ich hergekommen. Aber nun blieb ich Tage und Tage hier und kam fast nicht mehr fort. Denn gar kurzweilig ist es in so einem klassischen Häusernest. Und man wohnt in Narni wie an der Türe zu den wichtigsten und feinsten Stuben der Welt. Noch ein paar Stufen hinab, und man steht vor der gewaltigen Campagna mit ihrem urweltlichen Hirten- und Historienodem. Da hocken wir Leutchen uns denn gern noch einmal zuvor an der gastlichen Narnischwelle so recht schwalbennestlich zusammen. Aber auch schon mit etwas Zugvogelgeist! Man versucht schon leise seine Fittiche. Ein paar schöne Schwünge ostwärts, und man sitzt auf den Gipfeln des Gran Sasso. Aber heute und morgen und übermorgen bleiben wir hier und halten uns recht warm!

Das Städtchen ist klein. Ich kannte bald den Pfarrer dieser und jener Kirche, den frühesten Eisverkäufer, den lautesten Zeitungsjungen, den ältesten Bürger und den Laden, wo man für ein paar Soldi sozusagen alles und noch einiges kaufen konnte, vor allem ganz wunderbare Schuhschnüre. Und haltbare Schuhschnüre sind etwas Wichtiges im Menschenleben. Wenn sie reißen, hält kein Schuh mehr, gibt es keinen richtigen Erdenschritt, ist alle Ordnung und Disziplin des Lebens zunichte. Aber Schnüre, gewichst und glänzend, wie die des Händlers Bornio, von seinem Burschen Vittorio dreimal durch die Tigerzähne gezogen, um ihre irdische Unverletzlichkeit darzutun, solche Schnüre geben dir einen festen Schritt und damit einen wahrhaft männlichen Charakter. Du fühlst dich groß, stark, einheitlich, du holst aus wie ein Riese, die Welt dünkt dich klein. Nichts ist dir unerreichbar. Du lachst. So eine Kleinigkeit wie Schuhschnüre! Aber ich sage dir, in dieser Kleinigkeit hängt der ganze Mensch.

Auch die Musikanten von Narni und den Organisten Leponti kannte ich sofort, den Tüncher Berani aus Neapel und das Fräulein Bigna, das rote und blaue Nastüchlein straßauf straßab verkauft und bei allen Heiligen von Umbrien beteuert, daß sie nicht abfärben. Und zum Beweis schneuzt sie alsogleich in so ein rotes Tuch und zeigt es triumphierend her: Ecco, was rot ist, bleibt rot, und die weißen Tupfen bleiben weiß. Nun hat das Jüngferlein ja freilich ein sehr schönes Stulpnäslein, so daß diese Reklame immer noch appetitlich bleibt. Ja, es gibt Bürschchen in Narni, die dann gerade so ein Musterfazzoletto wollen, in das Teresa Bigna sich vorwitzig geschneuzt hat, und das Mädchen ist schlau genug, den roten Fetzen sogleich um zwei Soldi teurer anzubieten.

Aber ich kannte auch die drei vornehmsten Knaben aus dem altadeligen Geschlecht der Portaglioni, die immer miteinander in einem unvergleichlich kavalieren Schritt die Gassen niederspazieren, Ellbogen in Ellbogen, sich auch im engsten Sträßchen nicht loslassen, so daß man ihnen ausweichen muß, und die dann und wann eine halbe Zigarette einem Barfußjungen vor die Füße werfen und sagen: Carling, da, rauch sie fertig! Und Carlo Sestini, der Sohn des Portiers im Palazzo Portaglioni, nimmt sie flink auf und putzt das Mundstück ab, nicht etwa aus Ekel, sondern aus Ehrfurcht, und raucht dann stolz und glücklich den Rest fertig. Weiter unten gegen das Ristorante del Re steht einer der Prinzen dem Balzo Feda auf die nackten Zehen, weil er ihn so verwundert angeglotzt hat, und sagt mit seinem feinen Herrenstimmlein: »Schrei nur, du Laffe! warum gaffst du mir so dumm ins Gesicht! Da hast du's!« – Jedoch, vor dem Albergo di Luna schwingen alle drei ihre Panamas in einem flotten Kreisel über dem glatt gekämmten Scheitel und grüßen ritterlich an ein Fräulein von sechzehn Jahren hinauf, das am Fenster sitzt, bleich und kühl, als friere es da oben im Schatten, und sich doch in feierlichem Hin und Her die Wangen fächelt. Das ist das Nichtlein des Bischofs! Es nickt ein bißchen und lächelt schwach hinunter. Und die drei Ritter verneigen sich auch ein wenig. Aber der bleichste von ihnen mit den schwärzesten Augen, der gleiche, der vorhin den armen Zeitungsbuben Balzo so grausam mit dem blanken Stiefel getreten hat, wirft hintenher mit seiner schmalen Aristokratenhand einen galanten Kuß hinauf. Jetzt errötet das frierende Kind oben am Gesimse und deckt sich schnell das Gesicht mit dem Fächer. Und so bleibt es, bis die Jünglinge längst um die Ecke verschwunden sind. Dann schaut es furchtsam in die Gasse, ob wohl jemand etwas bemerkt habe. Dann lächelt es leise und schließt die Augen halb und erlebt das süße Ereignis noch einmal und friert auf einmal nicht mehr. Da knarrt die schwere Türe hinter ihr im dunkeln Zimmer auf, und die schwarzverschleierte Mutter, ein großes Gebetbuch in der Hand und schon einen ganzen kerzenreichen Gottesdienst in den Augen, ruft leise: »Kind, komm! es ist Zeit!« – »Gern, gern«, klingelt das Mündchen der Kleinen; sie wirft ein weißes Spitzentuch über das schwarze Haar und geht mit der Mutter in die Abendandacht O, sie kann jetzt fröhlich beten! Ganz tapfer ist ihr zumute. Besonders für einen Menschen will sie beten. Ja, für ihn ganz allein diesmal. Denn er selber betet wohl nicht mehr viel und ist ein gefährlicher Knabe. Aber am Sonntag – nein, er ist doch ein guter! – da spielt er im Hochamt das Ave Maria auf seinem Cello während der Opferung. Es tönt durch die alte Kirche süßer als der reinste und frömmste Vogelgesang. Es zwitschert und zittert und seufzt um die alten Marmorengel an den Säulen, zum Onkel Bischof auf seinem geschnitzten Thron und vor die vergoldeten Türen des Tabernakels. Und der Bischof blickt vom Pultbuch auf, und Domherr Agni vergißt zu schnupfen, und die Mutter selbst, die strenge Donna, nickt auf und ab mit ihrem steifen Kinn: »Dieser Innocente di Portaglioni ist ein junger Erzengel, ein Michael oder noch vielmehr ein Gabriel.« – »Nein, Mutter, nein«, erwidert das Mägdlein, »so heilig ist er nicht. Vielleicht jetzt, wo er geigt. Da vergißt er alle Bosheit. Aber in der Stadt plagt er die Mädchen und die Knaben und ist jähzornig wie ein Gewitter und will, daß ihm alle gehorchen. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns arm . . . bitt für Innocente, den armen Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen!«

Indessen wandern die drei Portaglioni die dämmernden Sträßchen auf und ab, schauen alles an, als gehörte es ihnen, reden, mit wem sie wollen, trinken da ein Glas Eislimonade, kaufen dort ein Biskuit und lassen sich vom Schuhhändler Magazzi das neueste Paar Herrenstiefelchen zeigen, grüngelbes Leder, Schnüre wie goldene Schlänglein, einen Schnitt und eine noble Fußspitze wie gemacht für sechzehnjährige schlanke Cäsarenschritte. Sie mustern sie, stoßen schnell ein paar Worte aus und gebieten mehr mit der Hand als mit dem Mund: Daß dieses Paar noch heute abend ins Palazzo getragen wird . . . Schurke, heute abend noch, sonst . . .! bedeutet Innocente dem Laufbuben.

Ach, sie haben Geld, diese Knaben! Nur einige Sommerwochen wohnen sie hier oben in ihrem Stammhaus, mit einem Hauslehrer, zwei, drei Dienern und dem Verwalter, alles Leuten voll Buckeln und Bücklingen. Denn die Mutter ist leider gestorben, als noch keiner der drei Buben ordentlich laufen konnte, und der Vater politisiert in Rom und geht den eigenen, wahrlich nicht häuslichen Freuden nach. Und so ist es nicht zu verwundern, wenn die drei jungen Marchesi nun laufen, toll und böse und gewalttätig und in so harten feinen Stiefeln, als ihnen gerade gefällt, so vielen Abhängigen diese Sohlen auch Schmerzen machen. Später weilen sie im Meerbad zu Livorno oder in einer Bergvilla gegen Vallombrosa zu. Die übrige Zeit verbringen sie in Rom. Sie studieren alle drei Rechtswissenschaft und kümmere sich daneben um nichts als die eigene Rechthaberei. Aber sie haben alle etwas Gutes an sich, einer musiziert großartig, Cenzo malt vortrefflich, und Piero ist ein Mathematiker kühlen Geistes. Dabei reiten sie, fechten sie, spielen sie Boccia wie kein zweiter in Narni, und endlich werfen sie Geld nach allen Seiten aus, und wen sie wohlmögen, den überschütten sie mit den herrischen Almosen ihrer Barmherzigkeit.

Wie sie den Hauptweg herauf zum Palazzo zurücksteigen, kommt ihnen der barfüßige Balzo wieder in den Weg. Sicher, er hat auf sie gelauert. »Vossignoria«, sagt er diensteifrig, »das haben Sie verloren, eccolo!« Und mit seinen Sudelfingern hält er ihnen ein weißseidenes Taschentüchlein entgegen, das einem der Marchesi entschlüpft sein muß. Denn es ist mit einem verschnörkelten Wappen und prachtvollen P in jeder Ecke bestickt. Schlau hält er das Tuch hin. Und dieser ewige Innocente mit seinem so unpassenden Taufnamen schaut es an, spuckt hinein und wirft es dem Bettelbuben ins Gesicht: »Teng! behalt es nur!«– Ich hab es zufällig erhascht, dieses elende, hochmütige Teng! Und so empört war ich, daß mir die Füße in den Sandalen zitterten wie auf einem schwindeligen Grat in den Abruzzen.

Ah, das sind nicht mehr die Jungen von Pratimonti und Ferocemonte! Denen sollte einer auf die Zehen treten oder so einen Fetzen besudeltes Almosen ins Gesicht schleudern! Potz, die würden so ein Gräflein nicht übel in ihre Hirtenfäuste packen und aufs Pflaster strecken. Aber hier sind es wieder zahme Umbrier und . . . ach, diese Leute kennen das Alphabet! Und das Alphabet lehrt ein wüstes, gemeines Wort, das heißt: arm, und ein schönes, kostbar duftendes, das heißt: reich! Und das gleiche Alphabet hat ein beschmutztes und verspienes Wort, das lautet: Knecht! Und es hat ein anderes Wort voll glänzender Härte, das lautet: Herr! – Merkt euch, ihr Schwachen und Furchtsamen und Dienstseligen, dieses Alphabet gut!

Indessen, diesem Lümmel von einem Balzo bin ich am nächsten Tag vor dem Städtchen begegnet. Er verkauft morgens und abends die römischen Blätter und den »Corriere«. Jetzt war er eben fertig mit dem Morgengang, zündete eine letzte, verkrempelte Zeitung an und hielt sie tapfer in der Hand, bis sie ganz Feuer war. Da ließ er sie fallen, und ich sah etwas Schlüpfriges und Schnelles aus der Flamme gleiten. Eine Eidechse! Der Schlingel hatte sie im »Secolo« munter verbrennen wollen.

Sogleich verflog mein soziales Mitleiden und ich brummte: Es geschieht ihm ganz recht, wenn sie ihm wacker auf die Füße treten!

Am Abend saß ich im Scheine der Lampen vor dem Ristorante Barzola und trank mein Korbfläschchen Chianti. Der Himmel blitzte von sieben oder acht großen und hunderttausend ganz kleinen Sternen. Ringsum an den Tischen ward getrunken sehr spärlich und geraucht ganz ungeheuer. In den Nebensträßchen schäkerten die Mädchen und jubelten oder pfiffen die Gassenrangen. Manchmal kam ein Schrei aus dem Dunkel ans Licht zu uns herein. Zuerst hatte es wie Schrecken geklungen, ward dann aber zahmer, je lichter es ringsum wurde, und schien zuletzt in Lustigkeit aufzugehen. Mir war wohl wie nie auf der schweren Schweizer Erde. Ich hatte an keine Briefe und Bücher zu denken, an keine alte Studierstube, an keine Besuche, an keine Arbeit und Sorge. Ich war frei. An den Tisch da konnte ich sitzen und mit dem Ellbogen auf die Platte klopfen und sagen: Gebt mir Risotto und roten Wein! Und ich konnte an den Tisch dort sitzen und sagen: Ich will ein Hühnchen und Makkaroni! Und an einen dritten Tisch konnte ich sitzen und befehlen: Hier laßt mich einen Kaffee trinken und schweigen und zuhören! Ach, wie frei, wie leicht, wie vergnügt saß ich da! Nie waren mir die Hosen so bequem, nie Rock und Weste so weit und lustig vorgekommen. Es nahm mir den Humor darum auch nicht, als plötzlich die drei vornehmen Jünglinge wieder kamen, Arm in Arm, niemand ausweichend, und sich, da alle andern Tische rasch besetzt waren, an meine kleine Tafel setzten. Allerdings, sie machten eine sehr artig entschuldigende Verbeugung. Rechts und links zog man tief den Hut vor den Grünschnäbeln ab. Zweimal redete sie eine Notabilität von Narni, der Sindaco und ein prachtvoll aufgeputzter Maggiore an. Aber was die Knaben erwiderten, war ein kurzes Si! No! Si! Mehr schenkten sie keinem Ohr. Dazu rauchten sie sehr feine, würzige Zigaretten, deren Duft durch den übrigen Tabakrauch in blauen, zierlichen Weihrauchringeln in die Nachtluft flog, ohne sich mit dem allgemeinen Kanaster zu vermischen.

Nun konnte ich sie genauer betrachten. Sie glichen sich im schmalen Gesicht, der geraden Nase, dem zierlichen Mäulchen, den kleinen, abstehenden Ohren aufs Tüpfelchen. Auch das Haar hatten sie halbkurz geschnitten und über dem linken Ohr sauber gescheitelt. Schwarz war dieses Haar, aber noch viel schwärzer waren die großen Augen, die nur ein dünner Kohlenstrich von Braue überwölbte. Es waren Drillinge, zur selben Stunde geboren, in einer regenfinstern Weihnacht um die Zwölfe. Nicht der Glanz des goldigen Bambino, sondern das Dunkel jener Mitternacht hing an ihnen. Doch funkte und zuckte ein heißes Leben von ihren hellen Lippen, und so kalt und ruhig ihre Augen schienen, sie leuchteten doch bei jeder Bewegung wie ein nächtliches Wasser auf.

Sie leckten Gefrorenes mit Schokolade, und der dunkelste von ihnen, der den Becher im Nu ausgelöffelt hatte, hämmerte mit den langen, wohlgepflegten Fingern ungeduldig auf dem Tisch, als wartete er auf etwas. Er redete kein Wort. Die beiden andern dagegen schwatzten mit ihren halbgebrochenen Stimmen über jedes Mädchen, das vorüberwandelte, mit kritischem Blick und herrischer Freiheit.

Da hörte man von ferne ein lautes, schrilles Gebrüll: »Novità, recentissimi Telegrammi!...« Die Gesellschaft reckte die Köpfe aus dem Gesumme. Das Geschrei kam näher. Einige Männer machten einen Soldo bereit. Der olivenfarbenste von den drei Brüdern, Innocente, griff geradewegs in die Westentasche nach der ersten besten Münze, und seine Augen loderten gewaltig der Stimme in die Nacht entgegen.

»Stupenda cosa... Signori...«, brüllte es schon nahe, »... incredibile notizia da Londra!... eh... mirando discorso del Presidente... leggete, leggete!«

Jetzt taucht eine flinke, geduckte Figur aus dem Dunkel. Sieh da, unser Balzo, der Eidechsenquäler. ... Il Polo Nord e preso!«

Mit seinem breiten Dickkopf überfliege er die Gesellschaft triumphierend. Kann ein König Größeres melden? Er sieht alle Hände nach sich ausgestreckt und faßt schon mechanisch eine entsprechende Menge von Zeitungsnummern zwischen die kurzem, schmutzigen Finger: »... sei... dodici... ventun... ebben ventun!« Da erst erblickt er hinter dem Balkonpfeiler unsern Tisch und die drei Marchesesöhne. Einer von ihnen winkt ihm gebieterisch über alle Tische her. Es ist Innocente, der ihm die Zehen zertrat. Und wie ein treuer Hund beachtet Balzo keinen der einundzwanzig schreienden und heischenden Menschen mehr, sondern bricht sich mitten durch Gäste und Sessel hindurch Bahn und legt die erste und oberste Zeitung dem Olivengrünen mit einem tiefen Knicks bequem und entfaltet auf den Tisch. Dann den beiden andern je eine. Darauf wirft der erste, schon in die Zeitung vertieft, eine Silbermünze gegen den Buben. Der, beide Hände voll Zeitungen, schnappt sie wie ein Pudel mit dem Mund auf und grinst glücklich dazu. Diese bleichen Adelsbuben in den feinen gelben Hosen sind verdammt hochmütig und launisch, das ist wahr. Aber dafür geben sie ihm Silber. Das gleicht sich prächtig aus. Und sie klopfen ihm oft auf die Achseln wie einem ihresgleichen oder lassen ihn ein halbes Glas Gazzosa austrinken. Was wahr ist, muß man gelten lassen.

Nun erst, mit der Silbermünze zwischen den blitzenden Zähnen, geht Balzo Feda von Tisch zu Tisch und verteilt die übrigen Zeitungen. Zwischenhinein spuckt er die Münze in den Ärmel und schreit mit heiserer Stimme weiter: »Trovato il Polo! Miratevi, Signori!... da P...ë...a...r...i!«

Also doch, also doch, sagten die Leute. Der Nordpol entdeckt! Das ist das Oberste von der Welt, das Schwierigste, das Eisigste, wo die weißen Bären hocken und wo sogar die Luft gefriert. Und ein Engländer hat ihn gefunden! Diese verfluchten Engländer! Erst haben sie sich an einem Seil in den Höllenkrater des Vesuv hinuntergelassen, und jetzt finden sie mitten in Eisbergen auch noch den Nordpol. Nichts ist ihnen zu kalt und nichts zu heiß. . . . So redet, schreit, erklärt man, gebärdet sich wie ein Mitentdecker, und der Barbier Tononi, ein geborner Römer, zeigt, wie die Seehunde watscheln, und ahmt das blöde Schnüffeln der Walrosse nach. Man plaudert von grünem Eis und von 70°Celsius unter Null. Und wirklich, in die immer noch große umbrische Schwüle dieses Bergstädtchens kommt nach und nach ein kühles, süßes, eisblaues Aroma vom obersten Globus und legt sich auf das stets noch sonnenwarme Pflaster und frischt die müde Luft.

Die drei Herrchen lesen und rauchen und löffeln ein zweites Glas Limoneneis aus. Sie verwundern sich gar nicht über die Eroberung des Nordpols. Das gehört sich, daß man diesen Fleck Erdkugel endlich erreicht. Und überhaupt, man soll nur erfinden und entdecken und durch alles Land und alle Wissenschaft sich hindurchschwitzen! Wozu sind denn die Menschen da? Doch zum Dienen und Helfen und Bequemmachen der Welt. Dafür zahlen wir sie, und dafür müssen sie uns unterhalten und die Zeitungen mit ihrer Not und ihren Erfolgen füllen. Wir reichen Marchesi sitzen dann an ein Glas süßes Eis, kaufen die Zeitung und lesen ihre Geschichten. Ehre genug für sie, unsere braven Theaterspieler!

Genußselig schlecken sie an ihrer Süßigkeit weiter. Inzwischen hat Balzo allen sein Blatt ausgehändigt. Nun kommt er an unsern Tisch zurück. Er hat mich sogleich erkannt und zwinkert mir verschmitzt mit den Augen zu. Na, Herr, soll das heißen, die Eidechse ist ja nicht verbrannt, machen wir Frieden!

Bescheiden rückt er an mich heran und frägt: »E Lei, Signore, ne vuole? II Messaggero?«

»Gib mir denn einen!«

»Benbene, il Polo ë trovato da P...ë...a....r...y!«

»Da P...i...r...i, si dice!« knirscht Innocente mit aufblitzenden Augen und tritt geschickt mit seinem schönen gelben Stiefelabsatz dem Burschen auf die Zehen, genau wo er ihn gestern gequetscht hat.

»Uch... ch...ch...risto santo!« schreit Balzo und hebt das Bein. »Stimatissimo Signorino, perche non l'altro?«

»So gib den andern Fuß her, vorwärts!« lacht Innocente belustigt.

Aber Balzo hütet sich wohl, den rechten Fuß auch noch treten zu lassen. Sorglich zieht er vor den gelben Schuhen seines Peinigers die nackten Füße zurück. Nun erst sehe ich, daß Innocente das wundervolle neue Paar trägt. Wie viele Füße wird er wohl mit diesen neuen Stiefeln treten? Und wann kommt wohl einmal die Reihe an ihn? Etwa nie? Das wäre gegen alle Ordnung.

Balzo Feda jedoch blieb immer nahe stehen und beguckte mit frechen Bettleraugen die drei Eisbecher. Innocente hatte noch ein zitronengelbes Stücklein Eis im Glas. Darf ich? flüsterte Balzo und streckte die Hand darnach aus.

Der bleiche Innocente wirft rasch seine angebrannte Zigarette in den Becher, daß es zischt. Dann nickt er und sagt: »So, nimm jetzt!«

Balzo Feda, nicht faul, fischt sogleich die Zigarette aus dem schwimmenden Eis, leert das Glas, bedankt sich und bittet um Feuer.

Der junge Baron zündet sich sofort eine Zigarette an und da, wahrhaft! hält er sie Mund gegen Mund an das Stümplein des Bettelbuben, bis dieses wieder hübsch aufglimmt. Gleich dampft Balzo eine mächtige Wolke aus beiden Nasenlöchern, bedankt sich nochmal mit tiefgeneigtem Kopf und spricht: »Vossignoria fedelissim' Servitor! felice notte!«

Dann taucht er im Dunkel unter. Aber an der nächsten Straßenecke brüllt er nochmals: »Der Nordpol entdeckt von P...i...r...i! si dice P...i...r...i!«

»Er ist ein guter Teufel,« lachte Innocente. »Da hört, nun spricht er schon P...i...r...i!«

»Auf Ehre, das ist ein flinker Schüler«, mischte ich mich ein. Ich konnte nicht mehr schweigen.

Der junge Herr sah mich verwundert und kalt an. Ich aber ließ mich nicht irre machen, sondern wiederholte mit einem boshaften Lächeln. »Geradezu das Ideal eines Schülers. . . .«

»Er ist ein armer. guter Narr!« beliebte mich jetzt der Sechzehnjährige zu belehren. Er redete nachlässig durch die Nase.

»Aber er wird bald englisch sprechen, ich wette, . . . diese Fußtritte . . .«

»O!« näselte das hübsche Marcheslein und blies eine blaue Zigarettenwolke aus dem Munde, » cotale non e sente..., das spürt so einer nicht.« Und wohlgefällig betrachtete er seine zwei gelben, schönen, grausamen Stiefelchen.

Aber Balzo ging, die Zigarette im Mund, spuckend und den Rauch durch die Nase ziehend, mit fröhlicher, wenn auch müder Schlingelhaftigkeit in sein elendes Quartier auf die harte Strohmatraze. Er überschlug, auf dem Rücken liegend, das heutige Geschäft. Es ist ein guter Tag, dachte er. Ich habe eine Zigarette, einen sehr guten Schluck Eislimone und eine Lira bekommen. Alles von diesem großartigen Innocente di Portaglioni, ungerechnet die üblichen Tageseinnahmen. Freilich auch zwei Fußtritte. In Gottes Namen. Für eine Lira und eine Zigarette ist das nicht zuviel. Aber morgen ziehe ich die Sandalen an.

Von nun an grüßte mich Balzo Feda immer sehr vertraulich. Sicherlich nur, weil er mich am gleichen Tisch mit seinen drei Prinzen gesehen hatte.

Am Tag meiner Abreise besuchte ich noch das Rathaus und betrachtete mir dort aufmerksam »Die Verkündigung Mariens«. Das Bild ist von Ghirlandajo. Viel Andacht war daraus nicht zu schöpfen. Es ist, wie so viele andere des gleichen Meisters, von einer gewissen malerischen Zungenfertigkeit, geschickt und sicher hingemalt und darf sich noch jetzt, nach vierhundert Jahren, in seiner farbigen Stärke sehen lassen. Aber es lebt so gar keine himmlische Atmosphäre in dieser Gruppe, alles hat seine kurze, eitel-irdische Absicht, jede Wolke, jeder Engel, jedes Lächeln. Dabei geht die einzige erlaubte Absicht, Andacht, geht die ganze religiöse Seele des Ereignisses verloren. Wieder wie so oft versuchte ich mir umsonst das Rätsel dieses Mannes zu deuten, der so viele Fresken und Bildnisse schuf, dieses Rätsel, gemischt aus Frische und Mache, aus Theater und Natürlichkeit, aus Geistesfülle und Seelenlosigkeit.

Da zog mich jemand am Ärmel. Der kleine Balzo Feda stand hinter mir mit seinem Bündel Morgenblätter. Er war barfuß, aber hatte eine Zehe schmierig verbunden

»Ist das nicht gut gemalt?« sagte er wichtig in seinem weichen Umbrisch. »Die Madonna und der Engel dort?«

»O . . . das macht sich . . . ich glaube, Maria war viel schöner und frömmer.«

»Das kann nicht sein. Ein Inglese hat allein für den Kopf des Engels Gabriel zwanzigtausend Lire geboten . . . ein Inglese oder Amerikaner!«

»Ach, die Engländer und Amerikaner!« sagte ich leichthin und zuckte die Achseln.

»Oho, Signore, das sind die gescheitesten Leute. Die verstehen die Bilder und zahlen gut. Und sie erfinden am meisten. Sie haben den Nordpol erfunden . . . .«

»Erfunden . . ., das glaub' ich eher als . . . gefunden.«

»Gefunden, gefunden, Signore. P...i...r... i ist ein Inglese oder Amerikaner. Ne vuole?...« Er zeigte auf die Morgenblätter.

»Gib also!«

Er gab mir einen »Secolo«. Da erinnerte ich mich an jenen andern, brennenden »Secolo« vor zwei Tagen. Ich zahlte ihm das Doppelte, aber klopfte dann ernsthaft auf seine Achsel und sagte: »Vorgestern wollte ich dir eine Ohrfeige geben.«

»Ei was, Sie spassen. Warum denn?« fragte der Junge und machte ein unschuldigeres Gesicht als der Engel Ghirlandajos.

»Weil du die Eidechse verbrennen wolltest. Pfui, ein liebes Tier so martern!«

»Ma, Signore«, versetzte jetzt der Bub und lachte mit allen breiten Schaufelzähnen und unerhört ehrlichen Augen zu mir herauf, »cotale non ne sente, niente, niente..., das spürt nichts, gar nichts!«

Ich stand da wie ein verdutzter Professor, dem plötzlich mitten im Schelten der ganze Faden, ich weiß nicht wie, entschlüpft, so daß er sucht und schnappt und um sich greift und ohne Halt, wirr und stumm in den Stuhl zurücksinkt. Zuletzt, um nur den so verwunderten und spöttischen Augen des Balzo zu entwischen, sagte ich in heller Verlegenheit: »So gib mir doch einen Secolo!« Ich zahlte das Blatt – es war das nämliche, das ich schon in der Hand hielt – und lief davon.

O ihr gefühllosen Schlingel des Südens! –

Doch nein, ich nehme das zurück. Denn als ich durchs Städtlein ins Tal hinunterstieg, sah ich das Nichtlein wieder so still und frierend wie vor drei Tagen am Gesimse sitzen und scheinbar teilnahmlos ins Straßenvolk schauen. Aber dann und wann, wenn ein Gassenmensch zum Töchterchen aufblickte, nur einen Augenblick, aber mit den großen, frechen, starken Bubenaugen Italiens, dann schirmte sie das Gesichtlein rasch mit dem Fächer und getraute sich lange nicht mehr hervor. Alsdann war sie nicht mehr so alabasterbleich, sondern von einer scheue Röte wie nach einer großen Scham.

Ach, dachte ich mir, dieses Narni ist so ein kleines, vergessenes Bergnest. Und trotzdem gibt es da alle Freuden und Schmerzen, jeden Hochmut und jede Niedrigkeit der Welt. Cäsaren und Bettler, Engel und Teufelchen, Tyrannen und Märtyrinnen leben hier. Und dieses Nichtlein des Bischofs, das sich heimlich verzehrt in Sehnsucht nach dem schönen, stolzen Innocente und ihn doch halb verabscheut, sich schämt, ihn zu sehen, und dann doch wieder für ihn mit der Inbrunst einer Heiligen betet, ist dieses Jungfräulein nicht mehr als so ein Narnikind, ist es nicht das junge Italien selber, nämlich jenes junge, reine, edle Italien, dessen Herz nicht im Montecitorio, noch auf dem Kapitol, noch in den lärmenden Gazetten Roms und Mailands, sondern in einer scheuen, tausendfältigen Verborgenheit schlägt und sich freut und schämt, liebt und duldet und betet für seinen Geliebten, den noch so unruhigen, ungeläuterten, aus Stolz und Hochsinn, aus cäsarischem und gracchischem Geist, aber auch aus uraltem Sklavensinn gemischten, mächtig ausbreitenden Jüngling Staat? Werden sich diese beiden wohl einmal finden?

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