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Gauguin und van Gogh

Carl Sternheim: Gauguin und van Gogh - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleGauguin und van Gogh
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Neuntes Kapitel

Am zweiten Januar 1889, einige Tage nach der Katastrophe, im Stadtspital zu Arles wieder zu sich erwacht, seine Lage begreifend, ist Vincent mehr erstaunt als über Gauguins Flucht verzweifelt.

Brieflich fragte er den Bruder, ob er Paul erschreckt habe. Denn ihm scheint natürlich, Auseinandersetzung zwischen Männern um entscheidende Fragen spielen sich in kräftigen Formen ab. Sofort betont er, auch weiter hinge er mit Liebe an Gauguin, erwarte über die kuriose Sache dessen schriftliche Äußerung. Beim ersten Ausgang aus dem Spital schreibt er ihm selbst ein paar Worte, an ihn nur habe er im höchsten Fieber gedacht, bitte ihn, den Freunden in Paris nichts Schlechtes über das kleine gelbe Haus am Lamartineplatz zu sagen.

Doktor Rey, der behandelnde Arzt, schenkte ihm über die Stunden seiner Bewußtlosigkeit reinen Wein ein: Eine an sich empfindsame Natur habe er durch leibliche und geistige Ausschweifungen überspannt, bis sie durch krampfhafte Entladung sich gerächt hätte. Epilepsie! Vincent nahm die Diagnose als bürgerliches Urteil, das man selbst genau besehen wollte.

Dazu hatte er reichlich Zeit; denn plötzlich kam Befehl, ihn aus der Anstalt nicht mehr in die Stadt zu lassen, in der sich Erbitterung gegen seine brutalen Akte so gesteigert hatte, daß eine Anzahl Bürger die Eingabe an den Bürgermeister, man müßte einen Verrückten endlich hinter Schloß und Riegel bringen, gemacht hatte.

Vincent packte Wut, die sich sänftigte, als er sich sagte, Spießbürger müßten über seine Art sich aufzuführen, empört sein. So schrieb er dem Stadthaupt, er wollte, machte es der Bevölkerung Spaß, sich ins Wasser der Rhone werfen. Gäbe aber anheim, zu bedenken, sich, sonst keinem habe er ein Ohr abgeschnitten. Das Ganze sei also seine Sache.

Er blieb überzeugt, auch jetzt war er nicht, wie Menschen meinten, verrückt, doch solange geistesgesund, als ihm sein Zustand aus von ihm gewußten Gründen einleuchtete, er die Kontrolle dessen, was mit ihm in auf die Spitze getriebenen Situationen geschah, behielt. Die knallgelbe grelle Note der Sonnenblumen vom vorigen Herbst zu machen, hatte er eben Außerordentliches mit sich anstellen müssen; doch bis auf wenige Sekunden war alles in seiner Hand ihm bewußt geblieben. Vor diesen aber und davor, daß sie sich wiederholten, hatte er Angst und beschloß, die Scheu vor ihnen zu verlieren, solche Zustände an anderen Kranken zu studieren, sie auch zu begreifen. Denn fester wurde sein Glaube: Der Mensch muß in lauter Gewißheit leben, und seit Voltaire ist nicht mehr alles, was sich Welt nur einbildet, zu glauben möglich. Im übrigen gehörte solche Krankheit zum Mann wie der Efeu zur Eiche, könnte, lebte man mit ihr und nicht mit allen Trieben gegen sie, den Menschen in die höhere Gesinnung führen.

Da ihn die Anstaltsleitung besonnen, seinem Zustand überlegen fand, hob sie die Sperre über ihn auf, und als ihn am 24. März Paul Signac, ein Malerfreund aus Paris, besuchte, ging er mit ihm in die Stadt hinab, sein Haus zu besuchen, das sie mit polizeilichen Siegeln geschlossen fanden.

Trotzdem gelang ihnen, hineinzukommen, und unter herumliegenden Bildern fanden sie jene gemalten Heringe, die die recherchierenden Gendarmen als Verhöhnung ihrer selbst empfunden, von denen sie in Protokollen viel Wesens gemacht hatten, weil man in Arles die Polizisten Heringe nannte.

Lachend schenkte Vincent sie dem Freund zum Andenken.

Auch Roulin sah er in diesen Tagen wieder, der nach Marseille versetzt war, aber, seine Sachen abzuholen, zurückkam. Der behandelte ihn trotz des Vorgefallenen als Gesunden, sagte, immer noch sei der Unterschied zwischen ihnen beiden nur der, daß er, Roulin, ein alter, van Gogh ein junger Soldat für die gute Sache sei, und immer noch könnte ihm außer Vincent die ganze Welt ...! das sollte er nie vergessen!

Vincents tiefste Verzweiflung war die Abhängigkeit vom Bruder, die verlängert schien. Unerträglich, von einem, der selbst nichts hatte, und jung verheiratet war, auch nur achtzig Franken monatlich zu nehmen, die der Aufenthalt im Krankenhaus kostete, besonders da er bei dem Mangel an Erfolg seiner Malerei, die geschuldeten Summen bald zurückzuzahlen, nicht hoffen durfte.

Da man ihn andererseits im Spital nicht dauernd behalten durfte, er sich in seinem Schwächezustand ein Leben allein nicht zutraute, faßte er den Plan, Dienst in der Fremdenlegion zu nehmen. Dort könnte er bis zum erlaubten Höchstalter von vierzig die nächsten vier Jahre verbringen; fürchtete nur, man möchte ihn seiner bekannt gewordenen Krankheit wegen nicht nehmen.

Denn er wußte jetzt, äußerer Zwang war ihm notwendig, alle Kräfte unbefangen nach innen richten zu können und meinte, besser als die Anstaltsordnung würde militärische Disziplin wirken. Zudem sei er die Sorge um den Unterhalt los; Dinge zu malen gäbe es reichlich dort wie hier.

Anfang Mai ergriff ihn über freudiges Bewußtsein, das auch zwei borstige Schreiben Gauguins, der um ein paar in Vincents Haus zurückgelassene Bilder maulte, nicht stören konnte, große Mutlosigkeit, die er als Vorbote neuer Krisen ansah. Darum willigte er in Doktor Reys Vorschlag, ihn auch ohne seine Zustimmung ins Irrenhaus Saint Rémy überführen zu dürfen, was bei einer neuen Bewußtseinsstörung am achten Mai 1889 geschah.

So saß er hinter vergittertem Fenster in hübschem Stübchen mit graugrünen Tapeten, meergrünen Vorhängen, auf einem Fauteuil, der wohl aus vornehmem Hausrat stammte. Über ein Kornfeld, das er gleich zu malen beschloß, sah er die Sonne in Glorie im Garten des Irrenhauses aufgehen. Da, im Wiedergenuß der natürlichen Pracht vor ihm, begriff er, die kleinen Rührungen über seine leiblichen Unfälle müßten seines zukünftigen höheren Seins große Kapitäne sein, ihn entschiedener über des Lebens tiefe Meere steuern.

Eifrig studierte er die Irren seiner Umgebung, fand, mit Ausnahme der Neuaufgenommenen, hatten sie nicht nur vollen Mut zu ihrer eigenen Geisteshaltung, doch auch zu der der anderen. Waren über das draußen in der Welt bekannte Maß aufmerksam rücksichtsvoll, halfen denen, die eine Krise ereilte, so eifrig, wie sie deren Hilfe für sich selbst erwarteten. Hätte Gauguin ihm in gewissen Minuten annähernd so beigestanden! An ihnen ersah Vincent immer sicherer, nur Flucht vor Wirklichkeit machte des Menschen Leid aus, und nichts gab es, das erkannt, nicht Notwendigkeit im Gemälde des Lebens sei; im Gegenteil erschütterte Seltenes mehr als Banales, und Gauguin hätte, als ihr sich kreuzendes Schicksal außerordentlich zu werden versprach, durchhalten, nicht fliehen, wie er gewaltigen Hinschwung an ein Geheimnisvolles, nun ins dunkle Verschwundene, wagen müssen.

Diese menschliche Pflicht zu erfüllen, hatte er keinen Versuch gemacht; statt in dichteres Dickicht mit ihm zu brechen, war er scheu und vorsichtig zu Paris' gebahnten, asphaltierten, gebürsteten Straßen zurückgelaufen, wo er im gutgeschnittenen Rock neue Kurven seines Lebens nicht am eigenen Maß, doch an der Hand von Mustern aus dem Barock, Louis XV., dem Direktoire messen, pendeln, gescheit über Untiefen und Katarakten manövrieren und immer wieder an Riffen und Sandbänken vorbei in die beleuchteten Häfen schöner Verhältnisse laufen, statt Wirklichkeiten Panoramen leben würde.

Und entliefe er, wie er wollte, zu den Wilden der Südsee, Rohes, Allzunatürliches würde er an ihnen hassen; und nur das Raffinement, das aus dem Aroma des Gegensatzes zwischen seiner gegipfelten Kultur und ihrer Primitivität verwegen steigen würde, möchte seine verwöhnten Fühler reizen. Hatte er vor dem ersten Wilden und dessen unbeherrschtem Ausdruck, vor ihm Vincent, doch ein hastiges Kehrt, schmähliches Reißaus sich geleistet, weil der im entscheidenden Moment vermutlich schlecht gerochen, in keine ästhetische Reihe gepaßt habe.

Aus solchen, oft wiederholten Überlegungen und Gewißheiten wurde sein inneres Verhältnis zu Gauguin ein anderes. Keinen Streit gab es mehr mit ihm, doch immer mehr Nachsicht und des Stärkeren süße Milde. Der verwöhnte, zu verwöhnende Bube wurde er für Vincent, Liebling der Frauen, des Schöpfers und seiner. Das Sonntagskind, das behutsam angefaßt sein, nichts Peinliches fassen, Bitteres schmecken will. Tausendmal schmeichelte er nun Paul in zärtlichem Gedenken, gab ihm Koseworte, die der Liebende für das Geliebte findet, entschuldigte allen Nonsens, den Gauguin in eingebildeten Gesprächen noch immer sagte, nannte ihn mein Kleines, küßte wie die Mutter ihr Kind in der Vorstellung seine im Schlaf geschlossenen Lider und den Kopf mit Vorsicht da, wo Schädelnähte zart sind.

Wie gern hätte er für den empfindlichen Gauguin, ihm eine Scherbe, Schärfe seines künftigen Wegs zu sparen, den eigenen schmerzgeübten Leib hingebreitet. Die Sache war einfach die: Paul mußte in Samt und Seide, strahlenden Spiralen, Vincent im Arbeitskleid fürbaß gehen.

Wie weit noch? Nicht zu weit. Täglich überholte er von jetzt ab die mehr und mehr, die als Maler mit ihm aufgebrochen waren, sah keinen Schritt mit ihm halten. Kam den Dingen oft so nah, daß er sie in sich selbst kochen hörte, war glücklich und erfüllt.

Schrieb Theo: »Ich bin zufrieden. Gibt es bei mir Käfer in der Suppe, hast du Frau und Kind.« Nur manchmal hätte er zur Verdoppelung seines Glücks einen warmen Frauenleib, eine Art Haushenne haben wollen, Eier mit ihr zu legen.

Und er malte. Mit seinen heutigen Augen lohnte ein Weizenfeld, eine Zypresse noch näher betrachtet zu werden. Malte vorm Haus ein ganz helles Kornfeld, das hellste Bild vielleicht, das er machte. Staunte, daß keiner vor ihm durch Jahrtausende bemerkt hatte, Zypressen waren exakt wie ägyptische Obeliske im Aufriß und Verhältnissen. Das Grün von so vornehmer Qualität! Der dunkle Fleck in all der Sonne.

Er malte Brombeersträucher mit gelben, violetten, grünen Reflexen, malte grün- und rosafarbene Himmel, anwachsende Monde.

Wurde wie ein Tier primitiv. Stets im gleichen Fell seiner Maljacke und Hose, war er ein Biest, das in allen Farben schillernd an Natur wuchs. Schlug siebenmal in der Woche als Maler eine Schlacht, in der er Sieger blieb und hatte darüber hinaus Paul Gauguin von Herzen lieb. Er malte Weizen in äußerster Hitze, Klatschrosen und einen Himmel wie ein schottisches Tuch buntgescheckt. Malte Efeu, Flieder, Kastanien, Pfirsiche und immer wieder Olivenbäume!

Er wußte, er hatte Frankreichs Süden so durchdringend angeschaut, daß er ihm ewig verbunden, lieber krank und allem Durchschnitt Feind in Saint Rémy als Gauguin im stinkenden Paris gesund, für bürgerliches Schicksal interessiert war.

Arbeiter war er über innere und äußere Wandlungen geblieben, hatte etwas anderes zu sein, nie verlangt und wußte, als Arbeiter stand er am Ende des neunzehnten Jahrhunderts dem Bürger so gut motiviert gegenüber, wie hundert Jahr vorher der dritte Stand gegen die zwei anderen. Und hatte er persönlich keine guten Aussichten mehr, war doch das Zeitschicksal auf seiner Seite!

 

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