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Gauguin und van Gogh

Carl Sternheim: Gauguin und van Gogh - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleGauguin und van Gogh
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Siebentes Kapitel

Draußen merkte er in starrem Frost, wie er siedete. Zu Boden wollte er stürzen, rauchende Verzweiflung kühlen.

Aber fielen ihm Gauguins Worte ein, geriet er in höhere Wut und Glut. Erst nach Augenblicken, die er planlos gestürmt hatte, war er soweit gefaßt, daß über das Chaos von Haßgewalten Wille die Oberhand behielt, Pauls Erklärungen auf des Gewissens Wage nachzuprüfen, wie weit sie dessen gewachsener Glaube, wie weit Schikanen erregter Augenblicke waren.

Doch blieb das Ergebnis: Gauguin wie der zeitgenössische Mensch überhaupt lebte von Überraschungen. Und das war der springende Punkt, nicht von solchen, die profunde Wirklichkeit und die auf ihr ruhende verantwortete Verbundenheit mit dem Weltganzen verbürgte, sondern vom Menschen infolge seiner Unbildung willkürlich ohne Kenntnis der Ursachen und Folgen sensationslüstern angerichteten.

Seit über hundert Jahren schnürte dieser einseitige Drang das Nochniegewußte zugunsten des Unbewußten aus allem Dasein ab, Kunst, Wissenschaft, Politik waren einer Entwickelung von des Menschen Gnaden verhaftet, schnitten die Gebilde in ihrem ursprünglichen Sein.

Auch Revolutionen hatten damit, daß sie die Menschheit in diesem einzigen Sinn produktiv wollten, nur größeres Chaos geweckt, indem die Unverantwortlichen das Leben an jedem neuen Tag nach Laune und ihrer wachsenden Traumfähigkeit neu einrichteten.

Als Vorwand hatte immer wieder die Freiheit gedient; der Mensch, wie auch Gauguin behauptete, sollte um so freier sein, je weniger er sich um vorhandene Wirklichkeiten kümmerte. Der Wert eines Dings war um so zweifelhafter, je stärkere, vom Menschen unbeeinflußte Existenz ihm zugebilligt werden mußte. Tatsächlich belebte der Herr der Erde ausschließlich das Nichts, verschmähte das Etwas.

Hier sah Vincent zu Sternen hoch, die feurig goldene Kugeln ohne sein Zutun am Himmel hingen, strahlenden Reigen tanzten. Von blassen irdischen Gedanken fort wurde er von ihnen bezaubert und hingerissen, während sie von ihm keine Kenntnis nahmen. So packten sie ihn über alles zu Träumende, daß doch nur sein Bewußtsein ihrer Erhabenheit aus dieser Stunde blieb.

Er trollte mit dem Gedanken heim, wie er ihre kreisenden Wunder um eine runde gelbe Mondscheibe stellen wollte, blauen Schlagschatten, den eine riesige Zypresse über Arles Dächer in den versilberten Himmel züngelte, nicht vergessen dürfte.

Am nächsten Mittag aber sah er, trotz des gestrigen Auftritts hatte auch Paul nicht gefackelt. Zu Vincents Kaffeekannenstilleben war von Gauguins Hand ein Pendant entstanden, das bewies, noch immer käme der mit seinen Mitteln zu ebenbürtigen Effekten.

Vincent, der mit reinem Genuß das Bild sah, vergaß allen Zwist und fühlte sich fast schuldig vor dem Freund: Auf grauweißer, von fahlen Blumen durchwirkter Tischdecke stand im Hintergrund ein schwarzbrauner Topf Milch, in den drei lila Hündchen lüstern rosa Züngelchen steckten. Drei kobaltblaue Weingläser vor ihnen mit je einer blaustrotzenden Pflaume an ihren Füßen machten die Mitte der Leinwand aus. Vorn stand ein bunter irdener Napf voll Birnen, rechts davon, in eine halb offene Serviette geschlagen, lagen Birnen und Äpfel.

Hier war nicht Wirklichkeit, doch ihr vergleichbar ein Farbenkleinod gefingert, das den fabelhaften Kompositions- und Schmucksinn seines Verfertigers bewies. Neidlos fühlte Vincent, Süßigkeit lief von den Farben in sein Gefühl, die ihn so wollüstig berührte, als sähe, griffe er tollbunte Fayencen, Email, Goldgeschmeide. Hier war des Künstlers Wille über Natur souverän geworden, und es gab lautere Augenlust.

Hier war großes Kunstwerk – darüber kein Streit, doch auch – Blitz fuhr die Erkenntnis in Vincent, maßlose Verführung. Ein Meister zeigte hier Fähigkeiten, nur mit Verantwortung einzusehende Wirklichkeit, die von den dargestellten Dingen bestimmt noch schöner war, umundumzugestalten, nach seinem Willen, was in ihr den Beschauer packen sollte, festzusetzen.

Hier hatte an Gott vorbei und ihm ein maßlos ehrgeiziger Nebenbuhler der geniale Mensch komponiert, der nach Vincents Überzeugung den verbrecherischsten Gebrauch seiner Begnadung machte. Hier wurde zum unkeuschen Weib der unkeusche Künstler als des Menschengeschlechts schamloser Verführer sichtbar.

Dem auch Vincent erlag. Sah er die planmäßige Geltung und Wechselbeziehung, aufgeputzte Unselbständigkeit, der Paul das Charakteristische der Dinge opferte, schmeckte der Kulturmensch in ihm Erinnerungen, Verwandtschaften, Nebenbegriffe, tausend süße Anspielungen, die in Gauguins Schöpfungen wieder lebendig wurden, und wußte, mit ihm würden Massen diesen Künsten immer anhängen.

Gleiche Wahrnehmung hatte er, plauderte Paul Blaues vom Himmel herab. Beglückend war es, packte der Sprecher den Zuhörer dadurch, daß jedes Wort verständigte, anglich, vereinbarte; man mit toter, lebender, zukünftiger Welt verknüpft wurde. Zwar nicht mit sich, doch mit dem All ging man schwanger, fühlte sich mit der Fülle vorgestellter Komplexe trotzdem begnadet und reich.

Aber der Genüsse Effekt, die Gauguin vermittelte, war, daß des Leibs, der Seele kaum errungene Sicherheit schwand, ein Zustand in Vincent auferstand, der ihn inmitten ähnlicher Freuden in Paris gemartert hatte. Und als er unter des Gefährten hypnotischer Gewalt sich bewegen ließ, erzählende Kompositionen nach Millet und Delacroix, biblische Vorwürfe zu entwerfen, war er, wie einer, der seinen Glauben verriet, über die Maßen elend und schwach.

Nur selten sprach er noch, widersprach nicht mehr; da er Gauguins trotz allem himmlische Gegenwart nicht missen konnte, zwang er sich, alles von dem Geforderte und Behauptete hinzunehmen und, sich gewöhnend, keinen Inhalt von Pauls Worten zu hören, nur seiner Blicke Flamme, Glanz seiner Gesten zu schlingen, schwebte er Tage, Wochen wachend und schlafend zwischen Himmel und Hölle.

Sich zu retten, suchte er die Situation komisch zu nehmen, las Daudets Tartarin wieder, fand, Paul glich mit seinem einzigen Anspruch auf Phantasie dem famosen Löwenjäger aus Taraskon oder Don Quixote, der mit herrlichem Elan gegen Windmühlen focht. Doch schien des Freunds südliche Einbildungskraft weit über Närrischkeiten und den Unwirklichkeitssinn der Romanhelden hinauszugehen, und Vincent nannte Paul bei sich den kleinen Tiger Bonaparte des Impressionismus. Wie Napoleon seine Armee im Unglück in Ägypten, würde Gauguin ihn eines Tags in Arles im Stich lassen, sich wie der kleine Korporal nach Paris empfehlen.

Je mehr seiner Natur zuwider Vincent dem Haschisch von Pauls Überredungskunst verfiel, der in allem Wesentlichen Chaos, in Kleinigkeiten des Haushalts Ordnung wollte, um so mehr war er ein Vulkan, der rauchen will, erstickt. Griff, ein Ventil für den gebundenen Druck zu haben, auf Gifte schwerer Tabake und Alkohole zurück, besuchte Martha wieder, die, als sie des Freundes Zustand sah, sich trotz panischer Angst, entdeckt zu werden, auf einer Leiter vom Fenster zu steigen, im Freien mit Vincent zusammenzukommen, gewöhnte.

Jetzt bedurfte er, Reste seiner Menschenwürde zu retten, des Mädchens, brauchte, da er an einen anderen sich verloren hatte, eines Wesens blinde Hingabe, und Martha wußte, sie war wirklich zu etwas da.

An ihr stellte er seines Urteils noch wirkende Durchschlagskraft fest, das sie jauchzend bejahte, während er wußte, Gauguin hielt ihn für wirr und geistig für einen Barbaren. Er war wütend, daß er Paul trotz niederer Stirn große Klugheit gestehen mußte, und daß den diese Klugheit in den Abgrund trieb.

Immerhin schafften beide in diesen Wochen gewaltige Arbeit, die, war sie nicht nach Vincents Herzen, durch den aufs äußerste getriebenen Wettstreit zwischen ihnen, unvergleichliche Bedeutung hatte.

Gauguin überzeugt, er förderte unaufhörlich van Gogh, meinte, der sei ohne ihn unsicher gewesen, hätte darunter gelitten, sich nach seiner führenden Hand gesehnt. Ohne ihn fand er ihn verschwommen, eintönig, ohne Harmonie, seinen Bildern habe die Fanfare gefehlt. Er klärte van Gogh auf; meinte, da dieser schwieg, sein Ruf zur Synthese fiele auf fruchtbaren Boden. Da er nach Gauguins Art zu malen begann, meinte der, Vincent machte Fortschritte und sei ihm ewigen Dank schuldig. Er staunte zwar, sah er nachts, erwachend, van Gogh manchmal an seinem Bett, ihn mit glühenden Blicken anstarrend; doch, da es zu sagen genügte: »Was fehlt dir, Vincent? Marsch!« daß er wortlos zu Bett trabte und in bleiernen Schlaf fiel, hielt Paul es mit anderem, das ihm an dem plumpen Holländer unerträglich war, für eine Marotte und machte sich keine Sorgen. Außer Vincents großer, malerischer Begabung fand er überhaupt alles närrisch an ihm.

Schließlich blieb er, da der Kamerad im Weg war, oft von Haus fort, hatte mit Marthas Intimen im Freudenhaus ein festes Verhältnis, worüber Vincent eifersüchtig tobte und sich bei Martha beschwerte; die sagte: »Paul, ein strammer Kerl, braucht das zu seinem Wohlsein.« Gauguin malte ihn. Als das Porträt fertig war, rief Vincent mit geschwollenen Stirnadern: »Ja, das bin ich! doch als Wahnsinniger. Bravo Meister!«

Gleichen Abends saßen sie lange schweigend im Café an der Place Victor-Hugo einander gegenüber. Vincent trank leichten Absinth – noch einen – wieder.

Plötzlich stiert er hoch, greift, schmettert Gauguin Glas und Inhalt an den Kopf.

Der, vor dem Gegenüber auf der Hut, weicht dem Wurf aus, nimmt den Erschütterten am Arm, zieht ihn nach Haus, legt ihn zu Bett, wo van Gogh, alsbald schnarchend, bis zum hellen Morgen schlief.

Beim Aufstehen sagt er ruhig: »Ich erinnere mich dunkel, dich gestern beleidigt zu haben, Gauguin.«

Paul: »Ich verzeihe – von Herzen. Doch könnte sich die Szene von gestern Nacht wiederholen, und ich, die Herrschaft über mich verlierend, dir an den Hals springen. Darum erlaub, ich schreibe deinem Bruder, zeige ihm meine Rückkehr nach Paris an.«

Und da er aufstand, schlug Vincent der Kopf auf die Brust.

 

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