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Gauguin und van Gogh

Carl Sternheim: Gauguin und van Gogh - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleGauguin und van Gogh
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
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Sechstes Kapitel

In der Nacht vor des Freundes Ankunft träumte Vincent einen Traum, der ihn über alles Gewesene beglückte, weil er beim Erwachen das verklärte vorweggenommene Ergebnis des Zusammenseins mit dem anderen in ihm sah:

Massen hatten sich unter goldenen Sommerhimmel auf die Place de la Concorde in Paris, historische Bühne so vieler Revolutionswunder, gewälzt, und während sie einstimmig Jubel jauchzten, den Freiheitskehrreim stampfenden Rythmusses immer wieder brüllten, sah er einen Mann die Säule in der Platzmitte hochsteigen, prachtvoll oben auf der Rundplattform auftreten und mit mächtiger Gebärde dem Volk ans Herz greifen. Sofort hatte er in dem Verkünder neuer Zeitwahrheiten Gauguin und von seinen in Erz geschmetterten Worten diese erkannt: »Völker der Welt, nun werden kluge Worte Fleisch, und das Fleisch blutet lebendig. Bleibt redlich und verteidigt die fortwährende geistige Unbescholtenheit bis in den Tod. Euch alle ernährt natürlich die Erde! Das ist Frage der gelenkigen Technik. Nicht lenkbar aber bleibt Natur, zu der auch ihr gehört, nicht mit Vorwänden und Befehlen der Herrschenden zu entstellen. Setzt erkannte, natürliche Wahrheit gegen noch so schön geschminkte Lügen, Urteil für Vorurteil, Charakter der Anpassung, Selbsterwachen dem Schlaf auf Pfühlen fauler Bequemlichkeit entgegen, und ihr müßt hinreißend unüberwindlich sein!«

Beifallssalven hatten Vincent geweckt, und selig lag er in ihrem Nachhall, dachte: Lauter Glückliche, die, weil sie den Genuß sämtlicher Schöpfung hatten, satt wurden. Die, das ursprünglich Seiende, stürmisch auf sie Eindringende in seiner Fülle nicht fassend, keine Vorräte, die sie anderen stahlen, stapeln mußten.

Sein letzthin gelebtes Leben war Beweis, die Theorie stimmte auch in Praxis, hatte er mit nichts an Geld nicht nur gelebt, doch schaffend sich bewiesen. Sein Beispiel genügte, Gauguin aber würde, was ein Größerer in gleicher Lage mehr leistete, zeigen. Am Morgen fegte, wusch, putzte er noch des Erwarteten Stube blank, holte üppiges Abendbrot, füllte Kannen und Töpfe, den Tabakskasten mit würzigem Semois, bürstete sich in mächtiger Bütte von Kopf zu Füßen, schnitt Haar, Bart glatt und stand, zu hohem Fest geweiht, als er den Heißersehnten am Bahnhof erwartete, der mit dem angesagten Zug nicht kam.

Erst spät in der Nacht, da mit Gefühlen der enttäuschten Braut sich Vincent schlaflos wälzte, traf Gauguin in Arles ein, erwartete das Morgengrauen in einem Nachtcafé, dessen Wirt ihn auf den ersten Blick als van Goghs »Freund« erkannte; so hatte Vincent vor aller Welt geschwärmt und ihn wesentlich beschrieben.

Früh am Morgen holte Paul den Überraschten aus dem Bett und empfing dessen Jubel.

Der Tag war des Kömmlings Einrichtung, überstürztem Geschwätz mit heißen Backen geweiht, in dem Vincent Demut vor dem Meister stammelte, an jeder Regung des erhabenen Vorbilds hing, ob sie Zustimmung oder Enttäuschung zu ihm ausdrückte. Gegen Abend gingen sie, Arles und die Arleserinnen zu bewundern, spazieren, die aber Gauguin nur schwach begeisterten, während er die Stadt die schmutzigste des Südens nannte.

Am nächsten Morgen arbeiteten schon beide, und Vincent konnte dem Bruder als ersten Eindruck melden, Gauguin sei wirklich ein toller Kerl, über das Durchschnittsgesindel erhaben. »Verpulvert sich nicht, erwartet in Ruh und harter Arbeit den Augenblick, wo er den ungeheueren Satz nach vorwärts tun kann.«

Kameraden, lebten sie äußerlich in einem Kommunismus, den Vincent für Gleichgesinnte solange gewünscht hatte. Äußerer und innerer Besitz schien der gleiche. Sie taten Geld für nächtliche hygienische Spaziergänge in einen Kasten, soundsoviel für Tabak, unvorhergesehene Ausgaben. Papier und Bleistift dazu, um, was jeder aus der Kasse nahm, aufzuzeichnen. Der Rest der Summe, sie erhielten zusammen von Theo zweihundertfünfzig Franken monatlich, wurde in einen anderen Kasten für Mahlzeiten getan.

Die Kneipe gaben sie auf, und Gauguin führte, während van Gogh einkaufte, auf einem Gaskocher schmackhaft gepflegte Küche. Nur einmal versuchte Vincent, Suppe zu kochen, indem er wie von der Palette Farben, was ihm zur Hand kam, im Topf zusammenquirlte, und als der Kram, zum Himmel stinkend, ungenießbar war, wie ein Toller vor Vergnügen jauchzte. Noch sprachen sie nicht Malerei, äugten nur neugierig von ihren im Freien beieinander stehenden Staffeleien einer nach des anderen Werk.

Vincent schien es erhaben, wie sicher der Nachbar Strich bei Strich, als habe er die Welt kaum noch anzusehen, setzte, während ihm das Meiste zum erstenmal aufging, er von Zeit zu Zeit vor Natur stutzte.

Eines Morgens aber, als Gauguin auf leerem Malgrund zeichnerisch gleich mächtig ins Breite fuhr, riesige Legende rücksichtslos aus dem Stegreif erzählte, schlug Scham und Schreck so kraß in Vincents Antlitz, daß der Zeichnende einhielt, fragte: »was gibt's?« Wie auf einem Fehltritt ertappt, purperte sich Vincent, schwieg und pfiff nur, doch drang der andere in ihn: »was staunst du?« Es schluckte, gurgelte der Angeredete, ohne daß ein Wort gelang. Entschieden aber fing Gauguin im Ton, den Vincent in jener Nacht von der Säule herab kannte, zu wettern an: »Mein Zugriff ist deiner Eitelkeit der Demut empfindlich? Anempfinder! Wie alle Jugend übertreibst du ans Modell Hingabe. Wir Älteren ziehen den Vorhang vor ihm zu, zwingen uns, aus dem Gedächtnis zu malen.«

Und da er seiner Worte unerhörten Eindruck sah, dämpfte er die Stimme: »Das sind Fragen der Dimensionen und Ökonomie. Du am Anfang glaubst Kraft und Zeit zu haben, der einzelnen Augenbeute bis zum Fang nachstellen zu können und erlegst damit – wie viel? Wir aber wissen, unfaßbare Fülle, unerschöpflicher Quell, davonjagende Mannigfaltigkeit in Raum und Zeit ist höchstens begrifflich von uns und gruppenweis anzudeuten. Vor göttlichem Übermaß dem Menschen keine spezielle Kenntnis einzelner Erscheinung, nur Sehnsucht, Traum, Glaube vom Ganzen gegeben. Deine Genauigkeit und ungebrochenen Farben sind taktlos brutal, schaden dem Traum, zerstümpern das Duvet. Hier siehst du – er zog den Erschütterten am Ärmel – vom Hellen gehe ich ins Halbdunkel, verbinde Werte, suche der Familien Generalnenner, Akkorde, während du auf Dissonanzen, vorsätzlichem Aneinanderprall bestehst.«

So außer sich stand der Zurechtgewiesene, daß Wort und Atem ihm stockte. Doch stieß mit einer Welle Gehorsam für den Verehrten Widerspruch ins Gewissen, der sich unter Gauguins kaltem hartem Blick duckte.

Der schien auch von Schmerzlichem berührt, klappte sein Gerät zusammen, strich, ohne umzusehen, nach Haus, wohin verdutzt mit offenem Mund Vincent folgte.

Gauguin schlug, nach Montpellier, ins dortige Museum zu fahren, vor. Vincent verstand, der Freund mochte vom Vormittag das gewagte Gespräch nicht fortsetzen. Die Reise bedeutete Flucht aus engem Beieinander.

In Montpellier besahen sie entzückt Bilder von Rousseau, Courbet, Delacroix; hätten sich des Städtchens Gemäldeschätze nicht so reichlich vorgestellt. Doch stak ihre Rede banal im Allgemeinen. An einem Delacroix, Porträt eines Herrn mit Bart und roten Haaren fand Paul frappante Ähnlichkeit mit Theo und Vincent van Gogh. Greuze nannte er als Maler schöner Mädchen und Frauen Renoir überlegen. Sie schwatzten, verglichen, plänkelten, scheuten ästhetische Gemeinplätze nicht. Vincent meinte, Gauguin sei von Delacroixs Rasse. Bemühten sich, königlich vergnügt zu sein, merkten aber das Übertragene, Geschraubte ihrer Worte, wurden nervös; und als zum Schluß die Hemmungen sich schwächten, war ihr Zwiegespräch eine Batterie, von elektrischen Hochströmen geladen.

Darum tranken sie zum Kaffee im Hotel de la Poste nach dem Mittagessen ein paar Gläser Schnaps und, als der Alkohol sie enthemmte und flüssig machte, sahen sie sich mit männlicher Liebe an, drückten sich immer von neuem wortlos die Hände, daß Knochen knackten, Herzen höher schlugen.

Am nächsten Morgen in Arles zurück, sagte Paul zu Vincent, der ihn, wie er sich fühlte, gefragt hatte, er merke seine alte Natur wiederkommen. Das machte Vincent, der hoffte, Gauguin könnte Frieden und Gesundheit bei ihm wiederfinden, glücklich.

Doch wie sie sich der Arbeit hinwarfen, in ihr, dann in tiefer Erschöpfung wochenlang lebten, begann, als die Tage kurz wurden, sie im Zimmer viel beieinander waren, über Sehnsucht, sich zu verbrüdern, Wahrnehmung dringend zu werden, trotz aller Verwandtschaft trennte sie Elementares. Und Neugier packte sie stärker, dieses wesentlich Trennende, koste es, was es wollte, zu kennen. In genauer Kenntnis des Wagnisses, das in des Geheimnisses Entschleierung lag, setzten sie Worte aber nur leiser, vorsichtiger, verhaltener; wichen sich, redend, im Bogen aus, erröteten, fiel zu deutlicher Ausdruck. Sie spielten wie Mann und Mädchen im Augenblick, da das Fleisch sich rötet, Entjungferung naht, Katze und Maus. Einmal ließ Paul das Wort »Deutungsmöglichkeiten« fallen, und Vincent auf der Lauer, Panther, der seine Beute ahnt, schlug Pranken darauf: »Deutungsmöglichkeiten?« zischte er.

Doch floh Paul die Flamme in Vincents Blick, lachte und sagte: »Ich soll Pedant, mein Programm enthüllen, mich und die Schöpfung festlegen?«

Der andere antwortete: »Wissen will ich, auf welchem Weg du zu deinem Werk kommst, das ich, du weißt wie sehr, verehre.«

Damit war das Thema, in dem sie sich stundenlang fanden, wieder berührt, Vincents maßlose Schätzung von Pauls Malerei. In diesem Punkt gab es zwischen ihnen keine Rivalität. Van Gogh hielt des Freundes künstlerisches Können dem seinen riesig überlegen, und Gauguin war gleicher Meinung. Auf diesem Gebiet waren sie Lehrer und Schüler, doch gerade darum quälte Vincent der gespürte Abgrund, weil er fürchtete, im Innersten anders gerichtet, könnte er seine Arbeit nicht zu gleicher Vollendung bringen.

Dagegen hörte schon bei anderer Maler entgegengesetzter Einschätzung das Einverständnis auf. Ließ Gauguin kaum einen der großen Toten, keinen Lebendigen neben sich gelten, verwarf er die Meister, die Vincent liebte, so grob und ohne Widerspruch zu dulden, daß der verzweifelt war.

Und als der ein neues Bild brennender drehender Sonnenblumen in triefenden Gelben brachte, hielt Gauguin sich nicht mehr, »Zurückhaltung Bester!« zu rufen, und da Vincent ihn jäh am Handgelenk nahm, brachen Dämme des Widerspruchs in Paul, und er fuhr den Vertatterten an:

»Ja, Zurückhaltung vor Wirklichkeit, Respekt! Maß in der Enträtselung und nicht nur deinen Bauernfuror fanatischer Entlarvung. Diskretion Lieber! Traumkraft der Schöpfung gegenüber.«

Damit riß er sich los, warf sich in einen Stuhl, sah Vincent herausfordernd wütend an.

Der mäßigte sich, hielt mit Gewalt die flackernden Feuer, denn er wollte den Erregten zu voller Entladung zwingen; fragte harmlos: »Wirklichkeit, die mit sich selbst übereinstimmt, enttäuscht deine Lüsternheit?«

»Langweilt mich.«

»Weil sie sich deiner Gewalt entzieht?«

»Ich nehme nicht mit Gegebenem vorlieb, es reizt mich nicht, es zu kennen, ihm zu folgen, mich hinzugeben. Alles muß mein Werk, persönliches Erlebnis, Sinn, den ich den Dingen gebe, sein.«

»Für Wahrheit Anspielung Apotheose und Symbol!«

»Dinge, die nicht des Menschen Wagemut mit ihm enthalten –«

»Vergewaltigung!« schrie Vincent.

»Lassen mich kalt.«

»Militarismus!«

»Quelle, von der aus Wirklichkeit sich mit Geheimnis speist, ist der Mensch!« Und Gauguin trällerte:

»Wo wäre Gott, wenn ich nicht wär,
Wo nähme Gott die Allmacht her?«

»Menschliche Geheimnistuerei für himmlische Klarheit«, schrillte Vincent.

»Es lebe das Allmögliche!« Paul.

»Das Eindeutige, Einnötige vergöttere ich«, brüllte van Gogh und trümmerte die Faust auf den Tisch, daß Geschirr und Fenster hüpften.

Eine Zeitlang Stille. Nur der Männer Atem blies.

»Banal, was du sagst«, begann Vincent wieder. »Auserwählt dünkst du dich, grölst aber das seit hundert Jahren angestimmte Anbiederungs- und Selbstauflösungsleitmotiv der auf Durchschnitt Eingeschworenen mit. Beweis, du züchtest künstlich Abneigungen gegen dich aus Furcht, man möchte, wie ganz du katalogisiert bist, merken.«

»Ich glaube, Kleiner, das Problem zu sehen, wie es ist, reicht dein Verstand nicht.«

»Er reicht. Bin ich als Künstler dir unterlegen, erkenne ich deine reifere Vernunft nicht an. Mit einem Wort: Du willst das Nichts – ich muß das Etwas beleben.«

»Das gekannte Etwas pestet Leichengestank. Damit, daß es begriffen wurde, starb es. Neue Bedeutung erst, die ich ihm schenke, macht es unter Umständen wieder lebendig.«

»Nie wurde winzigste Wirklichkeit vom Menschen begriffen, nur Oberfläche. Du selbst, gingst du dir oder nicht nur deinen Beziehungen zur Umwelt nach?«

Und Vincent nahm Paul bei der Brust, glühte ihn mit aus Höhlen springenden Augen an, tobte: »Sag mir, wer du bist, Mensch! dann ist mir wurscht, mit wem du umgehst.« Und auf dem letzten Loch pfeifend:

»Wer endlich bist du, Paul Gauguin?« läßt er ihn los, entwischt, die Tür von draußen ins Schloß donnernd, in die Winternacht.

 

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