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Gauguin und van Gogh

Carl Sternheim: Gauguin und van Gogh - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleGauguin und van Gogh
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Drittes Kapitel

Tat war doch gewesen, aus dem Babel der Lüste und Genüsse sich hierher in die Einöde zu ziehen! Wie hatte sein Herz, als er aus dem neblignassen Holland, Belgiens schwülen Kohlenschächten, in denen er den Bergproleten eine ursprüngliche Frömmigkeit gepredigt, gekommen war, in all dem französischen Glanz, menschlichen und künstlerischen Leidenschaften der Hauptstadt der alten Welt aufgezuckt!

Hatte er Sehnsüchte seiner Jugend nicht übererfüllt gefunden, Kleinodien der Vernunft, Flammen empfindsamer Herzen, Zeugnisse einer in Europa unvergleichlichen Gegenwart, die aus einem Schwarm von Begabungen die einzige Stadt entzündeten? War er nicht in Kreise erlauchter Männer gezogen, sein roter Bauernschädel von Gönnern, am prachtvollsten von Toulouse Lautrec gemalt worden? Besprach man in Ateliers von Montmartre bis zum Montparnasse doch das Rätsel seiner Person und Leistung, von der manche Großes für die Zukunft hofften. Wodurch war er mehr als in belgischen Schächten der Borinage zusammengebrochen verzweifelt? War in Gesprächen mit außerordentlichen Menschen doch das Höchste berührt worden, kein Werk des großen Frankreichs der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ihm fremd geblieben. Von Chateaubriand, Stendhal bis zu Beaudelaire und Maupassant, von Ingres zu Renoir hatte er sich an dieser das fünfzehnte und sechszehnte italienische Jahrhundert überragenden europäischen geistigen Wiedergeburt erzogen, die mit Brigaden Genies, Armeekorps rassiger Kerle durch abendländische Geschichte beispiellos war. Und hatte trotzdem Trost suchen müssen? Aus des Louvre, Luxembourg schönheitsprunkenden Sälen, den das Gewagteste zeigenden Ausstellungen der großen Kunsthändler, Theatern, in denen Stücke und Schauspieler Gipfel waren, Hörsälen der geistsprühenden Sorbonne hatte er immer längere Stunden in verrufenen Schenken über diesen infamen gefälschten Bordeauxweinen von Paris verbracht, nicht nachdenkend, denn von allem Geschauten stand er erschlagen, doch sich in Finsternis wühlend, als müßte er nach Lichtkaskaden Helligkeit im Dunkel finden.

Bis zum letzten Tag hatte er in Paris über seiner zunehmenden Schwermut Gründe keinen Aufschluß gefunden, sich wahnsinnig geglaubt und war dem Bruder, Freunden immer mehr so erschienen. Wie – hundertmal bestätigte er täglich ein erschütterndes Ereignis, Höhepunkte, und nachher, war er allein, brach ihm das Herz? Er umarmte das dralle, schlanke, blonde, braune Pariser Mädel, dem er alle Reize absah, genoß das in Liebe erschütterte Weib bis in Ausschweifungen und blieb von seinem Gott verlassen? Großer Geister Urteile hörte er, sah der gallischen Rasse bezaubernden Schwung, begriff wie keiner die Pracht des Straßenbilds, silbernen Seinestroms mit Brücken und Lichtern darauf, empfand den Charme der tausend Angelegenheiten, beizende Wollust einer einzigen, schmeckte die Style, den Ruhm, Heroismus der Helden und Heldinnen samt der gaumenschmeichelnden Küche und verlor die Witterung nicht, sich durch Teilnahme an alldem mehr und mehr zu versündigen?

Des Milieus Zuvorkommenheit, das Widerstände brach, ständiges Ausgleiten in Liebenswürdigkeiten und Beteuerungen, das der Behauptung des andern unwillkürliche Nachgeben, Sucht, den hübschen Gemeinplatz zu finden, das Kosewort, die dekorativ gewölbte Phrase, der Reigen, der sich um alles, das Paris' Pflaster trat, schlang, machte ihn toll, und nur in Blicken alter Droschkengäule fand er Wehmut und den Verzicht, den er brauchte.

Das allgemeine schnelle Jasagen, Einhelligkeit, in der es kein Nachdenken gab, reizte ihn zu barbarischem Ausfall gegen die Gesellschaft, der ihm nicht groß genug einfiel, und den er sich noch nicht zutraute. Machte ihn zum entschlossenen Rebellen mit geballter Faust. Er glaubte der vereinten Zustimmung zum bürgerlichen Weltbild die Naivität nicht, hielt sie für eine Abmachung auf Aktien, hinter der des Menschen Gewissen im unaussprechlichen Erlösungsschmerz schrie, hatte das Bedürfnis, in Schaufenster, hinter denen sich himmlische Stilleben der Parfümeure, Juweliere, Antiquare, Modistinnen brüsteten, als sei ihr Genuß und Gebrauch den Massen gang und gäbe, die Faust zu schmettern, hielt sich kaum zurück, auf das »parfaitement« und »entendu« der Satzenden fragende Blasphemien zu türmen.

Er lief schließlich, auch äußerlich allein zu sein, in einer Ziegenfelljacke mit Kaninchenmütze, den roten Bart gesträubt. Und als keiner begriff, warum er unter Vergnügten am lustgeschüttelten Mittelpunkt der Welt nicht froh war, bestaunte, was Menschengeist hier wirkte, zog er sich in immer schwerere Räusche der Flasche und des Nikotins, die seine Qualen milderten, zurück.

Hier aber in Arles brach Kraft der Natur von allen Seiten, durch keine menschliche Aufmachung verschönt, in sein entzücktes Gesicht, so brüsk sich ausplaudernd, wie er aus seiner Kehle in Paris einen einzigen Schrei in all die Lust hinein erwartet hatte. Hier war's mit Phrase und Umschweif vorbei, brüllte Urtümlichkeit Kreatur auf Schritt und Tritt, sich um den Menschen, sein Werk und Urteil nicht kümmernd.

Ob er an ihr sein sogenanntes Wunder verrichtet, ihr große Gewalt antut, ist ihr gleich. Sooft er die Zähmung einen Augenblick unterbricht, gleich tritt sie wieder in ihre freie Spur, entstellt die Arbeit dieses Feinds des Einmaligen, der nie so lange beim Aufbau wie sie bei der Zerstörung bleiben kann.

Und wie Natur wild auf sich beharrt, wünscht Vincent nicht nur Zeitgenossen gegenüber spröder Barbar zu sein, doch sich in seinen Bildern als solcher zu beweisen.

Jetzt begriff er, alle aufgeschriebene Menschheitsgeschichte war Übereinkunft, einigten sich, der Kriege Gemetzel von Zeit zu Zeit unterbrechend, die herrschenden Klassen auf ein Schlagwort, das soviel und lange wie in ehrgeiziger Männer, herrschsüchtiger Weiber Auseinandersetzungen die gefundene Formel galt, hinter der der Kampf um die Macht bis zu beiderseitiger Ausrottung weitergeht.

 

Da er gewillt war, an der Schöpfung sein eigenes unverfälschtes Teil zu haben, trat er aus organisierter Kleinbürger und Proletarier Reihen aus. Beim Mangel jedes Selbstbewußtseins der Unterjochten machte er seine persönliche Revolution, indem er keiner öffentlichen Versicherung, keinem in Zeitungen affichierten Anpassungs- und Verbrüderungswahn mehr glaubte, doch über banalen Ereignissen seine Politik selbständig führte, wie hinter für den Pöbel aufgestellten vaterländischen Kulissen und Chorgebrüll Frankreichs und Deutschlands Machthaber seit Menschenaltern um Lothringens Erze, des Rheinlands und Westfalens Kohlen kämpften und kämpfen werden.

Er wußte aber, solches Selbstgefühl vergrößerte er nur, bewies er wirklich in seinem Werk aller Schöpfung ureigene Haltung. Womit er kein einsam Besessener mehr, doch ein mit dem All zur gleichen Notwendigkeit Entschlossener war, den nicht Enttäuschung und Verdruß von den Menschen getrennt hatte, der nur Ruhe zur Einsicht suchte.

Erst auf der Basis von Massen zu sich selbst Gewillter, antiautoritärer Individuen in einer als antiautoritär begriffenen Welt könnte ein weltumspannender Sozialismus siegen, der keiner von Menschen gutgeheißenen, anpassungssüchtigen doch ursprünglich gegebenen Vernunft folgte. Fanatische Unabhängigkeit, die Vincent zu leben begann, hatte die nicht genug zu spannende Demut vor unerschöpflicher Mannigfaltigkeit zur Voraussetzung, nach deren inniger Erkenntnis er sich mit ihren Bindungen, Beziehungen als einem Zweiten beschäftigen durfte. Durch Werktätigkeit, praktische Beschäftigung mit Welt müßte der Mensch ihrer alle Tage gewisser werden, jeder Politik, Spekulation, vorgefaßter Absicht mit ihr entsagen, und über Bekenntnis zur Bibel und den Evangelien sei der erlangte Wirklichkeitssinn die größte Frömmigkeit.

Der aber sei nicht wie bei Tier und Pflanze beim Menschen ursprünglich scharf und durch Erzieher vertieft, doch seit Erschaffung dessen, was Menschheit Kultur nennt, geschwächt. Darunter verstand Vincent plötzlich Systeme, die zu der Untertanen »Bildung« als zu deren Verblödung und Verblindung erfunden waren.

Wieviel Lehren, Prinzipien, Richtungen gab es nicht in seiner Kunst der Malerei allein! Wo aber war es einem Künstler wirklich gelungen, nur einen Baum drastisch ins All zu stellen? Wurde der große Ingres nicht kindisch, verstieg er sich über herrliche Porträte seiner selbst, Liszts, Paganinis hinaus zu Kompositionen aus dem Mythus und der Geschichte, vor deren Verschrobenheit Vincent sich totgelacht hatte.

Was war von großen Wirklichkeiten der Vergangenheit überliefert? Wo ist in einem der unzähligen Gemälde, Dramen, Romane eines Menschen wirkliches Wesen wie in Franz Hals Köpfen, Molières Bühnenhelden da? Wo sieht man Dido, Jeanne d'Arc, wo nur ein Betthäschen des fünfzehnten Jahrhunderts in ganzer Glorie? Was ist das in Kunst und Wissenschaften mit Andeutungen für ein Halbdunkel, das von der Gegenwart kommt, und wie wollen wir von der Zukunft das Geringste wissen? Pläne, Träume, Morale überall – doch welcher Mangel an Wirklichkeitsenthusiasmus, den die starken Herzen brauchen!

Und von neuem warf Vincent sich auf die Schöpfung, sie gesamt zu schmecken, zu verschlingen. So stark war sein Ansporn, daß er nicht spürte, er arbeitete nicht, sondern lebte mit im Dargestellten. Pinselstriche fielen Hieb auf Hieb, oder er warf mit Daumen und Spachtel Ölhaufen auf den Malgrund.

Malte die aufs Buschwerk fleckende Sonne als Regen gelb, lila den Boden, Ferne blau; mit dem in die Augen schießenden Blut hundert Zitronen, Feigen, Granaten, Epheu, Oliven, Orangen. Brünstig mit dem Gebet, zur Wahrheit vorzustoßen, arbeitete er, um nicht mit Zeitgenossen an des neunzehnten Jahrhunderts Langerweile zu sterben.

Solcher Nimrod war er hinter Natur her, daß sich Kiefern ihm in Spannung sperrten, Schenkel lahmten. Denn entzog Pflanzliches und Atmosphärisches sich seiner Hingabe nicht, war ihm das ursprünglich Menschliche kaum erreichbar, da es sich hinter »Sitte« von morgens bis abends verbarg. Hatte er in Paris nur die ins Wort gesperrte Meinung der Sprechenden als erlogen beargwöhnt, war ihm jetzt alles Geschehen mit Menschen zuwider, weil er witterte, auch die warme Provence, Männer und Weiber verrieten sich nicht in offiziellen Umständen. Da hieß es, in Stunden, die ihm die Arbeit ließ, sich an den Einzelnen pürschen, ihn, wo er sich allein glaubte, und das Unvorbildliche aus ihm geschah, entlarven.

Mimikry gewann er; so paßte er Luft und Landschaft sich an, daß er unsichtbar den sich Zurückziehenden folgen konnte. Mädchen, die in Büschen Deckung suchten, ins Dickicht verschwindende Paare verfolgte er auf leisen Sohlen, genoß ihre krasse Eigenart, die sie fern von Gemeinschaft furchtlos zeigten, in Jubelstürmen. Einen sechzehnjährigen Bauernlümmel klappte er an leerer Straßenkreuzung, der sein strotzendes Geschlecht, das er unter Menschen verbergen mußte, ausstellte; den Hoffnung, ihn sähe einer von weitem, zu lautem Schreien entzückte.

Degas Ausstellung 1886 in der Rue Lafitte fiel ihm ein, in der der Maler als einziger vor ihm die Frau mit brutaler Eindeutigkeit bei ihren heimlichsten Vorrichtungen gezeigt hatte, bei denen sie sich ihm bestimmt nicht ausgestellt, die er ihr, im Jagdeifer hinter ihr her, als Trophäen entrissen hatte.

Huysmans, seines Landsmanns Aufzeichnung dieses Attentats auf die bürgerliche Faulheit las er nach:

»Der Maler, durch seiner malerischen Umgebung Niedrigkeit herausgefordert, entschloß sich zu Repressalien und warf dem Bürger des Jahrhunderts den tödlichsten Schimpf ins Gesicht, als er dessen stets geschontes Ideal, das Weib einfach im Trieb und ungeschminkten Posen seines Alleinseins ausstellte. Und um besser all das Verheimlichte, Abgelehnte der Frau vor Augen zu führen, hatte er sie fett und kurz gemalt, daß sie im plastischen Sinn jede große Linie verlor; wurde, was sie im Leben war: ein Biest, das sich den Bauch trocknet und kratzt. Doch muß man dieses Typs unvergeßliche Wahrhaftigkeit sehen, mit reichem, gründlichem Strich, loderndem Zorn, kaltem Fieber hingehauen! Da ist kein flaches, glänzendes Fleisch fauler Göttinnen in geöltem Rosa mehr, doch saftiges, wirklich atmendes des arbeitenden Weibs, der Genossin des Jahrhunderts.«

Und als er diese Sätze Huysmans dazu las, wußte Vincent, der von ihm angelebte Umsturz schlug auch aus anderen Herzen Funken: »Das grauenhafte Paris, das wir der Großmut moderner Maurer verdanken, könnte man es nicht, aller Beteiligten Sicherheit vorausgesetzt, dadurch verschönern, daß man hier und da Ruinen in ihm säet, die Börse, Madeleine, das Kriegsministerium, die Oper, das Odeon, all diesen Dreck infamer Kunst einäschert? Dann würde man sehen, unserer Zeit eigentlicher großer Künstler ist das Feuer, und so entsetzlich des Jahrhunderts Architektur im Rohzustand ist, so erträglich, hübsch wird sie sogar, hat man sie gekocht.«

 

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