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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 96
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie Pantagruel wegen Panurgens Skrupeln einen Theologen, einen Mediziner, einen Juristen und einen Philosophen beruft

Sobald der Imbiß sonntags drauf gerüstet war, erschienen die Geladenen außer Gänszaum. Als der Nachtisch kam, sprach Panurg mit tiefer Verneigung: »Ihr Herren, es handelt sich um eine Frage: Soll ich heiraten oder nicht? Könnt ihr den Zweifel mir nicht lösen, muß ich ihn für unlösbar halten. Denn ihr seid auserkorene Leute, erkiest, erprobt und auserlesen ein jeder in seinem besondern Fach, wie feine Erbsen auf dem Küchenbrett.«

Auf Einladung Pantagruels und unter Verneigung aller übrigen antwortete ihm Vater Hippothadäus mit schier unglaublicher Sittsamkeit: »Mein Freund, Ihr fordert Rat von uns; zuvor müßt Ihr Euch aber selbst im klaren sein. Spüret Ihr in Eurem Leib das Ungestüm des Fleischesstachels?« – »Gar stark«, versetzte Panurg, »und nehmt's nicht für ungut, mein Vater.« – »Ich tu es nicht, mein Freund«, sprach Hippothadäus, »aber, habt Ihr in dieser Not die besondere Gabe und Gnade der Enthaltsamkeit von Gott empfangen?« – »Mein Treu, mitnichten!« antwortete Panurg. – »Nun dann, mein Freund, so freiet zu«, sprach Hippothadäus; »denn es ist besser freien, denn Brunst leiden.« – »Das heiß ich«, rief Panurg, »einmal ein Wort! Ein gutes, wackres Wort! Ihr geht nicht lang um den Brei herum. Großen Dank, mein Vater! Verlaßt Euch darauf, ich werd freien, denn Brunst leiden. Das heiß ich einmal Hahn und Henn! Da soll's hoch hergehn. Ich will Euch auch um das Ehrentänzlein mit der Braut bitten, wenn Ihr mir so viel Lieb und Ehr erzeigen wollt!

Jetzt bleibt nur noch ein kleines Nüssel zu knacken – klein sag' ich; ist so gut als nix. Werd ich auch nicht zum Hahnrei werden?« – »Ei nicht doch«, sprach Hippothadäus, »mein Freund! Wenn Gott will, nicht.« – »Hui«, rief Panurg, »bewahr uns der Herr in Gnaden! Wo schickt ihr mich hin, ihr lieben Leut? Zum Wenn und Aber, wo alle Art Unmöglichkeiten und Widersprüche zu Haus sind! Wenn mein transalpinisches Maultier flög', so hätt' mein transalpinisches Maultier Flügel. Wenn Gott will, werd ich nicht Hahnrei sein; und ich werd Hahnrei sein, wenn Gott will? Ja, wenn's noch unter einer Bedingung geschäh', die man verhindern könnt', wollt' ich nicht gänzlich verzweifeln.

Ich denk, mein Vater, es wird Euch wohl am rätlichsten sein, Ihr bleibt von meiner Hochzeit weg. Der Lärm und Tumult der Hochzeitsgäste würd' Euch nur das Konzept verrucken. Ihr liebt Ruhe, Stille und Einsamkeit. Ihr bleibt da weg, denk' ich mir wohl. Zudem tanzt Ihr auch ziemlich schlecht und würdet Euch nur schämen, wenn Ihr den ersten Reigen führen solltet. Ich werd' Euch von den Resten aufs Zimmer schicken, da könnt Ihr, wenn's Euch beliebt, auf unser Wohlsein trinken.« –

»Mein Freund«, antwortete Hippothadäus, »legt meine Wort zum besten aus! Ich bitt' Euch drum. Wenn ich Euch sag': wenn Gott will! tu' ich Euch damit Unrecht? Heißt das nicht einfach: eingestehen, an seinem Segen sei alles gelegen, daß wir nichts sind, nichts gelten, wenn er nicht seine heilige Gnade über uns ausgießt? Mein Freund, Ihr werdet nicht Hahnrei werden, wenn Gott will. Der gute Gott hat uns aber die Gnade erwiesen, daß er uns in der heiligen Schrift seinen Willen deutlich angezeigt und beschrieben hat. Da werdet Ihr finden, daß Ihr nimmer Hahnrei sein werdet, daß heißt, daß Eurer Weib nicht liederlich sein wird, wenn Ihr braver Eltern Kind dazu erwählt, in Sittsamkeit und Tugend erzogen, die nichts weiß von bösem Umgang noch Gemeinschaft, Gott liebt und fürchtet, ihm fröhlich dient im Glauben, sich scheut, ihn zu erzürnen durch Übertretung seines göttlichen Gesetzes, in welchem Ehebruch streng verboten ist. Wie man auch den Spiegel nicht für den besten und volkommensten hält, der am meisten mit Gold und Steinen verziert ist, sondern vielmehr den, der die Gestalten wahrhaft zeigt, so ist das Weib nicht am höchsten zu schätzen, das reich, schön, zierlich, von hohem Haus stammt, sondern die sich vor Gott zumeist der guten Zucht befleißigt und sich nach ihres Mannes Art bequemt.« – »Das heißt«, sprach Panurg (und zog an seinen Schnauzbartspitzen), »ich soll das vollkommene Weib frein, das Salomo beschrieben hat? Die ist tot, maustot, ich wenigstens hab sie noch nicht gesehen, nicht daß ich wüßt', verzeih mir's Gott. Doch, großen Dank, mein frommer Vater. Eßt dies Schnittlein Marzipan, wird Euch die Verdauung schärfen, und trinkt ein Glas guten Roten drauf; er ist gesund und wärmt den Magen. Jetzt weiter im Text!«

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