Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Rabelais >

Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel

Wie sich Panurg der Bettelmönche annimmt

Als Panurg aus Murrnebrods Kammer herauskam, schrie er, ganz blaß vor Entsetzen: »Hilf, heiliger Gott! Ich glaub', er ist gewiß ein Ketzer, oder ich will des Teufels sein. Schimpft auf die guten Bettelväter, die Franziskaner und Jakobiner, welche doch die beiden Hemisphären der Christenheit sind, die die heilige römische Kirche, wenn Ketzergefahr droht, immer wieder ins Gleichgewicht bringen. O alle Teufel! Was taten ihm die armen Teufel Kapuziner und Franziskaner? Sind sie nicht so schon elend genug dran, die armen Teufel? Nicht etwa schon in Jammer und Elend sattsam verräuchert und eingeschmaucht, die armen Wichte und Hungerleider? Auf deine Ehr, sprich, Bruder Jahn! Kann er im Stand der Gnaden sein? Er fährt, bei Gott! kopfüber zur Höll wie ein Teuflein, in dreißigtausend Säck voll Teufel. Auf diese guten und wackern Pfeiler der Kirche zu schimpfen! Heißt ihr dies etwa poetische Wut? Ich kann mich damit nicht zufriedengeben; er sündigt abscheulich, er blasphemiert die Religion, ich nehm' schwere Ärgernis daran.« – »Da scher' ich mich«, sprach Bruder Jahn »keinen Knopf drum. Sie schimpfen auf alle Welt, wenn alle Welt sie wieder schimpft, was ficht's mich an? Weist her, was schreibt er?« – Panurg las mit Bedacht die Schrift des guten Alten, dann sprach er zu ihnen: »Potz Bock! Wie schlau er seine Worte wägt, daß er ja fein bestehen kann; denn wenn da auch nur die eine Hälfte wahr wird, hat er immer noch wahr genug gesprochen. Doch welch ein Teufel plagt diesen Meister Murrnebrod, daß er so unnütz ohne allen Grund auf unsre armen frommen Väter Jakobiner und Franziskaner schimpft? Ich nehm' großes Ärgernis daran, auf Ehr! und kann dazu nicht schweigen. Er hat zu grausam schwer gesündigt.« – »Ich kann Euch nicht begreifen«, sprach Epistemon. »Ihr selber ärgert mich schwer, weil Ihr verkehrterweise vom Orden der Bettelbrüder verstehen wollt, was der gute Poet von schwarzen, fahlen und andern Tieren sprach. Dergleichen Anspielungen meint er, soviel ich weiß, gar nicht damit, sondern er sprach einfach von den Flöhen, Wanzen, Mucken, Schnaken, Läusen und anderm solchen Ungeziefer, teils schwarz, teils fahl, teils grau, gelb-lohbraun, welche nicht nur der Kranken, sondern auch der starken und gesunden Leute Hauskreuz, Tyrannen und Pfähle im Fleisch sind. Ihr tut nicht wohl daran, sein Wort anders auszulegen, und versündigt Euch nicht nur verleumderisch an dem guten Poeten, sondern auch eben gegen diese Mönche, indem Ihr ihnen solches Gift zur Last legt. Immer soll man an seinem Nächsten alles fein zum Besten kehren.« – »Lehrt Ihr mich nur«, antwort' Panurg, »die Mucken in der Milch erkennen. Er ist, so wahr mir Gott helf, ein Ketzer, und das ein ausgemachter, zum Feuer reif wie ein hölzerner Uhrenkasten. Seine Seele fährt in dreißigtausend Säcke voll Teufel; und wißt Ihr wohin? Potz Puff! Mein Freund, grad unter den Nachtstuhl Proserpinas, recht in den höllischen Zuber, darin sie die Grundsuppe ihrer Klistiere absetzt.

Lasset uns«, fuhr Panurg fort, »wieder hin zu ihm, ihn an sein ewiges Heil ermahnen. Ja, kommt in Gottes Namen, kommt um Gottes willen! Wir tun daran ein christlich Werk; zum wenigsten, wenn er auch Leib und Leben müßt' lassen, wollen wir doch seine Seele retten. Wir werden ihn zur Zerknirschung seiner Sünden bringen, daß er die frommen Väter, ab- und anwesende, um Verzeihung bittet; das nehmen wir gleich zu Protokoll, damit sie ihn nicht nach seinem Tod in Bann tun und zum Ketzer sprechen. Auch soll er zur Sühnung des Frevels in allen Klöstern dieses Gaues den guten Vätern brav Spenden, Messen und Seelämter auf seinen Sterbetag stiften und ein fünffaches Mittagessen für immer und ewig, und große Humpen voll besten Weins für alle vom Bruder Gärtner und Laien bis zum Priester und Chorherrn. So mag ihm Gott noch gnädig sein.

Ho, ho, ich irr', ich schwatz' ins Blaue! der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Gotts Wetter, die Stube ist schon voll Teufel: ich hör' sie schon, wie sie sich zausen und teuflisch prügeln, wer die Großmurrnebrodische Seel erschnappen, wer sie zuerst dem Teufel seiner Großmutter zuspedieren soll. Hebt euch weg, ich geh nicht hin, der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Die machten wohl gar ein X für'n U und erwischten statt Murrnebrods den armen Panurg, jetzt, wo er schuldenfrei ist! Sie gingen ihm so schon hart ans Fell, als er noch im Pfeffer saß und in Schulden bis über die Ohren. Hebet euch weg, ich geh nicht hin. Bei Gott, ich sterb' vor höllischer Hundsangst. Wenn er verdammt wird, mag er's haben. Was schimpft er auf die lieben Patres? Warum verjagt er sie aus der Stube, just jetzt, wo ihm ihr Beistand, ihr frommes Gebet, ihr heiliger Zuspruch am meisten not tät? Warum vermacht er zu Testament ihnen nicht mindestens ein paar Knöchlein, ein Magenpflaster, den armen Leuten, die nichts in der Welt als ihr Leben haben? Geh hin, wer mag, der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Wenn ich hinging, holte mich der Teufel sicherlich. Pest! hebt euch weg!«

 << Kapitel 88  Kapitel 90 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.