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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Vierzehntes Kapitel

Wie sich Panurg bei einem altfränkischen Poeten namens GroßmurrnebrodAus Großbrod, dünkelhaft, und Murrner, Katernatur, in Übereinstimmung mit dem Originalwort Raminagrobis. Rats erholt

Ich hätt' doch nimmer gedacht«, sprach Pantagruel, »daß ein Mensch so starr auf seinem Sinn bestehen könne wie Ihr. Gleichwohl lasset uns, um Eure Zweifel aufzuklären, alle Hebel in Bewegung setzen. Hört meine Gedanken. Wie die Schwäne erst kurz vor ihrem Tode zu singen anfangen, so werden auch die Poeten, die in des Apollo Schutz stehn, wenn es mit ihnen zum Sterben kommt, gemeiniglich Propheten, singen und offenbaren durch Apollinische Eingebung die Zukunft.

Wir haben nun hier im Lande einen alten Mann und Poeten zugleich, Großmurrnebrod mit Namen. Ich hör', er liege in den letzten Zügen und just im rechten Todeskampf. Begebt Euch zu ihm, hört seinen Sang an. Vielleicht, daß Ihr von ihm erlangt, was Ihr begehrt, und Euch Apollo Eure Zweifel durch ihn benimmt.« – »Ich will's«, versetzt' Panurg. »Komm mit Epistemon, und das auf der Stell, damit uns nicht der Tod zuvorkomm. Willst auch mit, Bruder Jahn?« – »Ei wohl«, sprach Bruder Jahn, »und gern, weil du's bist, mein Liebling, denn ich bin dir recht von dem Grund der Leber gut.«

Sie machten sich alsobald auf den Weg und kamen zur Poetenklause, wo sie den guten alten Mann im Sterben mit fröhlicher Gebärde, offenem Antlitz und leuchtenden Augen liegen fanden.

Panurg begrüßt' ihn und steckt' ihm dabei zum Präsent an den Zeigefinger der linken Hand ein gülden Reiflein, mit einem schönen, großen, orientalischen Saphir verziert. Hierauf verehrte er ihm, nach dem Beispiel des Sokrates, einen schönen weißen Hahnen, der, sobald man ihn auf sein Bett setzte, voll Freudigkeit das Haupt erhob, die Federn schüttelte und sofort mit lauter Stimm zu krähen begann. Worauf Panurg ihn höflich bat, ihm über seine Heiratszweifel sein Urteil und Ermessen zu sagen.

Der gute Alte befahl, daß man ihm Tinte, Feder und Papier brächt', was alles geschwind verabreicht ward. Dann schrieb er:

Nimm sie oder nimm sie nicht!
Nimmst du sie, so bist du schlau;

Nimmst du sie dir nicht zur Frau,
Dann bist du erst recht ein Licht.

Galoppier, doch fein im Schritt,
Rückwärts sollst du vorwärts gehen,
Nimm sie – oder laß sie stehen,
Fastend eß für zwei gleich mit.

Wo man baut, da reiß was ein,
Wo man einreißt, bau mir fein,
Wünsch ihr Leben und Vergehen,
Nimm sie – oder laß sie stehen!

Diesen Vers gab er ihnen in die Hand und sprach: »Geht, Kindlein, Gott der Allmächtige geleit' euch, und plagt mich fürder nicht hiemit, noch sonst mit irgend etwas. Ich hab' heut, als am letzten Tag des Mai und meines Lebens, hie aus meinem Haus mit viel Not und Müh einen Schwarm abscheulicher, säuischer, pestilenzialischer Tiere vertrieben, schwarz, scheckig, rotfahl, weiß, grau, sprenklig, die mich nicht wollten sanft sterben lassen und mich mit ihren tückischen Stichen, ihrem Hornißungestüm und Harpyienkniffen, Gott weiß im Rüsthaus welcher untilgbaren Freßgier geschmiedet, aus meinen süßen Gedanken störten, darin ich verharrend das Glück und Heil, so der gütige Gott seinen auserwählten Getreuen im andern Leben und in der ewigen Herrlichkeit aufspart, schon sah, schaut', schmeckt' und mit Händen griff. Flieht ihre Wege, gleicht ihnen nicht, quält mich nicht weiter und lasset mich in Frieden. Darum fleh ich euch an.«

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