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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Elftes Kapitel

Wie Pantagruel und Panurg die Reime der Sibylle von Panzoust verschiedentlich erklären und deuten

Nachdem sie die Blätter zusammengelesen hatten, zogen Panurg und Epistemon wieder heim an Pantagruels Hof, teils fröhlich, teils verdrießlich; fröhlich wegen der Heimkehr, doch verdrießlich wegen der Beschwer des Wegs, den sie holprig, steinig und schlecht fanden. Sie statteten Pantagruelen von ihrer Fahrt und dem Treiben der Sibylle ausführlichen Bericht ab und zeigten ihm die Maulbeerblätter und Verse darauf. Nachdem Pantagruel alles gelesen, sprach er mit Seufzen zum Panurg: »Da habt Ihr's schön bekommen! Die Prophezeiung der Sibylle zeigt handgreiflich, was wir schon zuvor sowohl aus den Vergilischen Losen als Euern eignen Träumen ersehn, daß Euer Weib Euch entehren wird, es mit andern hält und von andern schwanger wird; daß sie Euch irgendwas Gutes stehlen wird, und daß sie Euch schlagen und ein Glied am Leib zerquetschen und schinden wird.« – »Ihr versteht«, antwortet' Panurg, »von Auslegung dieser neuesten Prophezeiung soviel als die Kuh von der Muskatnuß! Haltet zu Gnaden, daß ich so red', aber ich bin etwas ärgerlich. Anders rum wird ein Schuh daraus. Nehmt meine Worte zum besten. Die Alte spricht: Wenn ich nicht durch mein Weiblein in aller Leut' Mund käm', also würd' auch meine Tugend und mein Wert nie ruchbar werden, wenn ich nicht verehelicht wär. Erst wenn ein Mensch zur Führung der Geschäfte berufen ist, erkennt man wahrhaft, was an ihm sei, und wieviel er wert ist. Vorher und im Privatstand weiß man mit Sicherheit nicht mehr von ihm als von einer Bohne in ihrer Hülse. Dies dien Euch auf den ersten Punkt.

Der zweite sagt: Meines Weibel Bäuchlein wird rund werden, und ich könne nichts dazu! Potz Fisch, ich glaub's. Von einem kleinen artigen Büblein dick werden wird sie: schon lieb ich's zärtlich, schon bin ich ganz vernarrt darein. Hoch leb die Alte! Wollt Ihr denn, daß mein Weib mich in ihrem Schoß trüge, empfing und gebäre? Und daß man spräch': Panurg ist ein zweiter Bacchus, er ist zweimal geboren worden? Sein Weib war schwanger mit ihm? Irrtum! Das glaubt Ihr selber nicht!

Zum dritten: Sie saugt zu jeder Stund an mir! Das hoff' ich; denn Ihr seht wohl auch, daß dies auf den Bengel zielt, der zwischen meinen Beinen bammelt. Ich schwör' Euch heilig und gelobe, daß ich ihn immerdar in Saft und Kraft werd halten. Nicht umsonst sollt sie dran saugen, verlaßt Euch drauf! Der kleine und große Bär soll ihr tanzen in Ewigkeit. Ihr nehmt den Text allegorisch und bezieht's auf Entwendung und Diebstahl. Ich lob' die Auslegung, die Allegorie gefällt mir, doch nicht Euerm Sinn nach. Soviel ich glaube, wißt Ihr von selbst, daß Diebstahl an diesem Ort die süße Liebesfrucht bedeutet, die Venus verstohlen und insgeheim gepflückt will haben, weil dies Tänzlein, heimlich zwischen zwei Türen aufgeführt oder auf einer Stiege, hinterm Umhang, im Husch, auf einem zerrauften Reisbund, der Göttin von Cypern mehr behagt als offnes Spiel am hellen Tag oder unter güldnen Gardinen prächtiger Himmelbetten, während man mit purpurseidenem Wedel sich der Mücken wehrt und die Dame dazu mit einem Strohhalm, den sie derweil aus der Matratze gezaust hat, sich die Zähne stochert.

Zum vierten: Mein Weib schindet mich weh und wund, aber nicht ganz! O edles Wort! Ihr deutet's auf Schläg' und Quetschungen. Das paßt just wie die Faust aufs Aug. Gesetzt den Fall, doch nicht zugestanden, daß mir mein Weib, auf Anreizung des höllischen Feinds, einen schlimmen Streich zu spielen gedächte, daß sie mich hörnen wollte, hinten und vorn, mich plündern und plagen – sie käm' damit doch nie zu Streich, was ich Euch aus den Tiefen der Mönchsüberlieferung beweisen will, wie mir's mein Freund Rammelfinger mitgeteilt hat.

Die Weiber (bei Erschaffung der Welt oder bald darnach) verschwuren sich, die Männer lebendig zu schinden, weil sie in allen Stücken die Herren sein wollten. Aber, o eitles Trachten der Weiber! O des gebrechlichen Frauenvolks! Sie huben den Mann zu schinden an, aber bei dem Teil, der ihnen am besten mundet, das ist: bei dem bewußten hohlen und nervigen Glied. Dies dauert jetzt schon über sechstausend Jahr, und sie haben doch gleichwohl bis dato noch nicht mehr als den Kopf davon geschunden. Da wird mein Weib auch keine Ausnahme machen; sie wird mir ihn schinden, wo er schon geschunden ist, aber nicht ganz! Dies glaubt nur sicher, mein guter König!«

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