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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zehntes Kapitel

Wie Panurg mit der Sybille von Panzoust spricht

Ihr Weg ging sechs Tagreisen weit. Am siebenten wies man ihnen das Haus der Prophetin auf der Spitze eines Berges unter einem großen, breiten Kastanienbaum. Sie traten unschwer in die Strohhütte, die schlecht gebaut, mit schlechtem Gerät versehn und ganz verräuchert war. – Sie fanden das Mütterlein beim Kamin im Winkel. »Das ist«, rief Epistemon, »ja das wahre Sibyllenkonterfei.« – Die Alte war nicht gut beieinander, schlecht angetan, hundsdürr, triefäugig, zahnlos, nasentröpflich und schachmatt und machte sich eben ein Gerichtlein Grünkohl mit einer gelben Speckschwarte und alten Knochen zurecht. – »Potz grün und gelb!« rief Epistemon, »wir sind verloren, wir werden aus ihr kein Wörtlein herausbringen, denn wir haben den güldenen Zweig nicht.« – »Ich hab' mich darauf schon vorgesehn«, antwortete Panurg, »ich hab' ihn hier in meinem Ränzel, in Form eines Reifens von purem Gold, nebst schönen lustigen Dukaten.« – Mit diesen Worten verneigte Panurg sich tief vor ihr und präsentierte ihr sechs geräucherte Ochsenzungen, einen großen Buttertopf voll Mais, einen Humpen mit Wein und einen Hammelsack voll neugeprägter Dukaten. Zuletzt, mit einem tiefen Bückling, steckte er ihr an den Zeigefinger ein schönes Reiflein von Gold, in das ein Krötenstein prächtig gefaßt war, und zeigte ihr mit kurzen Worten die Absicht seines Besuches an und bat sie höflich um ihren Rat und um die Prophezeiung guten Glückes für seine Hochzeit.

Die Alte blieb eine Zeitlang stumm, tiefsinnig und mit verbissenen Zähnen; dann setzte sie sich auf einen umgestülpten Eimer und nahm drei alte Spindeln zur Hand. Die drehte und wandte sie verschiedentlich zwischen den Fingern um, versuchte die Spitzen und behielt die spitzigste. Schließlich nahm sie ihr Spulrad und drehte es neunmal um; beim neunten Male sah sie dem Lauf des Rades zu und wartete ab, bis es ganz still stand.

Dann sahen sie sie einen ihrer Holzschuhe ausziehn, ihre Schürz, wie die Mönche ihre Kapuze beim Meßlesen, über den Kopf tun und unterm Kinn mit einem alten buntscheckigen Bändlein zusammenbinden. In dieser Vermummung nahm sie einen mächtigen Zug aus dem Humpen, zog drei Dukaten aus dem Hammelsack, steckte sie in drei Nußschalen und legte sie auf einen umgestürzten Federtopf. Machte im Kamin drei Besenstriche, warf in das Feuer ein halbes Reisbund und einen dürren Lorbeerzweig; sah still dem Brennen zu und merkte, daß es ohn alles Geräusch und Knistern verbrannte. Da schrie sie furchtbar auf und murmelte dabei zwischen den Zähnen allerlei barbarische Worte von so befremdlichem Klang, daß Panurg zum Epistemon sprach: »Kreuz Gottes! Ich zittre, ich glaub', ich bin verhext. Sie redet nicht wie ein Christ, schau her! Ob sie nicht um vier Spannen länger ist worden, seit sie die Schürz umnahm! Was soll dies Wackeln der Kinnbacken? Was will sie mit diesem Schlottern der Schultern? Zu was schmatzt sie so mit den Lefzen wie ein Aff, wenn er Krebse zerknackt? Mir gellen die Ohren, ich mein', die Teufel werden gleich hier sein; hu, was für greuliche Tiere! Kommt fort, ich sterb' vor Angst. Ich hab' die Teufel nicht lieb, mir ekelt vor Teufeln, es sind leidige Bursch! Kommt, laßt uns fliehen, ade Madam! Viel Dank der Ehr, ich heirat' nicht, nein, nein, ich versprech's für nun und ewig!« – Damit wollte er sich aus dem Staub machen. Allein die Alte mit ihrer Spindel kam ihm zuvor und lief in ein Höflein am Haus. Da war ein alter Maulbeerbaum, den schüttelte sie dreimal und schrieb mit ihrer Spindel auf acht Blätter, die runterfielen, rasch ein paar kurze Reime, warf sie darauf in den Wind und sprach zu ihnen: »Gehet und sucht sie, wenn Ihr wollt, findet sie, wenn Ihr könnt – darauf steht Euer Ehstandslos geschrieben.« – Mit diesen Worten entschlüpfte sie wieder in ihre Höhle, hob auf der Türschwelle Rock, Kittel und Hemd auf bis an die Achseln und ließ sie ihren Hintersten sehen. Panurg gewahrte es und sprach sofort zu Epistemon: »Helf uns der liebe Himmel, das ist das Sibyllenloch, wo schon manche verunglückt sind, die drein geguckt haben. Flieht dies Loch!« – Flugs machte sie das Pförtlein hinter sich zu und ward nicht mehr gesehen. Da liefen sie nach den Blättern und sammelten sie mit viel Müh und Arbeit, weil sie der Wind durch das Gebüsch im Tal verstreut hatte, fügten sie zusammen und fanden diesen Reimspruch:

»In aller Leute Mund
Kommst durch dein Weiblein du!
Dann wird ihr Bäuchlein rund,
Doch du kannst nichts dazu!

Sie saugt zu jeder Stund'
An dir wie eine Wanz',
Schindet dich weh und wund,
Aber nicht ganz!«

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