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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtes Kapitel

Panurgens Traum und Deutung desselben

Um die siebente Stunde des andern Morgens erschien Panurg vor Pantagruel; im Zimmer waren noch gegenwärtig Epistemon, Bruder Jahn von Klopffleisch, Ponokrates, Eudämon, Karpalim nebst andern mehr. Zu denen sagt' Pantagruel, als er Panurgen kommen sah: »Sehet, da kommt unser Träumer!« – »Jawohl«, sprach Panurg, »ich hab' geträumt, trotz den Siebenschläfern! Zeugs die Menge, ich weiß aber nicht, was es heißen soll. Ausgenommen, daß ich im Traum ein jung, schmuck, bildschön Weib besaß, die mich aufs zärtlichste pflegte und hielt wie ihren Liebsten; nimmermehr ist's einem so kreuzwohl ergangen. Die hätschelt', tätschelt', zwickt' und zwackt' mich, herzt' mich und küßt' mich, und macht' mir zum Spaß zwei artige Hörnlein an die Stirn. Da riet ich ihr scherzweis, sie sollt' mir's doch lieber unter die Augen setzen, damit ich sehn könnt', wohin ich zustieß. Aber die Schelmin drückte sie trotz meiner Warnung nur noch fester in die Stirn, was wunderbarerweise gar nicht weh tat. Nicht lang darauf schien mir, als wär ich, weiß selbst nicht wie, eine Pauke worden, und sie eine Eule. Da ging mein Schlaf zu End, und ich fuhr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh. Jetzt hab ich euch mein ganzes Traumhorn ausgeschüttelt: da labt euch dran und legt's euch aus, wir ihr's versteht. Und jetzt, marsch fort zum Imbiß, Karpalim, Herr Kammerherr!«

»Ich seh wohl«, sprach Pantagruel, »wenn ich mich irgend auf Traumschau und Bedeutung versteh, daß Euer Weib Euch nicht wirkliche Hörner, die man mit Händen greifen kann, aufsetzen wird, wie sie die Satyrn tragen; aber sie wird Euch die ehliche Treu und Pflicht nicht halten, nach andern gehn und Euch zum Hahnrei machen. Ferner werdet Ihr nicht wirklich in eine Pauke verwandelt werden, wohl aber schlagen wird sie Euch, wie eine Heerpauke. Auch wird sie nicht zur Eule werden, aber bestehlen wird sie Euch, wie der Eulen Art ist. Ihr sehet also, daß Eure Träume den Vergilianischen Losen gleichlauten: Ihr werdet Hahnrei sein, man wird Euch schlagen, man wird Euch bestehlen.« –

»Im Gegenteil«, versetzte Panurg, »mein Traum wahrsagt: in meiner Ehe werd alles Guten die Hüll und Füll sein, wie im Horn des Überflusses! Ihr sprecht von Satyrnshörnern! Amen, Amen! Mög es so kommen! Dann bin ich in Ewigkeit leistungsfähig wie die Satyrn, was jeder wünscht, aber der Himmel nicht vielen gibt. Und damit Hahnrei nun und nimmermehr! Denn gerade der Mangel dieser Leistungsfähigkeit ist Ursach sine qua non und alleiniger Grund, warum die Männer zu Hahnreis werden. Was treibt die Tagediebe zum Betteln? Daß sie zu Haus nicht Futter genug für ihr Ränzel haben. Was macht die Weiber läufig? Ihr versteht mich zur Genüge und Ihr scheinet mir (verzeiht, wenn ich fehlschieß) darin handgreiflich zu irren, daß Ihr aus Hörnern auf Hahnreischaft schließt. Die Hörner, die mir mein Weib aufsetzte, sind Überfluß- und alles Guten Füllhörner, da steh ich dafür. Im übrigen werd ich fröhlich sein wie ein Hochzeitspauker, stets musizieren, stets dudeln, sumsen, pupen, pumpsen. Glaubt mir, es ist mein zeitliches Glück! Mein Weib wird hold und niedlich sein wie ein schönes Käuzlein; und

wer's nicht glaubt, der bring sich um!
Das ist mein Evangelium!«

»Ich«, sprach Pantagruel, »erwäg den letzten Umstand, den Ihr meldet, und halt ihn zusammen mit dem ersten. Im Anfang Eures Traumes schwammt Ihr in eitel Seligkeit, zuletzt fuhrt Ihr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh.« – »Freilich«, fiel ihm Panurg ins Wort, »denn ich war hungrig zu Bett gegangen.« – »Alles wird schiefgehen, ich seh's zum voraus, denn glaubt nur sicher: jeder Schlaf, der jählings endigt mit einem Satz, und den Menschen fuchswild und mürrisch nachläßt, bedeutet Böses oder verkündigt's.

Es belehrt uns hinsichtlich der Seele und deren Traumschau, daß ihr vom Schicksal irgendein Unheil beschieden und zugedacht sei, welches in kurzem über sie kommen werde.«

»Gott«, sprach Panurg, »helf allen denen, die gut sehn und kein Wörtlein hören. Ich seh Euch wohl, hör aber nix und weiß nicht, was Ihr haben wollt. Der hungrige Magen hat keine Ohren. Mein Seel! Ich tob', ich brüll' vor Hunger wie ein Besessener. Die Strapaze ging mir ein wenig übern Spaß. Wer heut mich wieder ans Traumbett kriegt', müßte ein Tausendsasa sein! Marsch fort zum Imbiß, Bruder Jahn! Wenn ich erst tüchtig gefrühstückt und meinen Magen sattsam versorgt und gestopft habe, will ich, wenn's sein müßt' und Not an Mann ging, das Mittagsbrot im Stich lassen – aber das Nachtessen? Nein, zum Teufel! Es ist ein Irrtum, ist ein Skandal in der Natur! Denn die Natur erschuf den Tag zu Müh und Arbeit. Am Abend löscht sie sacht ihr Licht aus und sagt stillschweigend: liebe Kindlein, ihr seid kreuzbrave Leut und habt jetzt genug geschafft, die Nacht ist da; drum sollt ihr eure Arbeit nun wegtun und euch erquicken mit gutem Brot, mit gutem Wein, mit gutem Fleisch; darnach euch ein wenig verschnaufen und dann schlafen gehn, daß ihr morgen früh wieder zur Arbeit frisch und fröhlich wie zuvor seid. Dies verstund der wackre Papst sehr wohl, der das Fasten erfand; er befahl, es soll gefastet werden nicht länger als bis zur Vesperstund; der Rest des Tages war Futterzeit. Vor Zeiten hielten nur wenig Leut das Mittagessen, außer den Mönchen und Chorherrn, denn sie haben ja so nix weiter zu tun, alle Tag haben sie Feiertag und halten getreulich am Klostersprüchel: von der Kirch' in die Küch'! Zu Nacht hingegen aß alle Welt, ein paar Hanswürst von Traumnarren etwa ausgenommen. Und jetzt marsch, mein Freund Jahn! Komm mit in des drei Teufels Namen! Mein Magen bellt vor Hunger wie ein wütiger Hund. Wir wollen ihm brav Suppe in den Rachen werfen, daß er still schweigt, nur muß ein Stück vom gepökelten Ackersmann drin schwimmen, dem man neun Lektionen gegeben hat.« –

»Ich versteh«, antwortete Bruder Jahn, »dieses Bild ist dem ›Klösterlichen Küchenbüchlein‹ entnommen. Der Ackersmann ist der Ochs, der ackert oder geackert hat. Zu neun Lektionen, das heißt, vollkommen gar gekocht. Denn die frommen Patres zu meiner Zeit, nach einem besonderen heiligen Brauch der Alten, machten früh, wenn sie sich zu der Metten erhoben, und vor dem Kirchgang, allerlei notwendige Vorbereitungen: sie kackten erstlich in Kackatorio, brunzelten in Brunzelio, kotzten in Kotzerio, husteten in Husturio melodisch und träumten in Tromitorio, damit sie nichts Unreines mit zum Gottesdienst brächten. Wann dies getan, verfügten sie sich andächtiglich in ihr heiliges Betstüblein – so hieß nämlich in ihrem Rotwelsch die Klosterküche –, und da hielten sie devotest an, daß jetzt gleich der Ochs zum Imbiß der Herren Patres und Fratres unsers Herrn und Meisters ans Feuer gestellt wurde, ja sie machten selbst wohl auch öfters das Feuer unter den Topf. So mußten sie dann, wenn die Metten neun Lektiones lang war, notwendig auch früher aufstehn, so daß ihr Hunger und Durst bei so langem Lamentieren auch hitziger wurde, als wenn die Mette bloß eine oder drei Lektiones lang war. Je früher sie aufstanden, je eher kam der Ochs ans Feuer; je länger beim Feuer, je garer; je garer, je mürber, weicher und zarter war er; je minder griff er ihnen die Zähne an, je mehr erfreute er den Gaumen, je minder druckt' er den Magen, je besser nährt' er die frommen Patres. Dieses aber war eben der Stifter alleiniger Zweck und erste Absicht, weil sie ja nicht essen sollten, um zu leben, sondern nur leben, um zu essen, und auf der Welt nichts weiter haben als ihr Leben. Jetzt komm, Panurg.«

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