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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Fünftes Kapitel

Wie man Gargantua kleiden tät

Als er in das Alter gekommen, befahl sein Vater, ihm Kleider zu machen nach seinen Farben, weiß und blau. Da ward sogleich Hand angelegt, und wurden gemacht, genäht, geschneidert nach damal kursierender Landesmod. Aus den alten Archiven der Rechnungskammer zu Montsoreau erseh ich, daß er in folgender Art bekleidet war:

Zu seinem Hemd wurden ausgehoben 900 Ellen Leindwand von Chastelleraud, und 200 zu den Zwickelkißlein unter die Achseln. Und ward nicht gefältelt; denn das Fälteln der Hemden ist erst aufkommen, seit die Näherinnen die Spitzen ihrer Nadeln zerbrochen haben und mit dem Öhr zu hantieren begonnen.

Zu seinem Wams wurden ausgehoben 813 Ellen weißer Atlas, und zu den Nestelschnüren 1509 und ein halb Hundshäut, denn damals fing die Welt an, die Hosen an das Wams zu henken, nicht das Wams an die Hosen, denn es läuft dies der Natur zuwider, wie ausführlich dartut Ockam im Kapitel über die Exponibilien des Meisters Beinkleiderios.

Zu seinen Hosen wurden erhoben 1105 und ein drittel Ellen weißen Sammets, und waren geschlitzt in Form geriefter, krenelierter Säulen hinten, damit sie ihm nicht die Nieren erhitzten; die Mützen aber mit blauem Damast innwenig geflitzert so viel als nötig; und ist zu merken, daß er sehr schön beschienbeint war und in der rechten Proportion zu seiner übrigen Leibesstatur.

Zu seinem Hosenlatz wurden erhoben 16 und ein Viertel Ellen des nämlichen Zeuges, und war wie ein Strebebogen gar lustig zwischen zwei schöne güldene Rinken gespannet, in die zwei Heftel von Glockenspeis eingriffen, und in jedem derselben war ein dicker Smaragd von der Größ eines Pomeranzapfels eingefaßt. Denn es hat dieser Stein (wie Orpheus Libro de Lapidibus, und Plinius Libro ultimo lehren) erektivische und stärkende Kraft des natürlichen Gliedes. Des Latzes Schlitz war einen Stab lang, geschlitzt wie die Hosen und mit blauem Damast gepufft wie oben. Hättet ihr aber erst die schöne gestickte Verbrämung gesehen und das artige Goldschmiedwerk dran, besetzt mit feinen Diamanten, feinen Rubinen, feinen Türkisen, feinen Smaragden und persischen Perlen, so würdet ihr ihn einem schönen Horn des Überflusses verglichen haben, wie ihr auf den Antiken seht, und wie sie Rhea den beiden Nymphen Adrastea und Ida, den Ammen Jupiters, verehrt'. Stets prächtig, trächtig, übersäftig, immer grünend, immer blühend, früchtesprühend, voller Blüten, voll aller Frucht und Herrlichkeit. Gott sei mein Zeuge, ob nicht der Latz ein stattliches Aussehn hätt', doch werd' ich euch davon noch ganz andre Ding berichten in dem Buch, das ich von der 'Würdigkeit der Lätze' verfaßt hab'. Eins aber sollt ihr dennoch wissen: daß er, obschon so lang und breit, doch innerlich sehr wohl verproviantieret und beschlagen war, in keinem Stück den heuchlerischen Scheinlätzen einer ganzen Schar von Schleckern ähnlich, in welchen zu großem Leidwesen der Weibsleut gar nichts enthalten ist denn Wind.

Zu seinen Schuhen wurden erhoben 406 Ellen karmesinblauen Sammets. Zur Besohlung derselben nahm man 1100 braune Kuhhaut, geschnitten nach der Stockfischschwänzenart.

Zu seinem Leibrock wurden erhoben 1800 Ellen blauen Sammet, rings mit schönem Laubwerk bordiert und in der Mitten mit silbernen Bechern von Cantille, umgestülpt unter güldenen Sparren mit dichten Perlen, anzuzeigen, daß er ein guter Stürzbecher zu seiner Zeit werden würd.

Sein Gürtel war aus 300 und einer halben Ellen Seidenserge, halb weiß, halb blau, wofern ich nicht sehr irre.

Sein Degen war nicht von Valencia, noch auch sein Dolch von Saragossa, denn sein Vater haßte dies ganze vermauschelte und verkommene Hidalgovolk wie den Teufel, sondern er hatte einen schönen Degen von Holz und einen Dolch von gummiertem Leder, so fein verguldet und gemalt, wie sich's nur einer wünschen mocht.

Sein Säckel war aus dem Hodensack eines Elefanten gefertigt, den ihm Mynheer Prakontal, Statthalter in Lybien, verehret.

Zu seinem Mantel wurden erhoben 9600 weniger zwei Drittel Ellen blauen Sammet, wie oben, ganz mit Gold durchfadelt in diagonalischer Figur: welches nach richtiger Perspektive eine unbekannte Farbe gab, wie ihr an Turtelhaubenhälsen sehet, allen denen die ihn sahen, ein unvergleichlicher Augentrost.

Zu seinem Barettlein wurden erhoben 302 und ein Viertel Ellen weißen Sammet, und war die Form desselben weit und rund nach Umfang des Hauptes. Sein Vater sagte, daß diese heutigen Barettlein auf Marrabesisch, wie ein Pastetensatz gestaltet, noch eines Tages ihren Verstutzten schlimme Händel zuziehn würden. Statt Federbusches trug er eine schöne große blaue Feder von einem Onokrotalus aus dem wilden Hyrkanien, die ihm gar zierlich übers rechte Ohr hing. Zu seiner Medaille führt' er in einer güldenen, 68 Mark schweren Platten eine Figur von gleichem Schmelzwerk, worin ein menschlicher Leib graviert war mit zwei Köpfen, den einen gegen den andern gedreht, vier Armen, vier Beinen und zwei Hintern, wie Plato in Symposio sagt, daß die menschliche Figur in ihrem mystischen Ursprung beschaffen gewesen, und stund darum mit ionischen Lettern geschrieben: ΑΓΑΠΗ ΟΥ ΖΗΤΕΙ ΤΑ ΕΑΥΤΗΣDie Liebe suchet nicht das Ihre.« (Luther.) Korintherbrief, 1, 13.

Sein gülden Kettlein, das er am Hals trug, wog 25063 Mark Goldes, in Form großer Beeren, mit grünen, rauh geschliffenen Jaspissteinen durchzogen, die wie Drachen graviert und geschnitten waren, sämtlich mit Strahlen und Funken umzirkelt, wie einst der König Necepsos trug, und hing ihm bis zum obern Wulst des Bauchs herunter; davon er dann sein Lebelang den Nutzen spürte, welches den griechischen Ärzten bewußt ist.

Zu seinen Handschuhen wurden verschnitten 16 Koboldsfelle, und zum Vorstoß dran 3 Wehrwolfshäut; und wurden ihm also zugericht nach dem Rat der Kabbalisten zu Saintlouand. Von Ringen (deren ihn sein Vater zu Erneuerung des Zeichens alter Ritterschaft tragen ließ) hatt' er am Zeigefinger der Linken einen Karfunkel von der Größe eines Straußeneies, in feines Seraphsgold zierlich gefaßt. Am Zeigefinger eben dieser Hand hatt' er einen Ring aus den vier Metallen allzumal, auf die wunderbarste Art verfertigt, die man noch je mit Augen gesehen; denn weder verschlang der Stahl das Gold, noch bracht das Silber das Kupfer unter. Alles gemacht durch Hauptmann Chappuys und seinen guten Faktor Alcofribas. Am Zeigefinger der Rechten hatte er einen Ring in spiralischer Form, darein ein vollkommner Balas-Rubin, ein ausgespitzter Diamant und ein Smaragd vom Physon, unschätzbaren Wertes, gefaßt waren. Denn Hans Carvel, Groß-Juwelier des Königs von Melindien, schätzt' sie zusammen auf 69 894 018 lange Wollenhammel. So hoch haben's auch die Fugger von Augsburg geschätzet.

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