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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweites Kapitel

Wie Panurg die Schuldner und Borger lobt und wie Pantagruel sie verabscheut

Wann aber«, frug Pantagruel, »werdet Ihr außer Schulden sein?« – »Anno nimmermehr«, antwortete Panurg, »wann alle Welt vergnügt sein wird, und jeder sein eigner Leibeserbe. Gott woll nicht, daß ich je aus den Schulden herauskäm! Dann fänd' ich ja keinen Menschen mehr, der mir auch nur einen Heller leiht. Habt Ihr allezeit einen Gläubiger, so wird er ohn Unterlaß Gott für Euch um Glück und Segen und langes Leben bitten, aus Furcht, sein Geld zu verlieren; wird immerdar in Gesellschaft von Euch nur lauter Liebes und Gutes reden, Euch immer neue Gläubiger werben, damit Ihr ihm sein Loch mit fremdem Zeug stopft. Glaubet nur: mit desto heißerer Andacht werden Euere Gläubiger Gott für Euch um Leben bitten und vor Euerm Tod erzittern, als ihnen der Ärmel näher denn der Arm, der Beutel lieber denn Leben ist, so wie die Wucherer, die sich unlängst erhenkten, weil sie sahen, daß der Wein und das Getreide im Preis abschlage und eine billige Zeit komme.«

Als hierauf Pantagruel keine Antwort gab, fuhr Panurg fort: »Potz Blitz! Ihr bringt mich, wenn ich mir's recht bedenk', fürwahr ganz aus dem Häuschen mit Euerm Tadel meiner Schulden und Gläubiger. Und doch halte ich mich gerade in diesem Punkt allein für herrlich, hoch und hehr, weil ich aus dem Nichts heraus Geschöpfe hervorbringe. Was schaff' ich? So viel schöne und gute Gläubiger. Denn Gläubiger sind schöne, gute, fromme Geschöpfe. Wer aber nichts herleiht, das ist ein häßliches, erzböses Geschöpf.

Was mach' ich? Schulden. O seltnes Glück! O edles Kleinod! Schulden, sag' ich, an Zahl die Silben übersteigend, die aus der Verbindung der Vokale mit allen Konsonanten entstehn! Glaubt mir, daß mir sauwohl wird, wenn ich jeden Morgen diese so demütigen, dienstbaren Gläubiger scharwenzelnd um mich versammelt seh'; wenn ich den einen ein wenig freundlicher anschau', ihn etwas besser traktier' als die andern, denkt der Esel gleich, er werd' sein Saldo zuerst erhalten, und nimmt mein Lächeln für bar Geld. Dann ist mir's, als wenn ich noch wie früher bei der Karfreitagspassion Gottvater spielen würde, umgeben von allen seinen Engeln und Cherubim. Und dies Sonntagsglück wollt Ihr mir rauben? Und Ihr fragt mich, wann ich schuldenfrei sein würde? Ja, was noch ärger ist! Denn Gott sei mein Zeuge, wenn ich nicht all mein Lebtag Schulden für eine Kette und Brücke zwischen Himmel und Erde gehalten habe.

Zum Beweise, stellt Euch einmal eine Welt ohne Schulden vor! Da werden die Gestirn aus allen ihren Gleisen weichen. Nichts wie Verwirrung. Jupiter, weil er Saturnen nichts mehr schuldet, wird ihn aus seiner Sphäre stoßen. Der Mond wird blutigrot und finster bleiben; wofür sollt' ihm die Sonne ihr Licht leihn? Sie ist doch nicht dazu verpflichtet. Die Sonne wird nicht mehr auf Erden scheinen, die Sterne nicht mehr mit gutem Einfluß herunterleuchten, denn die Erd gibt ihnen ihre Dünste und Nebel ja nicht mehr zur Nahrung, von denen, wie Cicero lehrt, die Sterne gespeist werden. Aus Erden wird kein Wasser kommen, das Wasser nicht in Luft sich wandeln, aus Luft kein Feuer entstehn, das Feuer die Erde nicht wärmen. Unter den Menschen wird keiner dem andern mehr beistehn, wie laut er auch um Hilfe, Mord, Feuer, Wasser und zeter schreit – niemand wird kommen: warum? Er hat nichts hergeliehen, man war ihm nichts schuldig, niemand hat Schaden von seinem Brand, von seinem Schiffbruch, Tod und Verderben. Er hat nichts verliehen, dafür leihet man ihm nun wieder nichts. Kurz, Glauben, Lieb und Hoffnung werden aus dieser Welt verbannet sein; denn die Menschen sind dazu geboren, einander zu helfen und beizustehn. Und stellt Ihr Euch jetzt nach dem Muster dieser verdrossenen, dickschnutigen, nichts leihenden Welt die andre kleine Welt vor, den Menschen, da werdet Ihr erst einmal Eure blauen Wunder erleben! Das Haupt wird seiner Augen Licht zur Leitung der Hände und Füße nicht herleihn; die Füße werden sich zu tragen weigern; die Hände ihren Dienst versagen. Das Herz, so vieler Pulsschläge müde, die Glieder nicht bewegen, ihnen nichts weiter leihen. Die Lunge wird dem Leib das Darlehn ihres Odems entziehn; die Leber ihm zu seinem Bedarf kein Blut mehr schicken, die Blase nicht mehr in der Nieren Schuld sein wollen, der Harn gesperrt sein. Das Gehirn wird dank dieser Weigerungen tranig werden und weder den Nerven Empfindung noch den Muskeln Nahrung reichen. Kurz, Ihr werdet in dieser vertrackten weder Leiher- noch Borgerwelt eine schmähliche Verschwörung sehen, und sie wird zweifelsohne zugrund gehn, und das in Bälde!

Denket Euch aber im Gegenteil eine andre Welt, wo jeder leiht, jeder schuldig ist, eitel Schuldner und Gläubiger wohnen. O welche Harmonie wird da in den stetigen Himmelsläufen ertönen! Mir deucht, ich hör' sie so gut als Plato seinerzeit. Oh, wie wird da Natur ihrer Werk und Wesen sich freuen! Unter den Menschen wird Friede herrschen, Eintracht, Liebe, Treue, Ruh; Schoppenstechen, Flaschenhalsbrechen, Braten wenden, Geldverschwenden! Gold, Silber, Scheidemünze, Ringe, Ketten, Kleinode, Kaufmannsgüter werden von Hand zu Hand gehen. Da wird kein Krieg, kein Prozeß, kein Streit sein, kein Wuchrer, Knicker, Filz. Du lieber Gott! Und dies wär' nicht das goldne Zeitalter? Das Urbild der olympischen Zonen, wo jede andre Tugend aufhört, bloß Liebe allein herrscht, thront, siegt, waltet, triumphieret? Alle werden dann gut sein, alle schön und gerecht. O glückliche Welt! O glückselige Menschheit! O dreimal selig und viermal! Ist mir doch, als wär' ich schon drin. Ich schwör' Euch bei dem und jenem, wenn diese himmlische, allen leihende, nichts versagende Welt einen Papst hätt' mit einem ganzen Sack voll Kardinälen und der heiligen Synode zur Seite, Ihr würdet da in wenig Jahren die Heiligen dichter wachsen, mehr Wunder tun, mit mehr Gebeten, Gelübden, Kerzen und Kreuzen bedeckt sehen als heute in der ganzen Pfaffengasse!«

»Ich versteh'«, antwortete Pantagruel, »Ihr scheint mir sehr erpicht auf Euern Satz, Ihr Silbenstecher! Predigt aber bis Pfingsten, bei mir werdet Ihr doch nichts ausrichten. Mit allen Euern schönen Reden könnt Ihr mich nicht in Schulden locken. Was sagt der heilige Apostel? »Seid niemand nichts schuldig, als daß ihr euch untereinander liebet und wert haltet.« Eure Sprüchlein und Beispiele gefallen mir auch ganz wohl. Ich sag' Euch aber: wenn ein frecher Borger und prellender Prahlhans in eine Stadt zuzieht, die schon vorher sein Laster kennt, so werdet Ihr finden, daß die Bürger vor seiner Ankunft mehr erzittern und schaudern werden, als wenn die Pest in eigener Person angerückt käme. Ich will nicht behaupten, man dürfte im Leben nie was borgen, im Leben niemand etwas leihn: es ist kein Mensch so reich, der nicht zuweilen was schuldig wäre; kein Mensch so arm, von dem man nicht zuweilen was lehnen möchte. Aber es ist eine große Schand', wenn einer immer und überall von einem jeden Geld borgen will, statt daß er arbeitet und sich's verdienet: man sollte, mein' ich, nur dann leihen, wenn einem Menschen Müh' und Fleiß nichts einbrachten oder er unerwartet plötzlich das Seine verloren hätt'. Damit genug von dieser Sach', und meidet mir künftig die Gläubiger.«

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