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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zwanzigstes Kapitel

Wie Pantagruel mit seiner Zung ein ganzes Kriegsheer deckte und was der Autor in dessen Mund sah

Sowie Pantagruel in Dipsodien an der Spitze seiner Scharen einzog, war alles Volk vergnügt darüber und ergab sich ihm ohn Verzug, und aller Orten, wo er hinkam, da brachten sie ihm die Schlüssel der Städte aus freien Stücken entgegengetragen – bis auf die Salzburger, die sich ihm nur gegen gute Sicherheit ergeben wollten.

»Was!« sprach Pantagruel, »Sicherheit! Wollen sie eine bessere haben als Hand am Krug und Faust am Glas? Wohlan, kommt und treibt mir sie zu Paaren!« Sogleich rückten alle in Reih und Glied zum Sturm entschlossen gegen sie an. Doch unterwegs auf einer großen Ebene überraschte sie ein dichter Regenschauer, daß sie sich schüttelten und zusammendrängten. Als Pantagruel dies sah, wollte er ihnen ein Obdach geben, streckte deshalb ein wenig die Zung heraus und deckte sie damit zu, wie eine Gluckhenn ihre Küchlein.

Da ich, der ich euch diese wahrhaftigen Taten hie erzähl, nicht mehr gut Platz darunter fand, so eng ging's zu, stieg ich, so gut ich konnte, an Pantagruel hinauf und wanderte wohl zwei Meilen weit auf seiner Zunge hin, bis ich ihm endlich in den Mund kam. Aber, o ihr Götter und Göttinnen! Was erblickt' ich da! Ich spazierte darin umher wie in der Sophienkirche zu Konstantinopel und sah mächtige Felsenblöck, groß wie die Berge in Dänemark – ich glaub', es sind seine Zähne gewesen –, große Wiesen, dichte Wälder, auch feste wohlverschanzte Städte, nicht kleiner als Poitiers oder Lyon. Der erste, den ich da antraf, war ein guter Gesell, der baute Kraut auf seinem Acker; ganz verwundert frug ich den: »Ei, mein Freund, was schaffst du hier?« – »Ich bau halt Kraut«, antwortete er. – »Ja, wieso denn? und zu was?« – »Hm«, sprach er, »Herr, wir können eben nicht alle reich sein. Hiermit verdien' ich mir mein Brot und trag's zum Markt in die Stadt dort hinten.« – »Jesus!« sagte ich, »ist hier wohl gar eine neue Welt?« – »Ist weiter just nix Neues dran«, antwortete er; »s' gibt Leut, die sagen, da draußen wär auch eine Welt und hätt' auch Sonn und Mond und alles vollauf zu leben darin; die hier ist aber doch älter.« – »Schon gut, mein Freund«, sagte ich zu ihm, »und wie heißt die Stadt, wo du dein Kraut zu Markt hinführest?« – »Kehl, Herr; recht wackre Leut, und lauter gute Christen drin, die Euch trefflich aufnehmen werden.« – Kurz, ich entschloß mich, hinzugehen.

Wie ich nun so weiter zog, traf ich auf einen Buben am Weg, welcher den Tauben Netze stellte. Den fragte ich: »Freund, woher kommen denn Eure Tauben?« – »Mein Gott, die kommen von der andern Welt«, antwortete er. – Da dacht' ich mir, daß, wenn Pantagruel einmal gähnte, die Tauben wohl zu ganzen Flügen, in der Meinung, es wär ein Taubenschlag, ihm in das Maul zogen. Ich ging dann vollends in die Stadt, die ich recht schön und fest befand; und voll guter Luft. Aber die Pförtner vor dem Tor wollten meinen Paß sehen. Betroffen fragte ich: »Wie, meine Herren, hat's irgend hier wegen der Pest Gefahr?« – »Ach Gnädigster!« versetzten sie, »unweit von hier, da sterben Euch die Leut auf den Gassen dutzendweis'.« – »Ei heiliger Gott!« sprach ich, »und wo denn?« – Darauf sagten sie mir, es wär in Laringen und in Pharingen, zwei großen und reichen Handelsstädten, wie Rouen und Nantes. Der erste Ursprung der Pest wär ein fauler und giftiger Brodem gewesen, unlängst vom Abgrund aufgestiegen, an dem über 2 060 016 Menschen seit acht Tagen verblichen seien. Da überschlug, erwog und erkannt' ich, daß dies ein stinkender Atem aus dem Magen des Pantagruel gewesen war, als er den vielen Knoblauch aß, wie ich oben erzählt habe.

Von hier schlug ich mich ins Gebirg, das heißt seine Backzähn, und stieg so lang, bis ich oben auf einem stand. Da fand ich den schönsten Ort der Welt; schöne große Ballspielplätze, schmucke Laubengänge, schöne Triften, Rebenhügel im Überfluß und eine unzählbare Menge kleiner artiger Gasthäuslein nach welscher Manier in den Auen gelegen und alles rings voll Fröhlichkeit. Hier verblieb ich fast vier Monat, und ich hab' mein Lebtag seit der Zeit nicht wieder so flott gelebt wie damals. Dann stieg ich an den hintersten Zähnen nach dem Zahnfleisch hinunter; aber in einem tiefen Wald, unweit der Ohren, wurde ich von Räubern ausgezogen. Schließlich fand ich im Tal einen kleinen Flecken (der Name ist mir entfallen), wo ich mir's noch besser gehen ließ und mir sogar ein Zehrgeld verdiente. Und wißt Ihr wie? Mit Schlafen! Denn dort dingt man die Leute zum Schlafen tagweis'; man verdient den Tag fünf, auch wohl sechs Dukaten damit; die, welche aber recht laut schnarchen können, stehen sich bis sieben und achtehalben. Hier erzählte ich's den Ratsherrn, wie ich im Tal geplündert worden sei; die stimmten mir bei und sagten, dies Volk da hinten sei ein böses Gesindel und von Natur erzräuberisch. Daraus sah ich nun klar: wie wir das Land bei uns zu Haus in vor und hinter den Bergen teilen, so heißt's dort: vor und hinter den Zähnen; vorn ist aber weit besseres Leben, und auch eine weit gesündere Luft. Da noch keiner dies Land beschrieben hatte, in dem doch mehr als fünfundzwanzig bewohnte Königreiche liegen, die Wüsten und ein breiter Meerstrich nicht mitgerechnet, habe ich ein großes Buch darüber verfaßt, ›Der Maulinger Geschichte‹ betitelt; denn so hab' ich sie getauft, weil sie im Maul meines Herrn und Meisters Pantagruel wohnen. Endlich wollt' ich auch wieder heim; da stieg ich an seinem Bart hinab und schwang mich ihm auf die Schultern, von wo ich weiter zu Tal abglitt und vor ihm platt auf die Erd hinfiel. Als er mich sah, frug er mich: »Ei mein Alcofribas, woher kommst du?« – »Aus Euerm Maul, Herr«, antwortete ich. – »Und wie lang«, sprach er, »warst du darinnen?« – »Seit Ihr«, sprach ich, »den Feldzug in Halmyrodien unternahmt.« – »Das ist schon über sechs Monat her«, sagte er; »und wovon lebtest du, was aßest du, was trankst du?« – »Herr«, sagte ich, »dasselbe, von dem Ihr lebt, und von den leckern Schleckereien, die durch Euern Schlund passierten, erhub ich mir den Zoll.« – »Wohl«, sprach er, »doch wohin schissest du?« – »In Euern Hals, Herr.« – »Ha ha ha! Du bist fürwahr ein artiger Knabe! Wir haben jetzt mit Gottes Hilf das ganze Dipsodierland bezwungen; ich schenk' dir die Burgvogtei Salmigundien.« – »Vergelt's Euch Gott, Herr!« sprach ich zu ihm, »Ihr tut mir weit mehr Liebs und Guts, als ich um Euch verdienet habe.«

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