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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Sechzehntes Kapitel

Wie Pantagruel auf absonderliche Weise den Dipsoden und Riesen obsiegt

Nach allen diesen Gesprächen rief Pantagruel ihren Gefangenen, entließ ihn und sprach: »Geh hin zu deinem König in sein Lager und sag ihm: Sobald nur meine Galeeren da sind, also spätestens morgen mittag, werd ich mit 1 800 000 Mann Kriegsvolk und 7000 Riesen ihm dartun, daß er unvernünftig und albern daran getan hat, mein Land mit Krieg zu überziehen.« – Damit täuschte Pantagruel dem Mann vor, daß er ein großes Heer zur See habe, ferner gab er ihm ein Schächtelchen voll dursterzeugender Materie, hieß es ihm seinem König bringen und sagen, daß, wenn er davon eine Unze essen könnte, ohne drauf zu trinken, der Sieg ihm sicher sei. – Nachdem der Gefangene weg war, sprach Pantagruel zu den übrigen: »Kinder, ich hab' dem Gefangenen zu verstehn gegeben, daß wir zur See ein Kriegsheer hätten und keinen Sturm vor morgen mittag auf sie machen wollten, damit sie aus Furcht vor dem zahlreichen Feind die Nacht mit Rüstung und Schanzen verbringen. Derweil ist meine Absicht aber, sie um die Stunde des ersten Schlafs zu überfallen.«

Hier verlassen wir Pantagruel samt seinen Jüngern und reden von dem König Anarchos und seinem Heer.

Als der Gefangene ankam, ging er sofort zum König, meldete ihm die Worte Pantagruels und gab ihm darauf das Schächtlein mit dem Fruchtmus. Aber kaum hatte er einen Löffel voll davon verschluckt, als er im Schlund ein solches Brennen verspürte, daß ihm die Haut von der Zungen schwoll und nichts helfen wollte, als zu saufen ohn Unterlaß; denn sowie er den Becher vom Mund brachte, wollt' ihm die Zunge im Gaumen verbrennen. Als seine Hauptleute und Leibtrabanten das sahen, kosteten auch sie die Arznei, ob sie wirklich so dursterregend sei, es ging ihnen aber wie ihrem König, und alle fingen an, so hitzig zu bechern, daß alsbald durch das ganze Lager das Gerücht lief, der König und seine Obersten präparierten sich auf eine bevorstehende Schlacht, und zwar durch Saufen, was ihnen nur in die Hälse ginge. Da legt sich denn desgleichen jeder im Heer aufs Schöppeln und Zechen und trank so oft und noch mal oft, bis alle besoffen wie die Schweine im Lager durcheinander und übereinander fielen.

Jetzt kommen wir aber wieder zum guten Pantagruel und melden, wie er in diesem Strauß sich hielt. Beim Abzug vom Landungsplatz nahm er den Mastbaum von ihrem Schiff statt eines Pilgersteckens in seine Hand, packte in den Mastkorb 237 Fässer weißen Weins von Anjou, lud das Schiff ganz voller Salz und hing's so leicht an seinen Gurt, wie die Landsknechtsweiber ihre Körblein zu tragen pflegen. Nicht weit mehr vom Lager des Feinds machten sie halt und räumten unter den 237 Fässern so gründlich auf, daß auch kein Tröpflein überblieb. Als sie dies gute Werk vollendet, sprach Pantagruel zum Karpalim: »Geh in die Stadt, klimm auf die Mauer wie ein Ratz und sag dem Volk drin, daß sie jetzt auf der Stell mit aller Macht einen Ausfall auf den Feind machen sollen. Wenn du's gesagt hast, spring zurück, nimm eine brennende Fackel und steck mir alle Zelte und Baracken im Lager in Brand damit, dann schrei so laut du kannst und eil aus dem Lager zu uns zurück.« – »Wär's nicht auch gut«, frug Karpalim, »ihr ganzes Geschütz ihnen zu vernageln?« – »Nicht doch, nicht doch«, sprach Pantagruel, »aber zünd nur ihr Pulver an.« – Alsbald dazu bereit, schoß Karpalim fort und führte Pantagruels Befehle aus. Alles wehrhafte Volk in der Stadt machte einen Ausfall, er aber warf das Feuer in die Zelte und Baracken, ohne daß die Besoffenen etwas davon spürten.

Als er nun aus den Verhauen heraus war, schrie er so mörderlich, als wären alle Teufel der Hölle los, und von dem Schrei erwachte der Feind, aber so hundsdämlich verkatert wie beim Morgengrauen.

Mittlerweil fing Pantagruel an, das Salz, das er in seinem Schiff mit sich führte, auszusäen, und weil den Feinden im Schlaf die Mäuler weit offen standen, so versalzte er ihnen die Hälse bis oben herauf. Da schluckten und druckten die armen Wichte und schrien: »Ach Pantagruel! Pantagruel! machst du uns die Dursthöll so heiß?« Aber plötzlich kam Pantagruelen das Brunzen an, und er brunzte so überschwenglich in ihr Lager, daß er sie alle zusammenschwemmte und auf neun Meilen in die Runde eine richtige Sintflut entstand. Als sich die Feinde nun ermuntert hatten und einerseits ihr Lager in Flammen und sie andrerseits das Harnmeer sahen, wußten sie weder, was sie raten noch denken sollten. Etliche meinten, daß der Welt Ende und Jüngstes Gericht erschienen wär; die andern glaubten, des Meeres Götter verfolgten sie, zumal das Wasser in Wahrheit einen salzigen Beigeschmack hatte. Um aber jetzt den Kampf Pantagruels mit den 300 Riesen erzählen zu können, mußte ich einen Becher vom besten Wein vor mir haben, den je einer derjenigen gekostet hat, die diese wahrhaftige Geschichte lesen werden.

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