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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Elftes Kapitel

Wie Panurg in eine hohe Pariser Dame verliebt war

Panurg kam nachgerad zu Ansehn in Paris durch diesen Sieg über den Engländer und trug von Stund an seinen Hosenlatz höher, und das Volk lobpries ihn öffentlich und machte auf ihn einen Gassenhauer, der in aller Mund war. Er war auch in allen Damenzirkeln sehr gern gesehen. Da schwoll ihm bald der Kamm so hoch, daß er sich an eine der ersten Damen der Stadt zu machen wagte.

Flugs und ohne Umschweife, wie sie heute Mode sind, sagte er einst zu ihr: »Madame, dem Staat wär es ersprießlich, Euch ergötzlich, Euerm Stammbaum zur Ehre gereichend und mir notwendig, wenn Ihr Euch mit meiner Rasse belegen ließet. Glaubet mir's nur, denn die Erfahrung wird es Euch lehren.« – Bei diesem Wort stieß ihn die Dame auf hundert Meilen weit von sich und sprach: »Verhaßter Narr, geziemt Euch diese Sprach zu mir? Wen meint Ihr, daß Ihr vor Euch habt? Nun packt Euch fort und kommt mir nur nie mehr vor Augen! Denn wenig fehlt, und ich laß Euch Arm und Bein zerschlagen.«

»Hum«, sprach er, »mich ficht's wenig an, ob man mir Arm und Bein zerschlägt, wenn Ihr und ich nur unser Späßlein einmal zusammen haben könnten; ich mein das Spiel vom Tier mit den zwei Rücken; denn sehet hier! (und er wies auf seinen langen Latz) hier wohnt mein Musikant, der soll Euch einen Hopser spielen, daß Ihr ihn bis in das Mark der Gebeine verspürt.«

Die Dame antwortete: »Fort, Ihr Unflat! Nur fort! Wenn Ihr mir noch ein Wort sagt, ruf ich die Leute herbei und laß Euch durchbläuen, bis Ihr liegenbleibt.« – »Ho«, sprach er, »Ihr seid doch nicht so schlimm, als Ihr Euch stellt. Nicht doch! Da müßt' ich mich sehr in Euerm Gesicht betrügen. Eure Schönheit ist so ausbündig, einzig, himmlisch, daß ich glaub', die Natur hat in Euch ein Muster geschaffen, um uns sehen zu lassen, wieviel sie tun kann, wenn sie all ihre Macht und Weisheit gebrauchen will. Wie selig wird der sein, dem Ihr in Gnaden gönnet, Euch zu umfangen, zu küssen und an Euch seinen Speck zu reiben! Ha bei Gott! Und der bin ich, das seh ich klar, denn schon liebt sie mich inniglich. Ich erkenn's, ich bin dazu von den Feeen prädestiniert. Frisch also, keine Zeit verloren, drauf und dran und aufgebockt!«

Damit wollt' er sie umfangen, aber sie stellte sich, als wenn sie die Nachbarn aus dem Fenster zu Hilfe rufen wollt'; aber Panurg entwich sofort und sprach noch auf der Flucht zu ihr: »Wartet, Madame, ich komm' gleich wieder, ich hol' sie selbst, bemühet Euch nicht.«

Tages darauf begab er sich um die Stunde, wenn sie zur Messe ging, an die Kirche und reichte ihr in der Tür mit einer tiefen Verneigung das Weihwasser. Darauf kniete er traulich neben ihr nieder und sprach: »Madame, wißt, ich bin so verliebt in Euch, daß es mir Stuhlgang und Wasser verschlägt. Ich weiß nicht, was Ihr davon denkt; wenn mir ein Unglück passiert, was sollt' denn draus werden?« – »Geht, geht!« sprach sie, »mich kümmert's nicht, und laßt mich hier mein Gebet verrichten.« – Dann erwiderte Panurg: »Habt die Gnade und reicht mir doch mal dies Rosenkränzel.« – »Da nehmt«, sprach sie, »und plagt mich nicht weiter.«

Mit diesen Worten wollt' sie ihm ihren Rosenkranz, der von Zedernholz mit großen güldnen Kugeln war, reichen; aber Panurg zog hurtig eins von seinen Messern und schnitt ihn glatt ab, steckte ihn in seine Diebstaschen und frug sie: »Wollt Ihr etwa mein Messer?« – »Nein, nein«, sprach sie. – »Es steht Euch aber doch gern zu Dienst, mit allem Drum und Dran.« – Der Dame inzwischen war es nicht gar wohl um ihren Rosenkranz zumut, denn er war ihr in der Kirche die vornehmste Herzstärkung, und sie dacht' bei sich: ich werde so bald meinen Rosenkranz wohl nicht wiedersehen. Was wird mein Mann dazu sagen? Er wird mir zürnen; aber ich werd ihm sagen, es hätt' ihn in der Kirch ein Dieb mir abgeschnitten: das glaubt er leicht, wenn er das Band noch am Gürtel sieht.

Nach dem Essen ging Panurg wieder hin zu ihr und fing an: »Welches von uns beiden hat wohl das andre lieber, Ihr mich, oder ich Euch?« – Da antwortete sie: »Was mich betrifft, hasse ich Euch nicht, denn ich hab' alle Menschen lieb, wie Gott befiehlt.« – »Ja aber«, sprach er, »ich mein', ob Ihr nicht in mich verliebt seid?« – »Hab' ich Euch nicht schon so vielmal gesagt«, antwortete sie, »daß Ihr mir nicht mehr solche Reden führen sollt? Sprecht Ihr mir nur noch ein Wort davon, werd ich Euch zeigen, ob ich eine Frau bin, der Ihr von Unzucht schwatzen dürfet. Hinweg! Und meinen Rosenkranz gebt mir zurück, daß nicht mein Mann mich danach fragt. Sonst will ich nichts von Euch!«

»Nun, bei Gott«, antwortete er, »ich aber will von Euch was, und es kostet Euch nichts und macht Euch nicht ärmer. Schauet her! (hier wies er auf seinen langen Latz) hier ist ein Tausendsasa, der sucht Quartier!« Und damit wollt' er sie umarmen. Aber sie fing an zu schreien, allerdings nicht gerade übermäßig laut. Da schnitt Panurg ein schiefes Gesicht und sprach: »So wollt Ihr denn in gutem mich nicht ein wenig machen lassen? Ei, schad für Euch, Ihr seid der Ehr und des hohen Glückes gar nicht wert. Aber bei Gott, jetzt bring' ich Euch auf den Hund!« Und damit floh er im scharfen Trab auf und davon, aus Furcht vor Schlägen, denn er war stockscheu von Natur.

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