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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Achtes Kapitel

Wie Panurg Ablaß kaufte und die alten Weiber verheiratete, und was für Prozesse er in Paris hatte

Eines Tages traf ichIn diesem Kapitel mischt sich der Verfasser persönlich in die Handlung. Panurg ein wenig still und kopfhängerisch an, dacht' also wohl: er hat kein Geld mehr, und sprach zu ihm: »Panurg, Ihr seid krank, ich seh's auf den ersten Blick und ich kenn' auch das Übel; es ist der Durchfall in Eurem Beutel; aber grämt Euch nur weiter nicht, ich hab' noch sechs Gröschel und einen halben, da Vater und Mutter nix von weiß, die werden Euch in der Not nicht fehlen, so wenig als die Franzosenkrankheit.« – Darauf gab er mir aber zur Antwort: »Ach was, Geld! Ich werd' bald nicht mehr wissen, wohin mit; denn ich hab' einen Stein der Weisen, der zieht mir das Geld aus dem Beutel wie der Magnet das Eisen. Aber«, sprach er, »wollen wir zwei zusammen gehen und Ablaß kaufen?« –

»Nun«, sagte ich drauf, »ich bin sonst eben nicht hitzig darnach in dieser Welt; wer weiß, wie's in der andern sein wird; doch laßt uns gehen in Gottes Namen; um einen Pfennig, nicht mehr noch minder.« – »Aber«, sprach er, »leiht mir dazu einen Pfennig auf Zinsen.« – »Nix, nix«, sagte ich, »ich schenk' ihn Euch aus gutem Herzen.« – »Vergelt's Gott«, antwortet' er. So gingen wir denn zusammen aus und fingen bei Sankt Gervasen an; da nahm ich mir mein Ablaßbrieflein am ersten Schrein und weiter nicht, weil ich bei diesem Artikel mit wenig vorlieb nehm'. – Er aber kauft' an allen Schreinen und zahlt' einem jeden Ablaßmann überall Geld hin. Von da begaben wir uns weiter zu Notre Dame, zu Sankt Anton, Sankt Johann und in die andern Kirchen, wo Ablaß feil war; ich meinesteils kauft' weiter nichts, er aber, wo er nur hinkam, küßte an allen Schreinen die Reliquien und gab jedem. Zuletzt, auf dem Heimweg, führt' er mich ins Weinhaus zum Schloß und wies mir zehn bis zwölf seiner Täschelchen, ganz mit Geld gespickt. Ich bekreuzte mich und frug ihn: »Woher habt Ihr dies viele Geld in der kurzen Zeit?« Da gab er mir zur Antwort drauf, er hätt's aus den Ablaßbecken genommen. »Denn«, sprach er, »immer den ersten Pfennig, den ich ihnen gab, den steckt' ich so sänftlich in die Büchse, daß er ein schwerer Taler zu sein schien, nahm darauf mit der einen Hand zwölf Pfennig, oder auch zwölf Dreier oder Zweier zum wenigsten, und mit der andern drei bis vier Groschen, und immer so in allen Kirchen, wo wir gewesen sind.« – »Hört einmal«, sprach ich, »da fahrt Ihr ja kopfüber, kopfunter zur Höll! Ihr Dieb und Kirchenräuber!« – »Ja doch«, sprach er, »wie Ihr meint, aber ich mein es anders; die Ablaßhöker schenken mir's ja, wenn sie mir die Reliquien zum Küssen reichen und dabei sagen: ›Centuplum accipies‹, für einen Pfennig nimm dir hundert. Zudem hat mir ohnhin Papst Sixtus einst fünfzehnhundert Taler Renten auf den Kirchenschatz verschrieben; denn ich kuriert' ihn damals von einer bösen Lustseuch, die ihm so zusetzte, daß er daran Zeit seines Lebens zu hinken meinte. Ich mach' mich also auf eigne Hand aus seinem Kirchenschatz bezahlt.«

»Hui«, fuhr er fort. »Freund! Wenn du wüßtest, wie ich mein Schäfchen bei dem Kreuzzug geschoren hab', du würdest erstaunen. Der hat mir mehr denn sechstausend Gülden eingebracht.« – »Wo Teufel«, sagte ich, »sind die aber? Du hast ja nicht einen Deut mehr davon.« – »Da wo sie hergekommen waren«, antwortet' er, »sie haben bloß die Herren verwechselt. Doch hab' ich wohl dreitausend davon mit Heiratsstiften und Ausstattungen vertan, nicht etwa junger Dirnen, denn diesen fehlt es so nicht an Männern, sondern alter unsterblicher Vetteln, die keinen Zahn mehr im Schnabel hatten. Der einen gab ich hundert Gülden, der andern zwei Schock, der dritten dreihundert, je nachdem sie recht gräulich, grausig und scheußlich waren; denn je furchtbarer und gräßlicher, je mehr mußt' ich ihnen geben; sonst hätt' sie der Teufel nicht hernehmen mögen. Flugs also hol' ich mir von der Gaß einen derben stämmigen Lastträger und schließ' die Eh gleich selbst mit ihm; doch eh ich ihm noch die Alten zeig', halt ich ihm das Geld hin und sprech: ›Komm her, mein Bruder, schau, dies ist dein, wenn du mal drüber willst, daß die Federn stieben.‹ – Von Stund an fingen die armen Gäuch zu rossen an wie alte Maulhengste. Ich setzt' ihnen brav zu essen vor, zu trinken vom besten, stark gewürzt, damit die Alten in Brunst gerieten und hitzig würden. Das End vom Lied war, sie gingen los wie alle guten Geister, und nur den allererschrecklichsten und schauderhaftesten Fratzen darunter hing ich einen Sack vors Gesicht.

Außerdem hab' ich auch mit Prozessen viel sitzen lassen.« – »Was für Prozeß konntest du haben?« frug ich ihn, »hast du doch weder Haus noch Hof.« – »Mein Freund«, sprach er, »die Jungfern hier in der Stadt hatten auf Eingebung des höllischen Feinds eine Art von Mieder oder steife Kragen erfunden von hohem Schnitt, die ihnen die Busen so verrammelten, daß man auch nicht eine Hand mehr drunter bringen konnt'; denn der Schlitz war hinten dran, und vorn alles zu. An einem schönen Dienstag nun geb' ich ein Schreiben ans Gericht ein und werf mich gegen genannte Jungfern zum Kläger auf und lege dar, wie ich dabei viel Abbruch litt. Mit einem Wort, ich hab' den Jungfern so scharf zugesetzt, daß von Rechts wegen die hohen Mieder ihnen zu tragen verboten wurden, wofern sie nicht vorn einen angemessenen Schlitz hätten. Es kostet' mich aber ein schön Stück Geld. Dann rechne noch dazu, was mich die kleinen Extrakurationen kosten, die ich den Schloßbuben immerfort aus meiner Tasche geb'.« – »Und wofür?« frug ich. – »Mein Freund«, antwortet' er, »du hast auch keinen Spaß auf der Welt; ich aber hab' dessen mehr als der König; und wenn du dich mit mir verbünden wolltest, wir würden selbst den Teufel drankriegen.« – »Nein, nein«, sagte ich, »da sei Gott vor, denn du wirst eines Tags gehangen.« – »Und du«, sprach er, »wirst eines Tags beerdigt. Was ist ehrlicher, Luft oder Erde? O armes Schaf! Hing nicht der Herr Christus selbst in der Luft?

Aber zur Sache! Derweil die Buben nun schmausen, halt ich ihnen die Maultiere und schneid unmerklich dem einen und andern die Steigriemen auf der Schrittseite entzwei, so daß sie nur noch an einem dünnen Ende hangen. Wenn dann der dicke Wanst von Rat oder was er ist im vollen Schwung aufsitzen will, fährt er Euch vor allen Leuten, wie ein Schwein, der Läng nach hin und macht uns einen Heidenspaß. Ich aber lach' noch einmal so gut, denn wenn sie erst nach Hause kommen, dann lassen sie den Monsieur Buben dreschen wie grünes Sommerkorn. Da schmerzt mich dann die Zech nicht groß, die ich für sie hab' aufgehen lassen.«

Kurz und gut: er hatte, wie schon gesagt, dreiundsechzig Mittel und Weg, sich Geld zu machen, aber deren zweihundertundvierzehn, es zu vertun, ganz abgesehen vom Humpenheben.

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