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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Siebtes Kapitel

Von Sitten und Lebensart Panurgens

Panurg war mittlerer Leibesstatur, weder zu groß noch zu klein; er hatte eine etwas gebogene Adlernase, wie ein Schermesserstiel, und stund damals in seinem fünfunddreißigsten Jahr oder da herum. Er taugte soviel wie ein blecherner Säbel, dabei war er von Person ein gar stattlicher Mann, nur etwas liederlich und von Natur mit der Krankheit behaftet, die zu jener Zeit Geldmangel hieß.

Gleichwohl hatte er immer an dreiundsechzig verschiedne Mittel bereit, um sich Geld zu machen, so viel er jederzeit bedurfte, davon das gewöhnlichste und ehrlichste noch der Weg des heimlichen Mausens war. Ein Taugnichts, Gauner, Saufaus, Bummler und Pflastertreter wie keiner mehr in ganz Paris; im übrigen aber der bravste Knabe auf Gottes Erden. Und allzeit hatte er's mit den Häschern und der Scharwache zu tun.

Einstmals bracht' er drei bis vier handfeste Bauernlümmel zusammen, ließ sie des Abends sich besaufen wie die Templer, dann führt' er sie bis oben auf die Anhöhe bei Sankt Genoveven und zu der Stunde, wenn die Schwarwache da hinanzog, nahm er mit seinen Gesellen einen Karren, dem gaben sie einen derben Schub, daß er mit aller Macht zu Tal schoß und so die arme Scharwache sämtlich wie die Schweine in den Kot hinstreckte. Dann wischten sie auf der andern Seit davon; denn in weniger als zwei Tagen kannte er alle Gassen, Gäßlein und Schlupfwinkel von Paris im Kopf auswendig wie sein Vaterunser. Ein andermal streute er auf einen schönen freien Platz, darüber eben diese Wache passieren mußt', einen Streifen Kanonenpulver aus, und als sie mitten drauf war, steckte er's in Brand und hatte sein Kurzweil dran, zu sehen, wie sie so zierlich Reißaus nahmen, als ob ihnen das höllische Feuer schon in den Beinen saß. In seinem Wams führt' er über sechsundzwanzig kleinere Taschen und Täschlein, allzeit voll und wohl versehen: das ein mit etwas Bleiwasser und einem kleinen scharfen Messer, wie es die Kürschner gebrauchen; damit schnitt er die Beutel ab; das ander mit scharfem Traubensaft, den er den ihm Begegnenden ins Gesicht spritzte, ein andres mit Kletten, voll feinen Gäns- oder Hühnerflaums befiedert, die warf erden armen Leuten auf Röcke und Mützen und machte ihnen öfters artige Hörnlein draus, welche sie durch die ganze Stadt, ja etliche Zeit ihres Lebens trugen. Ebensolche setzte er auch den Weibern zuweilen hinten an ihre Hauben, in Gestalt eines männlichen Gliedes. In einem andern trug er einen Haufen Tütlein voll' lauter Flöh und Läus, die er den Spitalern zu Sankt Innozenz abfing und mit kleinen Röhrlein oder Schreibfederspulen den zartesten Fräulein in die Mieder schnellte, vor allem in den Kirchen; denn niemals ging er oben aufs Chor, sondern blieb allezeit unten im Schiff bei den Weibern, sowohl in der Messe und Vesper, als während der Predigt.

In einem wieder stak ein ganz Besteck voll Haken und Heftel, womit er öfters in Gesellschaft, wenn's gedrängt zuging, Männer und Weiber aneinanderflickte, zumal wo etwa eine ein Kleid von dünnem Taft trug; wenn's dann zum Aufbruch kam, zerrissen sie sich die ganzen Kleider. In einem andern bewahrte er ein Feuerzeug mit Schwefel, Zundel, Stein und übrigem Zubehör.

In noch einem andern zwei bis drei Brenngläser, mit denen er dann und wann Männer und Weiber in der Kirchen schier toll machte und außer aller Fassung brachte.

In einem andern war Nadel und Zwirn, damit trieb er tausend Teufelsstreiche. Als eines Tags im großen Vorsaal des Parlaments ein Franziskaner die Messe zu lesen hatte, half er ihn kleiden und ausstaffieren; aber während des Anziehens nähte er ihm die Stola an Rock und Hemd fest an. Als am Schluß der arme Frater die Stola abtun wollte, zog er auch Kleid und Hemd mit vom Leder, denn sie hingen fest zusammen, streifte sich auf bis unter die Achseln und zeigte allen Leuten öffentlich sein Fitzlibutzli, das traun nicht klein war. In einem fort zerrte und zog der Frater, aber je mehr er zerrte, je mehr deckte er sich auf, bis endlich einer der Ratsherren sprach: »Was! Will uns etwa der saubere Pater hier seinen Steiß statt der Monstranz zum Küssen reichen?« – Von der Zeit an ward verordnet, daß sich die armen Meßpfäfflein nicht öffentlich mehr entkleiden durften, sondern in ihrer Sakristei, besonders wo Weiber zugegen wären, denn man befürchtete, sie auf heimliche Sünden lüstern zu machen.

Ein ander Täschlein war voller Juckpulver, das streute er den geschniegelsten Dämlein in den Rücken, daß sie vor aller Welt sich entblößen und ausziehen mußten, und etliche tanzten wie Hähne auf glühenden Kohlen darnach, und wie sie sich entkleideten, warf er ihnen seinen Mantel über den Rücken, als ein galanter und sittiger Mann. – In noch einem andern war nichts als lauter kleingestoßnes Niespulver, und darein tauchte er ein feines Schneuztuch von zierlicher Stickerei, das er der schönen Nähterin entwendet hatte, als er ihr einen Floh von der Brust fing, den er ihr gleichwohl doch selber erst darauf gesetzt. Und wenn er dann in einer Gesellschaft mit ehrbaren Frauen zu sprechen kam, bracht' er alsbald die Rede auf das Weißzeug, befühlte ihre Miederspitzen und frug: »Was für Gespinst ist dies? Von Flandern oder von Hennegau?« Zog darauf sein Schneuztuch hervor und sprach: »Da seht her, da ist eine Arbeit drin! Dies hab' ich aus der Fickardie, es ist von Vecheln.« Dazu schüttelte er's ihnen derb unter die Nase, daß sie vier Stunden in einem Atem weg niesen mußten. Er aber unterdessen ließ einen fahren wie ein Karrngaul; wenn dann die Weiber lachten und sprachen: »Wie? Ihr furzt, Panurg?«, antwortete er: »Nicht doch, Madame, ich mach' nur den Konterbaß zu Eurer Nasenmelodei.«

Wieder in einem andern war ein Dietrich und anderes Diebesgerät, dem kein Kasten und keine Tür widerstehen konnte.

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