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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Drittes Kapitel

Auf welch seltsame Art Gargantua geboren ward

Während sie noch dergestalt sich verlustierten, fing Gargamelle über Leibschmerz zu klagen an; daß Grandgoschier vom Gras aufstund, ihr liebreich zusprach in Meinung, es wären die Kindeswehen, und zu ihr sagt', es wär ihr dort zu frisch gewesen in dem Weidengebüsch und würd gewiß nicht lang mehr währen, so würd sie junge Beine kriegen; müßt also sich auch ein frisch Herze fassen zur frischen Ankunft ihres Püppleins, und wenn ihr der Schmerz auch ein wenig streng däucht', so würd er doch bald ein Ende nehmen, und die drauf folgende Freud ihr all dies Leid vertreiben, also daß sie gar nicht mehr dran denken würd. »Denn«, sprach er, »ich beweis' es euch: unser Heiland im Evangelium Johannis sechzehn, sagt er nicht: ›Ein Weib, wenn es gebärt, so hat sie Traurigkeit; wenn aber sie das Kindlein erst zur Welt geboren, gedenkt sie nicht mehr an die Angst‹?« – »Ei«, sprach sie, »daran sagt ihr recht, und diese evangelische Reden hör' ich weit lieber und tun mir besser, als wenn mir einer ein langes und breits das Leben der heiligen Margret vorsagt und mehr dergleichen Pfaffengewäsch.« – »O du Lamms-Courage!« sprach er, »schafft dies fort, so machen wir bald sein neues.« – »Ha!« sprach sie, »was doch ihr Mannsleut für gut reden habt. Nu, mit Gottes Hilfe will ich mich zwingen, weil's euch lieb ist. Aber ich wollt zu Gott, daß er euch abgehauen wär.« – »Wer? Was?« sprach Grandgoschier. – »Ha«, antwortete sie, »wie blöd ihr tut! Ihr versteht's ja wohl.« – »Mein Hahn?« sprach er, »Potz Zickelblut! Wenn euch dies ansteht, schafft doch gleich ein Messer her!« – »Ach«, sprach sie, »ach bei Leib nit! Gott verzeih mir's, ich meint's nit von Herzen! An meine Reden dürft ihr euch nicht kehren, weder wenig noch viel. Aber heut werd ich wohl mächtig zu schwitzen kriegen, so Gott mir nicht beisteht, und das alls um eures Hähnchens willen, damit's euch wohl wär.«

»Nur Herz gefaßt, nur Herz«, sprach er, »bekümmer dich des weitern nicht, und laß die vier Ochsen da vorn nur ziehen. Ich geh jetzt und trink' noch ein paar Schlückel, werd aber gar nicht weit sein; wo dich indeß ein Weh anstieß', bin ich auf einen Pfiff in die Hand flugs wieder bei dir.«

Bald fing sie zu ächzen, zu lamentieren, zu schreien an. Alsbald erschienen Hebammen haufenweis von allen Enden; die befühlten sie zuunterst und fanden ein Geschling von ziemlich argem Geschmacke, dachten, es wär das Kind: allein es war das Fundament, das ihr entging durch die Erweichung des graden Darmes (welchen ihr den Mastdarm nennt), weil sie zu viele Kutteln gegessen, wie wir zuvor berichtet haben.

Da gab ihr eine alte Vettel aus der Gevatterschaft, die für eine große Ärztin geachtet, ein entsetzliches Stopfmittel, welches ihr alle Karunkeln im Leib dermaßen zusammenschnürt' und räutelt', daß ihr sie mit genauer Not mit den Zähnen hättet erlockern mögen – was schauderhaft zu denken ist: zumal der Teufel doch in der Meß des heiligen Martin, als er das Getratsch der beiden Sibyllen aufschrieb, sein Pergament mit schönen Zähnen gar wohl zu prolongieren wußt.

Durch diesen Unfall öffneten sich die Mutterdrüsen der Gebärmutter oberwärts, durch welche das Kind kopfüber hupft' in die hohle Ader, dann durch das Zwerchfell weiter kroch bis über die Achseln (wo sich gedachte Ader in zwei teilt) und, seine Straß zur linken nehmend, endlich durchs linke Ohr zu Tage kam.R. verspottet hier die Theologen, die behaupten, Maria habe durch das Ohr empfangen. Ein alter Kirchengesang lautet: Gaude, virgo, mater Christi, Quae per aurem concepisti. Sobald es geboren war, schrie es nicht, wie die andern Kinder, mi mi mi!, sondern mit lauter Stimm: zu trinken! zu trinken! zu trinken!, gleich als ob es die ganze Welt zu trinken ermahnt', so hell auf, daß es die ganze Gegend von Beusse und Bibaroys vernahm. Ich bild' mir ein, ihr werdet an diese verwundersame Nativität nicht steif und fest zu glauben wagen. So ihr's nicht glaubt, ficht's mich nix an: aber ein Biedermann, ein Mann von Verstande, glaubet allzeit das, was man ihm sagt und was er in Schriften findet. Sagt nicht Salomo Sprichwörter am Vierzehnten: ›Der Unschuldige glaubt jedes Wort‹ usw.? Und der heilige Paulus ersten Korinther 13: ›Die Liebe glaubet alles?‹ Warum wollet ihr's also nicht glauben? Weil man es nimmer ersehn hat, sagt ihr. Ich aber sag' euch, daß ihr eben um dieser einen Ursach willen ihm vollen Glauben schenken müßt. Denn die Sorbonnisten nennen den Glauben einen Beweis derer Ding, die man niemals mit Augen siehet.

Läuft's etwa wider unser Gesetz, wider Glauben, Vernunft oder Heilige Schrift? Ich, meines Orts, kann in der Bibel nichts finden, was dawider wär. Und wenn es Gott so gefallen hätt', meint ihr, er hätt's nicht tun können? Ei, ich bitt' euch doch um alles, umnebelkäppelt euch nicht die Köpf mit solchen eiteln Gedanken: ich sag' euch, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und wenn er wollt', so brächten von Stund an die Weiber ihre Kinder also durchs Ohr zur Welt! Kam Bacchus nicht aus dem Schenkel des Jupiter? Fliegenschnäpper aus seiner Ammen Pantoffeln zur Welt? Minerva – entsprang sie nicht durchs Ohr aus Jupiters Hirn? Adonis durch eines Myrrhenbaums Rinden? Kastor und Pollux aus einem Ei, das Leda gelegt und ausgebrütet? Wie aber sollt ihr erst erstarren und staunen, wenn ich euch jetzt gleich das ganze Kapitel des Plinius auslegen wollt', in welchem er von seltsam unnatürlichen Geburten handelt? Gleichwohl bin ich noch lang kein so dreister Lügner als er. Lest nur in seiner Naturgeschichte das dritte Kapitel des siebenten Buchs und quält mir nicht länger die Ohren damit.

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