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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Fünftes Kapitel

Wie Pantagruel zu Paris von seinem Vater Gargantua ein Schreiben erhielt; nebst Abschrift desselben

Die ganze Zeit studierte Pantagruel sehr brav, wie ihr leicht denken könnt, und bracht' auch was Stattliches hinter sich, denn er hatt' einen doppelt genäheten Geist und ein Gedächtnis so weit, wie der größte Weinschlauch, und eines Tages, während er daselbst sich aufhielt, überkam er von seinem Vater ein Schreiben, welches lautete wie folgt:

»Vielgeliebter Sohn! Unter den Gnadengütern und Vorzügen, womit der allmächtige Weltenschöpfer die Natur des Menschen in ihrem Ursprung begabt hat, scheinet mir vor allen herrlich und einzig zu sein, durch unsres Leibesabkunft im rechtmäßigen Ehestand schon im sterblichen Zustand eine Art von Unsterblichkeit zu erlangen.

Nun aber verbleibt, auf diesem Wege samlicher Fortpflanzung, in den Kindern, was den Eltern verlorenging, und in den Enkeln, was den Kindern abhanden kam, und immer so fort bis zur Stund des Jüngsten Gerichtes.

Derhalb ich dann wohl eine gerechte und billige Ursach hab, Gott meinem Erhalter zu danken, daß er mich dahin aufgesparet, mein graues Alter in deiner Jugend wiederum neu erblühen zu sehen. Denn wann dereinst auch meine Seel diese irdische Wohnung verlassen muß, werd ich mich doch nicht gänzlich für gestorben achten, vielmehr von einem Orte nur an einen andern zu gehen meinen, weil ich in dir und durch dich mit meiner sichtbaren Leibesgestalt auf dieser Erde lebend, sehend, in der Gemeinschaft wackerer Leut und meiner Freunde, so wie ich pflog, zurückverbleibe. Die Freude, die mir daraus erwächst, wär aber klein, wenn ich nun sehen und denken müßt', daß nur der geringste Teil von mir, welches der Leib ist, überblieb, und der beste, die Seel', die unsern Namen unter den Menschen im Segen erhält, entartet und verkümmert wäre.

Solches sag' ich nun nicht etwa aus Mißtrauen gegen deine Tugend, die ich vorlängst erprobt, vielmehr, um dich zu immer besserem Wachstum im Guten dadurch aufzumuntern. Und was ich dir jetzt schreibe, ist nicht sowohl dahin gemeinet, daß du dies Tugendleben erst führen, sondern also zu leben oder gelebt zu haben dich freuen solltest, und deinen Mut auch für die Zukunft dazu bestärken.

Darum, mein Sohn, ermahn' ich dich, deine Jugend mit allem Fleiß den Studien und der Tugend zu widmen. Du bist in Paris, hast deinen Lehrer Epistemon; der kann dich sowohl durch löblich Beispiel als lebendigen mündlichen Rat unterweisen.

Weil aber nach Salomons wahrem Wort die Weisheit nicht kommt in die Seelen der Bösen, und Wissen ohn Gewissen nichts anders als der Seelen Tod ist, so sollst du Gott dienen, ihn lieben, fürchten und auf ihn dein ganzes Sinnen und Hoffen setzen. Trau nicht dem Irrsal der Welt. Hänge dein Herz nicht an Eitelkeit; denn dieses Leben ist vergänglich, aber des Herren Wort bleibet ewig. Sei allen deinen Nächsten gern zu Diensten, liebe sie wie dich selbst. Ehre deine Lehrer, fliehe die Gemeinschaft derer, denen du nicht willst gleich sein, und die Gaben, die du von Gott empfangen hast, laß sie dir nicht umsonst verliehn sein. Und wenn du vollends spüren wirst, dort alle Weisheit erworben zu haben, komm wieder zu mir, daß ich dich seh und meinen Segen dir geb', eh ich sterbe.

Mein Sohn, der Friede und die Gnade unseres Herren sei mit dir. Amen. Aus Utopien am siebenzehnten des Märzmonats, dein Vater Gargantua.«

Nach aufmerksamer Lesung dieses Schreibens faßte Pantagruel frischen Mut und ward zum Lernen mehr als je zuvor entzündet, dergestalt, daß ihr, wenn ihr ihn hättet studieren und in Erkenntnis wachsen sehen, von seinem Geist hättet sagen müssen, daß er unter den Büchern wär, was die Flamm im dürren Reisig – so unermüdlich rasch und lodernd.

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