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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Drittes Kapitel

Von Pantagruels Kindheit

Pantagruel nun nahm schier unglaublich zu an Leib und Leibeskräften in kurzer Zeit, und Herkules, der die zwei Schlangen in der Wieg erdrückt', war nichts dagegen; denn die Schlangen waren doch nur klein und gebrechlich. Pantagruel aber in seiner Wiege vollbracht' die schauderhaftesten Dinge.

Eines Morgens, als man ihm eine seiner Milchküh zum Säugen brachte (denn andre Ammen hatt' er niemals, so viel uns die Geschichte lehrt), macht' er sich aus den Wiegenbändern, darin er geschnürt lag, einen Arm frei, packt' euch das Kühlein unterm Knie und aß ihm beide Euter und den halben Bauch ab samt Leber und Nieren, ja hätt' es gänzlich aufgezehrt, wenn es nicht mörderisch geschrien hätt', als ob es die Wölf an den Beinen zausten. Auf solches Geschrei lief alles zu, und sie entzogen die Kuh dem Pantagruel; es ging aber doch nicht so säuberlich ab, daß er das Knie nicht in der Hand behalten hätt', wie er's just hielt. Das aß er rein auf, wie ihr eine Wurst äßet; und als man ihm den Knochen nehmen wollt', schlang er ihn hinunter gleich wie das Walroß ein kleines Fischlein. Wie seine Wärter dieses sahen, banden sie ihn mit starken Seilen fest. Als aber einmal ein großer Bär, den sein Vater hielt, entsprungen war und auf ihn zukam, und ihm das Gesicht belecken wollt', denn die Zofen hatten ihm just das Schnäuzel nicht allzusauber gewischt, entschlug er sich des Seiles so flink wie Simson unter den Philistern, packt' euch den Monsieur Bären an und riß ihn wie ein Hühnel in Stücke, worauf er ihn zu seiner Mahlzeit als guten warmen Braten verspeiste. Da ließ Gargantua, besorgt, daß er sich einen Schaden tun möcht', vier schwere eiserne Ketten schmieden und ihn damit festbinden. Ihr findet von diesen Ketten noch eine zu Rochelle, womit man alle Abend die beiden großen Hafentore sperret. – Nun blieb er still und geduldig, denn die Ketten konnt' er nicht so leicht zerreißen, zumal er in der Wiege nicht genug Spielraum für die Arme hatte. Nun aber merket, was einmal an einem hohen Fest sich zutrug, als eben sein Vater Gargantua allen Prinzen seines Hofs einen schönen Schmaus gab. Ich glaub's gern, sämtliches Gesind im Haus hatte mit den Gästen so viel zu schaffen, daß man sich um den armen Pantagruel nicht groß kümmert' und ihn also im Stich ließ. Was tat er? Was er tat, ihr lieben Leut? Nun höret: Er stampfte einfach mit den Beinen so lang, bis er der Wiege den Boden eintrat, und wie er jetzt die Füß heraus hatte, ruckt' er sich so weit er konnt' herunter, bis er mit den Füßen die Erd erreichte. Darauf erhub er sich mit Macht und trug also gebunden die Wieg auf dem Rücken davon wie eine Schildkröt, die an einer Mauer hinankreucht. Solchergestalt begab er sich in den Saal, wo bankettiert ward, und erschreckte die da Versammelten fürwahr nicht wenig. Weil ihm aber die Händ inwendig geschlossen waren, konnt' er nichts zu essen erreichen, sondern bückt' sich mit schwerer Müh, ob er etwa mit der Zung einen Bissen erwischen könnte. Als dies sein Vater sah, erkannt' er, daß man ihn ohne Nahrung gelassen, und befahl auf den Rat der versammelten Fürsten und Herren, daß man ihm die Ketten abnehmen sollte; zumal auch des Gargantua Leibärzt der Meinung waren, daß, wenn man ihn so in der Wiege hielt, er sein Lebtag am Nierenstein und Grieß würde zu leiden haben. Als er nun los war, ließ man ihn mit niedersitzen: da hieb er sehr tapfer ein und schlug seine Wiege in mehr denn 500 000 Stücke mit einem einzigen Faustschlag, den er im Ärger mitten darauf vollführt' – mit dem Protest, in seinem Leben nie einen Fuß mehr drein zu setzen.

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