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Gargantua und Pantagruel

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFrançois Rabelais
titleGargantua und Pantagruel
publisherWilhelm Goldmann Verlag
editorUlrich Rauscher
year1960
translatorGottlob Regis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060905
projectid0bbb3292
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Zweites Kapitel

Wie Gargantua um sein Weib Hängemunden Leid trug

Der aber über Pantagruels Ankunft gar außer sich und schier verdutzt war, das war sein Vater Gargantua. Denn einesteils sah er sein Weib Hängemunden tot, und andernteils seinen Sohn Pantagruel geboren, so schön und groß – da wußt' er nicht, was er beginnen noch sagen sollte. Und war der Zweifel, der ihn in seinen Gedanken peinigte: ob er müßt' weinen vor Traurigkeit über sein Weib, oder lachen vor Freuden über seinen Sohn.

»Muß ich jetzt heulen?« sprach er. »Ja. Denn warum? Mein teures Weib ist tot, die beste hin, die beste her, die man auf Erden nur finden mocht'. Ich werd' sie nimmer wiedersehen, krieg' auch so eine halt nimmer wieder; ist mir ein unschätzbarer Verlust! O du mein Gott, was tat ich dir, daß du mich also hart bestrafest? Warum nahmst du mich nicht eher von hinnen? Denn ohne sie zu leben, ist mir nur ein Siechtum. Ach, du armer Pantagruel! Du bist um deine liebe Mutter, um deine süße Amme gekommen. Ach, falscher Tod, wie bist du so tückisch, wie handelst du also schmählich an mir, daß du mir diese rauben mußt, der die Unsterblichkeit mit Recht gebühret hätt'?«

Und wie er dies sprach, heult' er wie eine Kuh. Doch plötzlich lacht' er wieder hell auf wie ein Kalb, wenn ihm Pantagruel einfiel. »Ho! Ho!« rief er, »mein kleiner Sohn, lieb's Hosseloddel, wie bist du so artig! Wie dank ich Gott, daß er mir einen so schönen, muntern, lachenden, artigen Sohn gegeben! Lassen wir alle Traurigkeit fahren; bring vom besten, spül die Gläser, deck den Tisch, jag die Hund 'naus, blas das Feuer auf, steck's Licht an, mach die Tür zu, schneid die Suppen ein, laß die Armen 'rein, gib ihnen, was sie haben wollen. Da nimm mein Kleid, daß ich mir's leicht mach, daß ich mich besser umtun kann und die Gevatterinnen bedienen.«

Bei diesen Worten hört' er die Mementos und Litaneien der Priester, welche sein Weib zu Grabe trugen. Da vergaß er der guten Vorsätze wieder, ward plötzlich wie weit weg verzückt und sprach: »Herr Gott! muß ich mich dennoch von neuem betrüben?« Dies verdrießt mich. Ich bin nit mehr jung, ich werd nun alt, das Wetter ist bös, ich könnt' ein Fieber davon han, so läg' ich auf der Nas. Bei meinem Ritterwort, besser ist, man weint was weniger und trinkt dafür was Wein mehr. Mein Weib ist tot. Wohlan! So Gott mir helf, mein Heulen weckt sie doch nimmer auf; sie hat's gut, ist im Himmel zum wenigsten, wenn nicht noch höher. Nu, Gott helf weiter, ich muß schaun, wie ich zu einer andern komm. Aber was ich euch sagen wollt'«, sprach er zu den Hebammen, »gehet ihr mit bei ihr zur Leich; ich will derweil meinen Sohn hier wiegen, denn ich spür einen grausamen Durst, und könnt' leicht krank werden. Aber trinket zuvor noch eins! Es wird euch guttun, dies glaubt mir auf mein Ehrenwort.« – Ihm also folgsam, gingen sie mit zu der Leich und zum Begräbnis, und der arme Gargantua blieb zu Haus und macht' derweil das Epitaphium, welches er ihr wollt' setzen lassen, das so lautete:

Im Kindsbett tat sie, die mein Herz erfreut,
Frau Hängemunde, ihren letzten Hauch,
Rebekken war sie gleich an Lieblichkeit,
Von spanischer Figur mit einem Schweizerbauch.

Ein kurz Gebetlein tut, die ihr hier weilt,
Hier ruht ihr Leib, sie hielt ihn stets in Ehren.
Gott möge fröhl'che Urständ ihr gewähren.
Sie starb am Tag, da sie der Tod ereilt.

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